„Dann leg ich mich auf ’ne In­sel“

Ei­ne Po­di­ums­dis­kus­si­on zum The­ma „Gestal­tung im di­gita­len Zeit­al­ter“

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Ka­ta­stro­phe oder end­lo­ses Frei­zeit­ver­gnü­gen? Die Po­di­ums­dis­kus­si­on, die beim gest­ri­gen ARTIMA art mee­ting auf ein eher un­spek­ta­ku­lä­res The­ma an­ge­setzt war, er­öff­ne­te in ih­rem Ver­lauf ziem­lich kon­trast­rei­che Per­spek­ti­ven. Es ging um „Gestal­tung im di­gita­len Zeit­al­ter“. Als Björn Mel­hus von Carl Fried­rich Schrö­er, dem Mo­de­ra­tor der Ver­an­stal­tung, ge­fragt wur­de, ob er Angst ha­be, als Künst­ler über­flüs­sig zu wer­den, wenn Al­go­rith­men Kunst­wer­ke ent­wi­ckeln. Kein Pro­blem, mein­te Mel­hus: „Dann leg ich mich auf ’ne In­sel und lass mei­nen Ro­bo­ter die Ar­beit ma­chen.“

Von ei­ner „di­gita­len Re­vo­lu­ti­on“hat­te der Mo­de­ra­tor zu­vor ge­spro­chen und hat­te sich mit die­sem Stich­wort zu­nächst an Da­ni­el Hor­nuff ge­wandt, der an der Karls­ru­her Hoch­schu­le für Gestal­tung (HfG) lehrt. Und ob denn die­se Re­vo­lu­ti­on eben­falls „ge­walt­sam und blu­tig“ver­lau­fen wer­de wie die Re­vo­lu­tio­nen, die man aus der Ge­schich­te kennt. Hor­nuff ver­wies dar­auf, dass die di­gi­ta­le Bild­kul­tur mit Ge­walt­ta­ten ein­her­ge­he und nann­te als Bei­spiel den Is­la­mi­schen Staat (IS), der mit sei­nen Vi­de­os auf „glo­ba­le Schock­wir­kung“zie­le. Die­ser Ef­fekt sei zu ei­nem gut Teil der leich­ten Ver­füg­bar­keit und Hand­hab­bar­keit der di­gita­len Tech­no­lo­gi­en zu ver­dan­ken. Gleich­wohl sei aus die­sen Um­stän­den kein grund­sätz­li­ches Ka­ta­stro­phen­sze­na­rio zu ent­wer­fen, un­ter­strich der Theo­re­ti­ker und er­in­ner­te dar­an, dass in der Fül­le des elek­tro­nisch zur Ver­fü­gung ste­hen­den Ma­te­ri­als auch „ein Stück weit Auf­klä­rung“ste­cke.

„Auf­klä­rung“war spä­ter für Da­ni­el Hor­nuff das Stich­wort, um den Dia­log auf Su­san­ne Pfef­fer aus­zu­deh­nen. Die Kunst­his­to­ri­ke­rin lei­tet das Fri­de­ri­cia­num in Kas­sel, das als Mu­se­ums­ge­bäu­de tat­säch­lich ein­mal aus auf­klä­re­ri­schen In­ten­tio­nen her­aus ent­stand. „Läuft das par­al­lel oder wird das längst auf­ge­fres­sen?“, woll­te der Ge­sprächs­lei­ter wis­sen und mein­te da­mit, wie ak­tu­ell das The­ma Auf­klä­rung noch sei. Pfef­fer ent­geg­ne­te, dass gera­de die zeit­ge­nös­si­sche Kunst – mehr als Thea­ter oder Kino – die ge­sell­schaft­li­chen Um­brü­che „auf ei­nem sehr kom­ple­xen Ni­veau“re­flek­tie­re. In die­sem Zu­sam­men­hang ver­wies sie auf An­ne Im­hof, die in die­sem Jahr den Deut­schen Pavil­lon auf der Bi­en­na­le di Ve­ne­zia be­spie­len wird – vor­ge­schla­gen von Su­san­ne Pfef­fer, der ak­tu­el­len Kom­mis­sa­rin für den Pavil­lon. Im­hof, Jahrgang 1978, an der Frank­fur­ter Stä­del­schu­le aus­ge­bil­det und 2015 mit dem Preis der Na­tio­nal­ga­le­rie aus­ge­zeich­net, ar­bei­te mit al­len ihr zur Ver­fü­gung ste­hen­den Me­di­en – Zeich­nung, Tanz, Ma­le­rei, selbst mit Fil­men ha­be sie sich be­reits be­fasst. Wo­bei sich die­se ganz Künst­ler­ge­ne­ra­ti­on nicht zu­letzt mit der Fra­ge aus­ein­an­der­set­ze, „wie sich der tech­no­lo­gi­sche Wan­del auf un­se­re Kör­per aus­wirkt.“Wo­für wie­der­um Björn Mel­hus ein eben­so ver­blüf­fen­des wie an­rüh­ren­des Bei­spiel an­führ­te: Er ha­be ein klei­nes asia­ti­sches Ba­by be­ob­ach­tet, dem die El­tern als Bil­der­buch ein Smart­pho­ne ge­ge­ben hat­ten. Die­ses Kind konn­te noch nicht spre­chen und noch nicht lau­fen. Aber es be­herrsch­te be­reits die ty­pi­sche Wisch­be­we­gung, mit der sich auf ei­nem Touch­screen Bil­der ver­grö­ßern oder ver­klei­nern las­sen.

Und die Kunst? Wo liegt ih­re Auf­ga­be und Zu­kunft bei al­le­dem? Das war die Fra­ge, auf die das Ge­spräch im­mer wie­der zu­steu­er­te. Sie sol­le – gera­de hin­sicht­lich der leich­ten di­gita­len Bil­der­zeu­gung – Seh­ge­wohn­hei­ten auf­bre­chen, statt Kli­schees zu ver­stär­ken, hieß es. Was auch als Auf­for­de­rung an die klas­si­sche Kunst­ge­schich­te ver­stan­den sein woll­te: Sie sol­le kei­nes­wegs ab­ge­schafft, aber drin­gend er­gänzt wer­den durch die kri­tisch-ana­ly­ti­sche Be­schäf­ti­gung et­wa mit der Bil­der­welt von Com­pu­ter­ga­mes oder So­ci­al Me­dia. Das ist die wis­sen­schaft­li­che Sei­te. Was aber das Aus­stel­len von Bil­dern, Ob­jek­ten, In­stal­la­tio­nen an­geht, da führ­te Pfef­fer ih­ren Leh­rer Horst Bre­de­kamp ins Feld. Er plä­dier­te da­für, im­mer von der Kunst aus­zu­ge­hen, nie von ei­ner The­se. -bl.

SU­SAN­NE PFEF­FER fin­det, die Kunst re­flek­tie­re die ge­sell­schaft­li­chen Um­brü­che „auf ei­nem sehr kom­ple­xen Ni­veau“. Fo­to: MoMo

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