Ma­sche mit Ny­lon von der Da­men­welt be­geis­tert auf­ge­nom­men

Vor 80 Jah­ren wur­de die Uni­ver­sal­fa­ser pa­ten­tiert

Pforzheimer Kurier - - LÄNDER UND LEUTE -

Der Na­me des Ame­ri­ka­ners Wal­lace Hu­me Ca­ro­thers sagt wahr­schein­lich kaum je­man­dem et­was. Doch sei­ne Er­fin­dung ver­än­der­te die Welt – vor al­lem die Da­men­welt. Am 16. Fe­bru­ar 1937 mel­de­te sein Ar­beit­ge­ber ein Pa­tent auf ei­ne Fa­ser an, die bis heu­te von Mil­lio­nen Frau­en be­nutzt und ge­schätzt wird: Ny­lon.

Auf den Markt ge­bracht hat­te sie die US-ame­ri­ka­ni­sche Fir­ma Du Pont. An­fang der 1930er Jah­re ar­bei­te­te Ca­ro­thers als For­schungs­lei­ter bei dem Che­mie­kon­zern und ex­pe­ri­men­tier­te mit Po­ly­ami­den. Die zä­he Mas­se aus Koh­len­stoff, Was­ser und Luft na­mens Po­ly­he­xa­me­thy­lena­di­pi­n­a­mid wur­de zu­nächst le­dig­lich für die Pro­duk­ti­on von Zahn­bürs­ten ver­wen­det. Der Durch­bruch ge­lang erst mit Ein­füh­rung der Ny­lon­strümp­fe. Schon am Ein­füh­rungs­tag (N-Day), dem 15. Mai 1940, gin­gen lan­des­weit fünf Mil­lio­nen Paar über die La­den­the­ken. In den Ge­schäf­ten kam es zu tu­mult­ar­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen.

