88. Fort­set­zung

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

Für ei­nen Mo­ment spür­te sie kind­li­chen Über­mut auf­stei­gen, Amei­sen­alarm wie da­mals, als sie den Groß­va­ter zum ers­ten Mal hier be­such­ten. Da wa­ren Ra­chel und sie in ei­nem un­be­auf­sich­tig­ten Mo­ment die Trep­pe hoch­ge­lau­fen und das brei­te Holz­ge­län­der hin­un­ter­ge­saust. Ei­ne herr­li­che Rutsch­par­tie, die lei­der durch ei­ne Vor­gän­ge­rin der Haus­da­me vor­zei­tig un­ter­bro­chen wur­de. Die jet­zi­ge Haus­da­me un­ter­brach Ro­sas Er­in­ne­run­gen, als sie und Ari an der Re­zep­ti­on vor­bei­ka­men.

„Frau Gold­berg, da sind zwei Her­ren, die Sie spre­chen wol­len“, flüs­ter­te sie und deu­te­te auf ei­ne der Ni­schen in der Rund­hal­le, wo sich zwei Män­ner in Som­mer­män­teln er­ho­ben und mit un­durch­dring­li­cher Mie­ne Hal­tung an­nah­men.

Ro­sa spür­te, wie ei­ne Gän­se­haut ih­ren Kör­per über­zog und Ari sie gleich­zei­tig mit fes­tem Griff am Un­ter­arm hielt. Es war ein Feh­ler ge­we­sen, am Abend über Kind­heit und Ju­gend zu plau­dern, an­statt Si­tua­tio­nen wie die­se durch­zu­spie­len. Sie wuss­te, wer die Män­ner wa­ren. An ih­rem Auf­tre­ten hat­te sich seit ih­rer Flucht nichts ver­än­dert, Po­li­zis­ten er­kann­te man in Deutsch­land, be­vor sie den Mund auf­mach­ten. Sie ging mit Ari zu ih­nen. Die Her­ren woll­ten wis­sen, ob sie Ab­dul Nour­ri­di­ne kann­te. „Ken­nen, al­so ken­nen …“, stot­ter­te sie. „Mei­ne Her­ren, war­um wol­len Sie das wis­sen?“, frag­te Ari in bar­schem Aris­to­kra­ten­ton und drück­te ih­ren Arm.

„Ab­dul Nour­ri­di­ne wur­de tot aus dem Mum­mel­see ge­fischt. Er ist er­mor­det wor­den. Er hat ver­sucht, Ih­re Frau am Tag sei­nes Ver­schwin­dens te­le­fo­nisch zu er­rei­chen.“

„Mum­mel­see?“, frag­te Ro­sa ver­wirrt. Hat­te da­von et­was in der Zei­tung ge­stan­den? Ges­tern hat­te sie kei­ne ge­le­sen. Aber wie­so Mum­mel­see? Der war doch ein gan­zes Stück vom Bret­ter­wald ent­fernt. Bis­her war sie da­von aus­ge­gan­gen, dass man Nour­ri­di­ne im Wald ver­scharrt hat­te.

„Wes­halb woll­te der Mann Sie spre­chen, Frau Gold­berg?“, wand­te sich ei­ner der bei­den wie­der di­rekt an Ro­sa.

