Ein Stück für Bou­lez

Urauf­füh­rung von Rihm bei Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Frag­los zählt er zu den lang­jäh­ri­gen Fa­vo­ri­ten der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker: der Karls­ru­her Kom­po­nist Wolf­gang Rihm. Als das Orches­ter 1979 sei­ne 3. Sin­fo­nie ur­auf­führ­te, be­zeich­ne­te das den Auf­takt ei­ner an­hal­tend frucht­ba­ren künst­le­ri­schen Part­ner­schaft. Ob­gleich der mu­si­ka­li­schen Avant­gar­de ver­bun­den, dis­tan­zier­te sich Rihm schon früh­zei­tig von de­ren Dog­men und plä­dier­te viel­mehr für künst­le­ri­sche Un­vor­ein­ge­nom­men­heit und sub­jek­ti­ven Aus­drucks­wil­len. Da­von zeugt auch sein Orches­terstück „Gruß-Mo­ment 2 – in me­mo­ri­am Pier­re Bou­lez“, das Si­mon Ratt­le mit sei­nem En­sem­ble jetzt aus der Tau­fe hob. Ei­ne sen­si­ble, vor­ge­ge­be­ne Bah­nen be­hut­sam auf­bre­chen­de Ge­denk­mu­sik von zehn­mi­nü­ti­ger Dau­er für den vor ei­nem Jahr ge­stor­be­nen fran­zö­si­schen Kom­po­nis­ten, der in Ba­den-Ba­den leb­te.

Sub­til sind die von Rihm auf­ge­bo­te­nen in­stru­men­ta­len Farben der je­weils vier Flö­ten und Hör­ner so­wie der so­lis­tisch be­setz­ten Oboe, des Eng­lisch­horns, des Kon­tra­f­a­gotts und der Po­sau­ne, un­ter­stützt von Ton­split­tern der Strei­cher, der Har­fe so­wie der Pau­ken. Ei­ne in­ner­lich auf­ge­wühl­te, dy­na­misch kon­trast­rei­che me­lo­di­sche Li­nie des Eng­lisch­horns kor­re­spon­diert da mit cho­ral­haft be­ru­hi­gen­den Mo­men­ten der Hör­ner und Strei­cher. Bis dann der Flö­ten­chor und die Strei­cher in ei­nem gro­ßen Uni­so­no ei­nen kur­zen, lei­den­schaft­li­chen Gip­fel­punkt er­klim­men – be­schlos­sen von ei­ner be­frie­de­ten Pas­sa­ge der Blä­ser­so­lis­ten und der lei­se pul­sie­ren­den Pau­ke. Fein ab­ge­stuft, er­weck­te Ratt­le mit sei­nen Mu­si­kern die viel­fach mit­ein­an­der ver­netz­ten Klang­schich­ten zu klin­gen­dem Le­ben. So viel­fäl­tig die durch Rih­ms „un­ge­zwun­ge­nen Um­gang mit tra­di­tio­nel­len mu­si­ka­li­schen Idio­men“dem ge­gen­wär­ti­gen Mu­sik­le­ben ver­mit­teln­den An­re­gun­gen wa­ren, wirk­ten nicht min­der be­flü­gelnd die von Györ­gy Li­ge­tis (1923 bis 2006) viel­schich­ti­gem OEu­vre aus­ge­hen­den Im­pul­se. Auf der Su­che nach ei­ner Mu­sik „jen­seits von Avant­gar­de und Post­mo­der­ne“schuf der Un­gar in den 1990er Jah­ren Wer­ke mit von Na­tur­tö­nen und Mi­kro­to­na­li­tät be­stimm­ten Pas­sa­gen.

Ein si­gni­fi­kan­tes Werk die­ser Pha­se ist sein Vio­lin­kon­zert, das Ratt­le in der fünf­sät­zi­gen Fas­sung von 1992 als Herz­stück des Kon­zer­tes wähl­te. Ein Glücks­fall war da die fas­zi­nie­ren­de mol­da­wi­sche Gei­ge­rin Patri­cia Ko­patchin­ska­ja. Von ei­nem Wir­bel­sturm hin­und her­wo­gen­der Fla­geo­let­t­ar­peg­gi­en be­stimmt ist das Prä­lu­di­um, in dem Ko­patchin­ska­ja die Ton­k­lip­pen vir­tu­os meis­ter­te. Klän­ge ganz an­de­rer Art gibt es in den bei­den lang­sa­men Sät­zen mit ih­ren har­mo­nisch „mo­ras­ti­gen“Ab­schnit­ten (Li­ge­ti), aus­ge­löst durch In­stru­men­te mit un­ge­nau­en Ton­hö­hen wie Lo­tos­flö­te und Oka­ri­na. Fes­selnd, wie in­ten­siv die Gei­ge­rin auch die­se Sät­ze aus­leuch­te­te – das auf ei­nem cho­ral­haf­ten Volks­lied be­ru­hen­de An­dan­te so­wie das als Pas­sa­ca­glia ge­form­te Len­to. Und das Ap­pas­sio­na­toFi­na­le mit der von der So­lis­tin selbst ver­fass­ten Ka­denz war ein Tri­umph vir­tuo­sen Spiels! Wohl kaum ei­ne an­de­re Sin­fo­nie Gus­tav Mah­lers als des­sen Vier­te mit dem gro­tes­ken Dan­se mac­ab­re hät­te bes­ser zu Li­ge­tis Opus ge­passt. Dietrich Bretz

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