„Die Na­zis wer­den nicht ge­nug kri­ti­siert“

Leb­haf­te Dis­kus­si­on im Ko­ki mit Be­zug auf heu­te nach dem Film „Das ra­di­kal Böse“

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Su­san­ne Roth

Nur kurz, im Über­gang zwi­schen Film und Dis­kus­si­on, ma­chen sich ei­ni­ge der 50 Zehnt­kläss­ler der Ot­ter­stein-Re­al­schu­le mit ner­vö­sem Ki­chern Luft. Wäh­rend des Films sind al­le mucks­mäus­chen­still, im Ge­spräch mit Psy­cho­lo­ge Tom Handt­mann, De­ka­nin Chris­tia­ne Quincke und Ko­ki-Ge­schäfts­füh­re­rin Chris­ti­ne Müh hoch kon­zen­triert. Und zu­nächst schweig­sam. Ist auch schwe­re Kost, die man den bei­den Klas­sen am Frei­tag­vor­mit­tag vor­ge­setzt hat mit dem Do­ku­men­tar­film „Das ra­di­kal Böse“.

Der Film ver­sucht die Ver­wand­lung von „Men­schen wie du und ich“(Quincke) in böse Mas­sen­tö­tungs­ma­schi­nen zu er­klä­ren. Von Grup­pen­dy­na­mik han­delt er, da­von, wie die Sol­da­ten in die Fal­le tap­pen und sich nach den ers­ten Tö­tungs­ak­tio­nen von un­schul­di­gen jü­di­schen Zi­vi­lis­ten in Recht­fer­ti­gun­gen flüch­ten. Be­vor man sich selbst zum Bö­sen er­klärt, schiebt man es lie­ber kol­lek­tiv dem an­de­ren zu. Zu­dem folgt kei­ne Stra­fe auf et­was, das das noch vor­han­de­ne Be­wusst­sein von An­stand als „nicht kor­rekt“ein­ord­net. Wenn al­le das so ma­chen, wenn das be­lohnt wird, muss es ja rich­tig sein. Sol­che und ähn­li­che Mecha­nis­men wer­den mit nach­ge­spiel­ten Sze­nen ver­deut­licht, Ta­ge­buch­aus­zü­ge von lie­ben­den Fa­mi­li­en­vä­tern ge­le­sen, die – sich ein­re­dend, dass die Ju­den sonst ih­ren Fa­mi­li­en noch viel Schlim­me­res an­tun – die Hem­mung über­win­den, so­gar Kin­der und Ba­bys zu er­schie­ßen. Sta­tis­ten in Uni­for­men, Psy­cho­lo­gen, Staats­an­wäl­te, an­er­kann­te Fach­leu­te kom­men zu Wort. Der Satz ei­nes pol­ni­schen Pfar­rers bleibt be­son­ders hän­gen: „Men­schen als min­der­wer­tig ein­zu­stu­fen, ist der ers­te Schritt zum Mas­sen­mord.“Und ge­nau dies the­ma­ti­siert die Dis­kus­si­on, in der auch Mob­bing zur Spra­che kommt, die aber da­mit be­ginnt, dass meh­re­re Schü­ler fin­den: „Die Na­zis wer­den nicht ge­nug kri­ti­siert. Sie wer­den ver­harm­lost.“Psy­cho­lo­ge Tom Handt­mann lenkt den Blick der Schü­ler aber auf das, um was es wirk­lich geht: „Wie schnell Men­schen be­ein­fluss­bar sind.“Ihm ist es wich­tig, dass man „nicht nur auf Na­zis schaut“– er lenkt den Blick auf Ruan­da, den Ko­so­vo, Sy­ri­en. „Ich kann euch gut ver­ste­hen“, fügt auch De­ka­nin Chris­tia­ne Quincke hin­zu. „Dass das Un­mensch­li­che als mensch­lich dar­ge­stellt wird ist ir­ri­tie­rend. Das ist für mich das Er­schre­cken­de: Ich könn­te nicht aus­schlie­ßen, was wir in solch ei­ner La­ge tun wür­den.“

Po­li­tik­ver­dros­sen­heit, der Glau­be, „man kann als Ein­zel­ner so­wie­so nichts tun“und „es än­dert eh nichts“schim­mert bei den Schü­lern durch. „Du kannst was tun: Den Mund auf­ma­chen“, for­dert Quincke. „Was macht ihr, wenn je­mand be­droht wird?“, fragt Handt­mann. Das scheint zu wir­ken. Als hät­te er ei­nen Damm ein­ge­ris­sen, kom­men Vor­schlä­ge, wie man Hil­fe holt.

Fo­to: Roth

KOM­MEN IN EI­NEN LEB­HAF­TEN AUS­TAUSCH mit den Zehnt­kläss­lern der Ot­ter­stein-Schu­le: De­ka­nin Chris­tia­ne Quincke, Chris­ti­ne Müh und Psy­cho­lo­ge Tom Handt­mann (von links) im Kom­mu­na­len Kino.

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