Durch­sich­tig, sei­dig schim­mernd, reiß­fest, schlag­fest und tem­pe­ra­tur­re­sis­tent – die­se At­tri­bu­te ver­än­der­ten schließ­lich die Be­klei­dungs­in­dus­trie. Bis da­hin wur­den Strümp­fe aus Sei­de oder Kunst­sei­de her­ge­stellt, teu­re und an­fäl­li­ge Stof­fe. 1940 ver­kauf­ten sich be­reits 36 Mil­lio­nen Paar Ny­lon­strümp­fe in den im Jahr dar­auf so­gar 100 Mil­lio­nen. Im De­zem­ber 1941, nach der Bom­bar­die­rung von Pe­arl Har­bour und Ame­ri­kas Ein­tritt in den Zwei­ten Welt­krieg, wur­de Ny­lon zum kriegs­wich­ti­gen Ma­te­ri­al er­klärt, was zu ei­nem Ein­bruch der Ver­kaufs­zah­len führ­te. 1942 wur­den nur noch 54 Mil­lio­nen Paar ver­kauft, in den fol­gen­den Jah­ren fast gar kei­ne mehr. Aber selbst das konn­te den Sie­ges­zug der Strümp­fe nicht auf­hal­ten. Denn nach Kriegs­en­de lief die Pro­duk­ti­on der „Ny­lons“wie­der auf Hoch­tou­ren an. Der Strumpf avan­cier­te zum un­ver­zicht­ba­ren Ac­ces­soire für Man­ne­quins und Film­stars, raf­fi­niert, emp­find­lich, zart und an­schmieg­sam. Hol­ly­wood­schön­hei­ten wie Mar­le­ne Dietrich, Ja­ne Rus­sel und Ri­ta Hay­worth zeig­ten, wie se­xy Frau­en­bei­ne in dem neu­en Ma­te­ri­al wir­ken konn­ten. Ame­ri­ka­ni­sche GIs brach­ten die „Ny­lons“auch nach Deutsch­land. Ne­ben Zi­ga­ret­ten und Scho­ko­la­de wur­den sie zur be­gehr­tes­ten Tau­sch­wa­re auf dem Schwarz­markt. An­geb­lich be­zahl­ten da­mals so­gar US-Ge­heim­diens­te ih­re Spio­ne und In­for­man­ten da­mit. Die GIs ver­spra­chen sich ei­ni­ges von der „Bett­kan­ten­wäh­rung“, ver­mut­lich be­gann da­mit das le­gen­dä­re „Frau­lein­wun­der“. Die 1950er Jah­re of­fen­bar­ten ein ver­än­der­tes Le­bens­ge­fühl. Das Tem­po der neu­en Zeit ver­kör­per­ten nun auch „Ny­lons“: Wasch­bar, ein­fach zu trock­nen, leicht, su­per­glatt, bü­gel­frei – eben bei­na­he un­ver­wüst­lich. Eben­so wich­tig wa­ren sie als ero­ti­sches Ac­ces­soire, nach dem Krieg gab es schließ­lich ei­nen mas­si­ven Frau­en­über­schuss. Au­ßer­dem pur­zel­ten in­ner­halb we­ni­ger Jah­re die Prei­se für die Strümp­fe um das Fünf­fa­che. Die Naht war das wohl mar­kan­tes­te Kenn­zei­chen der ers­ten Ex­em­pla­re, hin­zu kam das Ab­schluss­loch im Dop­pel­rand, das beim Zu­sam­men­nä­hen ent­stand. Hier wur­den die Strumpf­hal­ter der Mie­der be­fes­tigt, be­son­ders „ver­rucht“war auch die hal­ter­lo­se Va­ri­an­te mit Strumpf­band. Erst der Ein­satz von Rund­strick­ma­schi­nen in den 1960er Jah­ren er­laub­te die Pro­duk­ti­on von For­men oh­ne Naht und von Strumpf­ho­sen. Ihr Vor­teil: Der Strumpf­hal­ter ver­schwand, be­güns­tigt wur­de die­ser Trend durch das Auf­kom­men des Mi­ni­rocks. Die neue Mo­de sprach qua­si ein „To­des­ur­teil“über Ny­lon­strümp­fe. Der Mi­ni war ein­fach zu kurz – Strümp­fe und Strumpf­hal­ter wä­ren al­len Bli­cken frei­ge­ge­ben wor­den. Des­halb stie­gen die meis­ten Frau­en auf Strumpf­ho­sen um.

Ein Ki­lo­me­ter Ny­lon­fa­den wiegt je nach Stär­ke der Maß­ein­heit De­ni­er (den) nur we­ni­ge Gramm. Zu­nächst hat­ten die Strümp­fe 60 bis 40 den, doch schon ab 1950 ge­lang es, ei­ne Fein­heit von zehn den her­zu­stel­len, mitt­ler­wei­le sind so­gar fünf mög­lich, „Ny­lons“mit mehr als 40 den wer­den als blick­dicht be­zeich­net.

Heu­ti­ge Fein­strumpf­ho­sen und Strümp­fe las­sen sich durch die Bei­ga­be von Elas­tan zie­hen und deh­nen, wäh­rend der klas­si­sche Ny­lonNaht­strumpf ein ziem­lich star­res Ma­schen­werk war. Da­her wur­de er mit ei­ner „ana­to­mi­schen“Pass­form her­ge­stellt. Die Be­zeich­nung „Ny­lon“stammt üb­ri­gens nicht von den Or­ten New York (ny) und Lon­don (lon), wo sich die ers­ten Pro­duk­ti­ons­stät­ten be­fan­den, son­dern er setzt sich aus dem sinn­frei­en „nyl“und der En­dung „on“zu­sam­men, die­se war ei­ne ge­läu­fi­ge En­dung für Fa­sern, wie zum Bei­spiel „cot­ton“.

