Ei­ne Ka­the­dra­le als Streit­ob­jekt

In St. Pe­ters­burg lie­gen die Ner­ven blank

Pforzheimer Kurier - - FORUM - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Klaus-Hel­ge Do­nath

St. Pe­ters­burg. „Bloß kei­ne neue Re­vo­lu­ti­on!“, warn­te der Ex­per­ten­rat der Rus­sisch Or­tho­do­xen Kir­che (ROK) in ei­ner Mi­schung aus Be­sorg­nis und Hu­mor. Im­mer­hin jäh­ren sich in die­sen Ta­gen der Aus­bruch der Fe­bru­ar­re­vo­lu­ti­on und die Ab­dan­kung des Za­ren 1917 zum 100. Mal. Ort des Ge­sche­hens da­mals wie heu­te: Sankt Pe­ters­burg. Wie­der geht es um die Ei­gen­tums­fra­ge.

Dies­mal dreht es sich vor­erst nur um ein Ob­jekt: Die Isaaks-Ka­the­dra­le, die mit ei­ner gol­de­nen Kup­pel von 101 Me­tern Hö­he zum Unesco-Welt­kul­tur­er­be zählt und die ein Wahr­zei­chen von St. Pe­ters­burg ist. Die Kir­che ver­langt die Ka­the­dra­le seit lan­gem zu­rück. Erst im Früh­jahr 2016 wies der Pe­ters­bur­ger Gou­ver­neur Ge­or­gi Pol­tawt­schen­ko das An­sin­nen je­doch ent­schie­den zu­rück. Mo­na­te spä­ter, im Ja­nu­ar, seg­ne­te er die Über­ga­be über­ra­schend ab. 49 Jah­re soll die Kir­che nun die Nut­zungs­rech­te er­hal­ten. Dass der Gou­ver­neur die­sen Be­schluss nicht oh­ne den Pe­ters­bur­ger Wla­di­mir Pu­tin traf, gilt als aus­ge­macht.

Vor kur­zem zo­gen 2 000 Bür­ger ge­gen die­se Ent­schei­dung zu Fel­de, aufs Mars­feld in Sankt Pe­ters­burg. Sie ver­lang­ten, dass die Kir­che wei­ter­hin als Mu­se­um ge­nutzt und auch vom Staat ver­wal­tet wer­de. Red­ner plä­dier­ten da­für, ein Re­fe­ren­dum über den Ver­bleib des Sa­kral­baus ent­schei­den zu las­sen. Das hat­te die Stadt­ver­wal­tung je­doch schon ab­ge­lehnt.

Der öf­fent­li­che Pro­test kam über­haupt nur zu­stan­de, weil ein paar Stadt­ver- ord­ne­te die Ver­an­stal­tung als „Tref­fen mit ih­ren Wäh­lern“aus­ge­ge­ben hat­ten. Noch ist dies nicht an­mel­de­pflich­tig. Sonst wä­re der Pro­test dem re­pres­si­ven rus­si­schen Ver­samm­lungs­recht zum Op­fer ge­fal­len. Mehr als 200 000 Bür­ger un­ter­zeich­ne­ten be­reits ei­ne Pe­ti­ti­on im In­ter­net ge­gen die Ver­fü­gung. Die­se Di­men­si­on hat­te der Ex­per­ten­rat der Kir­che wohl vor Au­gen, als er vor ei­nem neu­en Auf­stand warn­te.

Russ­lands Mu­se­ums­ver­band läuft eben­falls Sturm. Es ste­hen nicht nur 400 Ar­beits­plät­ze auf dem Spiel. Die mu­sea­le Fachwelt fürch­tet, die Kir­che kön­ne den Er­halt der Kunst­wer­ke und die schwie­ri­ge tech­ni­sche Ver­sor­gung nicht ga­ran­tie­ren, so sagt es zu­min­dest Di­rek­tor Ni­ko­lai Bu­row. Rund drei Mil­lio­nen Tou­ris­ten be­sich­ti­gen die Ka­the­dra­le je­des Jahr. Zu den Got­tes­diens­ten in ei­ner Sei­ten­ka­pel­le fin­den sich sel­ten mehr als 30 Gläu­bi­ge ein, so Di­rek­tor Bu­row. Auch die Ein­nah­men für die Stadt­kas­se sind mit um­ge­rech­net zehn Eu­ro pro Ti­cket nicht un­be­trächt­lich. Was ver­an­lass­te aber den plötz­li­chen Sin­nes­wan­del?

