Das gan­ze Elend die­ser Welt

Phi­lip Si­mon ar­bei­tet sich am po­li­ti­schen Mu­si­kan­ten­sta­del ab

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM -

Phi­lip Si­mon leg­te den Re­vol­ver die gan­ze ers­te Hälf­te über nicht aus der Hand. Ge­le­gent­lich fuch­tel­te er da­mit her­um, doch ein Schuss fiel nie. Am En­de – es war zu ah­nen – hielt er sich die Knar­re an die ei­ge­ne Schlä­fe und das Licht ging aus. So ver­ab­schie­de­te er sich – in die Pau­se. Was war ge­sche­hen, da­mit sich der deutsch-nie­der­län­di­sche Po­lit-Ka­ba­ret­tist so sang und knall-los ins Jen­seits ver­ab­schie­de­te? Flücht­lings­kri­se, Waf­fen­ex­por­te, Ban­ken­ret­tung, Pe­gi­da und der Miss­er­folg von Schal­ke – kurz: Er konn­te das gan­ze be­drü­cken­de Elend die­ser Welt ein­fach nicht mehr er­tra­gen. Zu­dem ar­bei­te­te er sich im­mer noch am un­be­wäl­tig­ten alt­lin­ken Feind-„Bild“des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts ab, eben je­ner ein­schlä­gi­gen Bou­le­vard-Pu­bli­ka­ti­on.

Was ihn zu­dem nä­her an den Selbst­mord trieb, wa­ren Ge­stal­ten aus dem bun­des­deut­schen Po­lit­be­trieb, vor­zugs­wei­se aus der CSU wie bei­spiels­wei­se Bay­erns In­nen­mi­nis­ter Joa­chim Herr­mann, für Si­mon nichts wei­ter als ein ge­sell­schaft­li­cher Nichts­nutz mit ei­nem viel zu ho­hen Ge­halt. Und: Je nä­her am Sui­zid, des­to be­droh­li­cher wur­de der Feind: die AfD und die Pe­gi­da – für den be­ken­nen­den At­he­is­ten und Apo­ka­lyp­ti­ker so ei­ne Art „po­li­ti­scher Mu­si­kan­ten­sta­del“. AfD-Rechts­au­ßen Björn Hö­cke sei ei­ner, der „mit 120 St­un­den­ki­lo­me­tern rück­wärts durch die Ein­bahn­stra­ße der Evo­lu­ti­on rast“, ver­bal­ler­te Si­mon noch ei­nen raus.

Doch der Stu­dent von Ger­ma­nis­tik, Ge­schich­te und Phi­lo­so­phie hat die Lö­sung für all die­se Pro­ble­me: ein­fach mehr in Bil­dung und Auf­klä­rung in­ves­tie­ren und al­les wird gut. Auch für das ar­me, von bö­sen Ban­ken aus­ge­beu­te­te, Grie­chen­land hat er die Lö­sung: Al­le Deut­schen wer­den ab so­fort dort­hin vier­mal im Jahr in den Zwangs­ur­laub ver­schickt und müs­sen von mor­gens bis abends Fe­ta-Kä­se und Oli­ven es­sen und da­zu Ou­zo trin­ken.

Nur ein­mal fiel das Attac-Mit­glied et­was aus sei­nem stram­men po­li­ti­schen Rah­men, als er näm­lich die Ent­wick­lung des Bio-Le­bens­mit­tel­mark­tes un­ter die Lu­pe nahm. Fast je­de Bio-Gur­ke ha­be doch heu­te ei­ne Welt­rei­se im LKW hin­ter sich. Ja frü­her, sin­nier­te Si­mon, der sich selbst ger­ne als lin­kes Hefebröt­chen be­zeich­net, glaub­te man an Gott, heu­te an ge­sun­de Er­näh­rung.

„So än­dern sich die Glau­bens­mo­del­le.“Auch in der zwei­ten Hälf­te be­dien­te sich der Po­lit­ko­mi­ker ei­nes Ac­ces­soires, ei­ner klei­nen wür­fel­för­mi­gen Kis­te. Die­se dreh­te und kne­te­te er in den Hän­den, bis sich auch der letz­te Gast im Os­ter­feld-Stu­dio frag­te, was es denn wohl da­mit auf sich hat. Er öff­ne­te sie und aus der Kis­te – kam ei­ne Kis­te. Dann steck­te Si­mon die äu­ße­re Kis­te in die in­ne­re. Ein Zau­ber­trick: Viel­leicht das pas­sen­de Sinn­bild für sein et­was fla­ches, wenn auch gut aus­for­mu­lier­tes, Po­lit-Ka­ba­rett. Ha­rald Bott

DER PO­LIT­KO­MI­KER Phi­lip Si­mon er­zählt im Kul­tur­haus Os­ter­feld, was ihn al­les nä­her an den Selbst­mord ge­trie­ben hat. Fo­to: Wa­cker

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