Ur­sprüng­lich woll­te Du Pont als Na­men Norun ver­wen­den (no run, kei­ne Lauf­ma­sche), aber aus Angst vor Rechts­strei­tig­kei­ten we­gen un­zu­läs­si­ger Be­haup­tun­gen – da­von kön­nen Frau­en ein Lied sin­gen – ge­än­dert. Als Strümp­fe und Strumpf­ho­sen noch teu­er wa­ren, flo­rier­te das so­ge­nann­te Re­pas­sie­rerHand­werk, um die kost­ba­ren Stü­cke zu re­pa­rie­ren. In der Bun­des­re­pu­blik ver­schwan­den die meis­ten die­ser Werk­stät­ten schon in den 1970er Jah­ren, in der DDR, wo Ny­lon­strümp­fe knapp und teu­er wa­ren, konn­ten sich ei­ni­ge noch bis zur Mau­er­öff­nung hal­ten.

Fast gleich­zei­tig mit Ny­lon wur­de von dem deut­schen Che­mi­ker Paul Schlack in den La­bo­ra­to­ri­en der IG-Farben in Berlin-Lich­ten­berg das Kon­kur­renz­pro­dukt Per­lon ent­wi­ckelt. Die Kunst­fa­ser, eben­falls aus Po­ly­amid, wird durch Po­ly­me­ri­sa­ti­on von Ca­pro­lactam her­ge­stellt. Ca­ro­thers hat­te das als un­ver­wend­bar be­zeich­net und Du Pont da­her nicht in sei­ne 130 Ny­lon-Pa­ten­te ein­be­zo­gen. Das An­ge­bot der Ame­ri­ka­ner, als sie 1938 den Deut­schen ihr Ny­lon zur Li­zenz prä­sen­tier­ten, konn­ten die Ber­li­ner da­her mit ei­nem Lä­cheln ab­leh­nen. Ab 1943 wur­den auch aus Per­lon DaUSA, men­strümp­fe ge­fer­tigt, we­gen der Ma­te­ri­al­knapp­heit wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs aber kaum pro­du­ziert.

Jahr­zehn­te­lang war die Ny­lon-Kunst­fa­ser der Traum mo­de­be­wuss­ter Frau­en – vie­le hät­ten ih­re Män­ner da­für ge­op­fert. Joe La­bovs­ky, ehe­ma­li­ger Che­mi­ker bei Du Pont und Mit­ar­bei­ter von Ca­ro­thers, mein­te spä­ter gar: „Für ein Paar Ny­lons hät­ten Frau­en da­mals ih­re Un­schuld ge­ge­ben.“Zu­min­dest ris­kier­ten ei­ni­ge Da­men in der „Schlacht um Ny­lon­strümp­fe Leib und Le­ben“, wie Zei­tun­gen ti­tel­ten. Heu­te die­nen Ny­lon­fa­sern nicht nur zur Her­stel­lung von Strümp­fen, Des­sous und Sport­be­klei­dung, dar­über hin­aus wer­den Schnü­re, Net­ze, Fall­schir­me, Ruck­sä­cke, Zel­te und Sport­ge­rä­te wie Fe­der­bäl­le und Ten­nis­schlä­ger dar­aus pro­du­ziert. Ca­ro­thers – seit 1927 bei Du Pont – er­leb­te den Er­folg der von ihm ge­schaf­fe­nen Kunst­fa­ser nicht mehr. Der ehe­ma­li­ge Har­vard-Pro­fes­sor litt schon seit frü­hes­ter Ju­gend un­ter De­pres­sio­nen, an­geb­lich hat­te er an sei­ner Uhr­ket­te stets ei­ne Kap­sel mit Zy­an­ka­li da­bei. Am 29. April 1937 be­ging er mit der Blau­säu­re Selbst­mord. Micha­el Os­sen­kopp

Fo­tos: dpa

OB STRUMPFHOSE ODER STRUMPF: Se­xy Ac­ces­soires wä­ren oh­ne die Er­fin­dung von Ny­lon nicht denk­bar.

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