„Mei­ne Frau kennt die­sen Nour­ri­di­ne nicht, des­halb ver­ste­hen wir auch nicht, wes­halb er sie spre­chen woll­te. Es muss sich um ein Miss­ver­ständ­nis han­deln“, er­klär­te Ari an ih­rer Stel­le. „Als mei­ne Frau die Nach­richt von die­sem An­ruf er­hielt, war sie et­was durch­ein­an­der, weil sie sich im Wald ver­irrt hat­te, und sie war be­sorgt, weil ich mich noch nicht ge­mel­det hat­te. Ich wur­de noch in Paris fest­ge­hal­ten, müs­sen Sie wis­sen. Des­halb hat sie ver­ständ­li­cher­wei­se et­was ver­wirrt auf die Nach­richt re­agiert. Aber wie ge­sagt: We­der mei­ne Frau noch ich ken­nen die­sen Mann. Die ein­zi­ge Er­klä­rung, wes­halb er mei­ne Frau hät­te spre­chen wol­len, ist fol­gen­de: Ich bin Pro­fes­sor der Archäo­lo­gie, for­sche viel im Ma­ghreb und bin auch den dor­ti­gen Archäo­lo­gen be­kannt. Viel­leicht ein Kol­le­ge, der über mei­ne Frau Kon­takt zu mir auf­neh­men woll­te? Wis­sen Sie, ob der Mann als Archäo­lo­ge tä­tig war? Nein? Dann kön­nen wir Ih­nen lei­der nicht wei­ter­hel­fen. Wenn Sie uns jetzt ent­schul­di­gen wür­den.“

Ari schüt­tel­te die­se Lü­gen­ge­schich­te aus dem Är­mel, als wä­re es die ein­fachs­te Sa­che der Welt, und er be­han­del­te die Po­li­zis­ten, als wä­ren sie Do­mes­ti­ken. Er di­ri­gier­te Ro­sa mit sei­nem Arm schon aus der Ni­sche her­aus, als ei­ner der Po­li­zis­ten sie noch ein­mal auf­hielt und frag­te: „Wie lan­ge blei­ben Sie noch auf der Büh­ler­hö­he?“

„Noch zwei Ta­ge“, ant­wor­te­te Ari und führ­te Ro­sa wei­ter in Rich­tung Früh­stücks­sa­lon. „Ver­such, dir nichts an­mer­ken zu las­sen“, flüs­ter­te er ihr auf He­brä­isch zu. „Plau­de­re über das Wet­ter. Über Nour­ri­di­ne re­den wir nach dem Früh­stück.“

Büh­ler­hö­he

So­phie be­ob­ach­te­te die Be­geg­nung zwi­schen den Gold­bergs und den Po­li­zis­ten mit In­ter­es­se. Sie hat­te ih­nen brav von dem An­ruf er­zählt, so wie sie es ges­tern Nacht noch ein­mal mit Xa­vier be­spro­chen hat­te. Die Re­ak­ti­on der Gold­berg wie bes­tens be­kannt: ver­schreckt, ver­stört, und al­les gar­niert mit die­sem hilf­lo­sen Reh­blick. Er da­ge­gen ganz Mann von Welt. Schmier­te die Gen­dar­men ab, als wä­ren es Schul­bu­ben, und ließ sie ein­fach ste­hen. Bra­vis­si­mo. Die­sen Mann woll­te sie nicht zum Feind ha­ben. Sie hat­te Xa­vier nach ihm ge­fragt, da­von er­zählt, dass sie ihn aus sei­nem Au­to hat­te stei­gen se­hen. Xa­vier schien wirk­lich über­rascht. Ei­nen Gold­berg ken­ne er nicht, ver­si­cher­te er. „Ist er et­wa der Mann von …?“, frag­te er, und als sie nick­te, mur­mel­te er: „In­ter­es­sant.“Sie hat­te nicht in­sis­tiert. Es gab Wich­ti­ge­res, sie durf­te sich nicht ver­zet­teln.

Die Po­li­zis­ten grif­fen nun nach ih­ren Hü­ten, die sie auf dem klei­nen Tisch ab­ge­legt hat­ten. Na­tür­lich hat­te sie die Her­ren vor­hin ge­be­ten, sich ab­so­lut un­auf­fäl­lig zu be­neh­men. Der Ruf des Hau­ses, der Kanz­ler zu Gast und so wei­ter. Mög­li­cher­wei­se hat­te al­so sie durch ih­re ein­schüch­tern­de Vor­ar­beit die Grund­la­ge für den ele­gan­ten Ab­gang der Gold­bergs ge­legt.

