„Es kommt im­mer al­les ’raus“

Gün­ther Beck­stein über den Nut­zen der Moral für wirt­schaft­li­che Er­fol­ge

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - Gün­ther Beck­stein

Karls­ru­he. Ein Be­kennt­nis trägt er auf sei­nen So­cken: „Hier ste­he ich und kann nicht an­ders.“Kein His­to­ri­ker konn­te je ei­nen Be­weis da­für fin­den, dass Mar­tin Lu­ther die­sen Satz wirk­lich so vor dem Reichs­tag in Worms aus­ge­spro­chen hat. Aber längst ist die Sen­tenz so le­gen­där um­rankt, dass sie im Jahr des Re­for­ma­ti­ons­ge­den­kens als be­lieb­ter Auf­druck her­hal­ten muss. Auch auf der Fuß­be­klei­dung Gün­ther Beck­steins, des be­ken­nen­den lu­the­ri­schen Chris­ten aus Nürnberg. 14 Jah­re lang war der Fran­ke In­nen­mi­nis­ter des Frei­staats Bay­ern, als Ver­fech­ter ei­ner stren­gen Si­cher­heits­po­li­tik schnell über die Gren­zen sei­ner Hei­mat hin­aus be­kannt. Dann folg­ten be­schei­de­ne 13 Mo­na­te im Amt des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten – für bay­ri­sche Ver­hält­nis­se er­schre­cken­de 43 Pro­zent Stimm­an­teil hat­te die CSU 2008 ge­holt, ein Ein­bruch von 17 Pro­zent. Beck­stein über­nahm die Ver­ant­wor­tung, trat zu­rück und ist „ins Ab­kling­be­cken der Po­li­tik“ein­ge­taucht, wie der mitt­ler­wei­le 73-Jäh­ri­ge sagt.

Dort fühlt sich der pro­mo­vier­te Ju­rist of­fen­bar pu­del­wohl. Der Ta­ges­po­li­tik ent­rückt, im po­li­ti­schen und recht­li­chen Ge­schäft bes­tens ver­netzt und mit gro­ßer Le­bens­er­fah­rung aus­ge­stat­tet, kann er An­stö­ße ge­ben und da­bei sei­ner Lust an ge­pfleg­ten Sot­ti­sen nach­kom­men. Ges­tern war er zu ei­nem Ab­ste­cher nach Karls­ru­he ge­kom­men, wo ihn die Kanz­lei Caem­me­rer und Lenz zu ei­ner „bre­ak­fast talk“ge­nann­ten früh­mor­gend­li­chen Ge­sprächs­run­de ein­ge­la­den hat­te, um mit Ju­ris­ten über Lu­ther und die mo­der­ne Wirt­schafts­ethik zu rä­so­nie­ren. Da­bei war­te­te Beck­stein mit ei­ner mar­kan­ten The­se auf: „Sich mo­ra­lisch zu ver­hal­ten“, sagt der Fran­ke, „ist ei­ne Fra­ge der Ver­nunft.“Für die­se The­se hat er ei­ne Rei­he von sehr prag­ma­ti­schen Bei­spie­len aus Wirt­schaft und Po­li­tik parat. Denn ei­nes hat Beck­stein in sei­ner lan­gen Kar­rie­re gut ge­lernt: „Es kommt im­mer al­les ’raus“. Ob es hart­nä­ckig re­cher­chie­ren­de Me­di­en sind oder ent­täusch­te Mit­ar­bei­ter, Ver­stö­ße ge­gen Ge­set­ze oder gu­te Sit­ten sind so­zu­sa­gen Zeit­bom­ben. Wenn sie hoch­ge­hen, hin­ter­las­sen sie rie­si­ge Schä­den und zer­stö­ren Ver­trau­en, die „wich­tigs­te Wäh­rung“über­haupt. Für Gün­ther Beck­stein kann es da­mit nur hei­ßen: nicht auf kurz­fris­ti­ge Ge­winn­ma­xi­mie­rung set­zen, son­dern ei­ne lang­fris­ti­ge so­li­de Grund­la­ge schaf­fen. Da­bei zeigt der pro­mo­vier­te Ju­rist aber auch die Gren­zen von Recht und Ge­setz auf. Denn „oh­ne Ethik schei­tert je­des re­gu­la­to­ri­sche Prin­zip“. Oder an­ders: Ge­set­ze al­lein ge­nü­gen nicht, es muss auch ei­nen Grund­kon­sens zum mo­ra­li­schem Ver­hal­ten ge­ben. Gün­ther Beck­stein würzt sei­ne The­se vom Nut­zen der Moral für ein pro­spe­rie­ren­des Wirt­schafts­le­ben mit reich­lich An­schau­ungs­ma­te­ri­al. Et­wa je­nem Mon­tag­mor­gen, als die Kanz­le­rin ein Ret­tungs­pa­ket in der Fi­nanz­kri­se schnür­te und die Zu­stim­mung ein­for­der­te, „oh­ne dass auch nur ein Kom­ma ge­än­dert“wer­den dür­fe.

Ge­nüss­lich be­schreibt er, wie Mar­tin Schulz ei­ni­ge sei­ner eu­ro­pa­po­li­ti­schen For­de­run­gen wie ei­ne ge­mein­sa­me Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung als Kanz­ler­kan­di­dat nun schnell wer­de ver­schwin­den las­sen müs­sen. Da­bei schaut Beck­stein (Fo­to: Onuk) stets et­was schel­misch drein. Viel­leicht ist es auch die Vor­freu­de, die ihn lä­cheln lässt: Denn von Karls­ru­he aus geht es erst mal zur TV-Fast­nacht nach Veits­höch­heim, ein Hö­he­punkt des frän­ki­schen Fa­schings und ein Muss für Gün­ther Beck­stein. Klaus Gaß­ner

„Ich bin ein Po­li­ti­ker im Ab­kling­be­cken“

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