Be­ob­ach­ter ver­mu­ten, Ki­rill, der Pa­tri­arch der rus­si­schen or­tho­do­xen Kir­che, sei bei Kreml­chef Wla­di­mir Pu­tin persönlich vor­stel­lig ge­wor­den. Denn der Zeit­punkt sei kein Zu­fall. Im Zu­sam­men­hang mit dem Jah­res­tag der Re­vo­lu­ti­on möch­te der Kreml Russ­lands Ge­schich­te als ei­ne Spa­zier­fahrt durch die Jahr­hun­der­te dank wei­ser po­li­ti­scher Füh­run­gen prä­sen­tie­ren. Das re­vo­lu­tio­nä­re Blut­bad 1917 stört je­doch.

Der Ver­söh­nungs­ver­such des Kreml, den Za­re­witsch Ale­xej und Groß­her­zo­gin Ma­ria im Krei­se der Za­ren­fa­mi­lie

Tau­zie­hen um ein Wahr­zei­chen

bei­zu­set­zen, schei­ter­te bis­lang am Ein­spruch der Kir­che. Bei­de wa­ren da­mals fern­ab der Fa­mi­lie er­mor­det wor­den. Die Kir­chen­spit­ze be­haup­tet, die DNA sei trotz an­ders­lau­ten­der wis­sen­schaft­li­cher Ana­ly­sen nicht au­then­tisch. An­be­raum­te Bei­set­zun­gen ließ die Kir­che mehr­mals plat­zen.

Soll nun ein Kuh­han­del statt­fin­den, da­mit die Ge­schich­te im Rück­blick doch noch har­mo­ni­scher da­her­kommt? Das ver­mu­ten rus­si­sche Be­ob­ach­ter zu­min­dest. Der Kreml bräuch­te ei­ne Show, um die na­tio­na­le Ein­heit zu ze­le­brie­ren. Ei­ne Bei­set­zung wä­re ei­ne star­ke Ges­te.

Die Isaaks-Ka­the­dra­le war im 19. Jahr­hun­dert wich­tigs­te zen­tra­le Kir­che des Za­ren­reichs. Sie wur­de als Sym­bol des Im­pe­ri­ums er­rich­tet. Auch das reizt die or­tho­do­xe Kir­che, die un­ter Prä­si­dent Pu­tin be­reits deut­lich an Macht­fül­le zu­le­gen konn­te. Durch Nut­zung des Wahr­zei­chens möch­te die Kir­che auch an das staats­kirch­li­che Selbst­ver­ständ­nis er­in­nern. In der aus By­zanz über­kom­me­nen „Sym­pho­nie“aus Staat und Kir­che ist letz­te­re auch nur ei­ne staat­li­che Agen­tur. Ent­schei­dend ist die Hier­ar­chie zwi­schen bei­den. Zur­zeit sitzt der Pa­tri­arch schein­bar am län­ge­ren He­bel.

2016 gab der Staat der or­tho­do­xen Kir­che 133 Ob­jek­te aus dem al­ten Kir­chen­fun­dus zu­rück. Die Rück­füh­rung re­gelt ein 2010 er­las­se­nes Ge­setz. Tau­sen­de Bau­ten ste­hen noch auf der Lis­te der Be­hör­de für Staats­ei­gen­tum. Halb­ver­fal­le­ne Bau­ten in der Pro­vinz sind bis­lang noch we­nig ge­fragt.

KIR­CHE ODER MU­SE­UM? Die tra­di­ti­ons­rei­che Isaaks-Ka­the­dra­le in St. Pe­ters­burg sorgt in der rus­si­schen Groß­stadt für er­reg­te Dis­kus­sio­nen. Fo­to: dpa

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