Ei­nen in­tel­li­gen­ten Ein­druck mach­ten die zwei nicht gera­de, sie er­in­ner­ten So­phie an Pat und Pat­a­chon, die in ih­ren Fil­men ja oft Gen­dar­men ge­spielt hat­ten. Sie muss­te von Dros­te vom Be­such der bei­den un­ter­rich­ten. Seit dem Vor­fall woll­te er über je­de im Hau­se fal­len­de Steck­na­del in­for­miert wer­den. Kurz kehr­ten ih­re Ge­dan­ken zum vo­ri­gen Tag zu­rück. Dies war be­reits der drit­te Be­such des Kanz­lers, den sie als Haus­da­me be­glei­te­te, aber ein Bom­ben­such­kom­man­do hat­ten sie noch nie im Haus ge­habt. Zum Glück wa­ren die Män­ner schnell, ef­fi­zi­ent und lei­se ge­we­sen. Selbst die Spür­hun­de hat­ten kei­nen Mucks von sich ge­ge­ben. Ge­fun­den hat­ten sie nichts, aber So­phie hat­te nicht den Ein­druck, dass von Dros­te dies ent­las­te­te. Mit die­sem „Un­fall“hat­te er wohl nicht ge­rech­net. Seit ges­tern wich er dem Kanz­ler nicht von der Sei­te. Im Mo­ment be­glei­te­ten er und sei­ne Leu­te Ade­nau­er zur An­to­ni­us­ka­pel­le, wo der Kanz­ler des to­ten Chauf­feurs ge­den­ken woll­te. Die hie­si­ge Pres­se hat­te von Dros­te wohl zum Still­schwei­gen ver­don­nert. Kein Wort war in den ak­tu­el­len Zei­tun­gen über den Un­fall zu le­sen. Die of­fi­zi­el­le Ver­si­on für die Haus­gäs­te lau­te­te seit dem Mor­gen: „Ein tra­gi­scher Un­fall im Um­feld des Kanz­lers“.

Über den Mord­fall Nour­ri­di­ne war üb­ri­gens auch nichts be­rich­tet wor­den. Wahr­schein­lich tra­ten Pat und Pat­a­chon auf der Stel­le. Kein Wun­der bei der fal­schen Fähr­te, die Xa­vier ge­legt hat­te. Nicht ei­nen Mo­ment hat­te sie ihm ge­glaubt, dass die Gold­berg Nour­ri­di­ne er­mor­det hat­te. Seit ih­rem letz­ten Ge­spräch war sich So­phie si­cher, dass Xa­vier die­sen Frey deck­te, den er – wahr­schein­lich aus ge­schäft­li­chen Grün­den – nicht ans Mes­ser lie­fern woll­te.

Sie schau­te wie­der nach den Gen­dar­men. Wie be­stellt und nicht ab­ge­holt stan­den die zwei in der Rund­hal­le. Nein, die Büh­ler­hö­he war wahr­lich kein Um­feld, in dem sie sich be­we­gen konn­ten. Die Her­ren soll­ten sich schleu­nigst ver­ab­schie­den. Aber statt­des­sen ka­men sie auf die Re­zep­ti­on zu.

„Sie sind si­cher, dass Frau Gold­berg auf die Nach­richt von Nour­ri­di­nes An­ruf mit ,Wann’ ge­ant­wor­tet hat?“, woll­te Pat wis­sen. „Ab­so­lut.“„Und was ge­nau hat Nour­ri­di­ne bei dem An­ruf ge­sagt?“

„Ob er Frau Gold­berg spre­chen kön­ne. Ich ha­be ihm ge­ant­wor­tet, dass sie nicht im Hau­se sei, und ge­fragt, ob ich et­was aus­rich­ten sol­le. Er bat um Rück­ruf im Hunds­eck“, wie­der­hol­te sie.

„Wie lan­ge weilt das Ehe­paar Gold­berg noch in Ih­rem Haus?“, frag­te Pat­a­chon. Fort­set­zung folgt

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