Ber­li­ner Show nährt El­tern­hoff­nun­gen

„Kin­der­wunsch­ta­ge“

Pforzheimer Kurier - - MENSCH UND MEDIZIN -

Wohl­ge­nähr­te ro­sa Wonneproppen zie­ren Web­sei­te und Pla­ka­te der Mes­se. So ein Ba­by, das ist der Her­zens­wunsch vie­ler Paa­re, bei de­nen es auf na­tür­li­chem We­ge mit dem Nach­wuchs nicht klap­pen will. Be­trof­fe­ne sol­len sich an die­sem Wo­che­n­en­de in­for­mie­ren über die Mög­lich­kei­ten der Me­di­zin und dann al­les rich­tig ma­chen auf dem Weg zum ei­ge­nen Nach­wuchs – das ver­spre­chen die ers­ten Kin­der­wunsch­ta­ge in Berlin. Es ist nach An­ga­ben des bri­ti­schen Ver­an­stal­ters die ers­te Pu­bli­kums­mes­se zum The­ma in Deutsch­land.

Kri­ti­ker stört, dass sich dort auch zahl­rei­che aus­län­dische Kli­ni­ken prä­sen­tie­ren, die Ver­fah­ren im Port­fo­lio ha­ben, die hier­zu­lan­de il­le­gal sind. Ei­zel­len­spen- den und Leih­mut­ter­schaft et­wa. „Das ist ei­ne Wer­be­ver­an­stal­tung, von der ge- ra­de für Pa­ti­en­ten kei­ne sach­li­chen In­for­ma­tio­nen zu er­war­ten sind“, sagt der Ber­li­ner Lan­des­vor­sit­zen­de des Be­rufs­ver­bands der Frau­en­ärz­te, Mat­thi­as Bloech­le. Die Mes­se sei des­halb un­nö­tig.

Da­bei las­sen sich Paa­re von Ver­bo­ten schon lan­ge nicht mehr ab­hal­ten, wenn sie un­be­dingt ein Kind wol­len. Viel dis­ku­tiert wur­de vor zwei Jah­ren et­wa der Fall ei­ner 65-jäh­ri­gen Ber­li­ne­rin, die dank Sa­men­und Ei­zel­len­spen­den in der Ukrai­ne Vier­lin­ge zur Welt brach­te und sich von Fern­seh­ka­me­ras be­glei­ten ließ.

Auch der Deut­sche Ethik­rat will sich im März bei ei­ner Ver­an­stal­tung mit dem „re­pro­duk­ti­ven Rei­sen“und Kon­se­quen­zen in Deutsch­land be­schäf­ti­gen. „Wir ha­ben vie­le Kun­den aus dem Aus­land, auch aus Deutsch­land“, sagt Craig Reis­ser vom US-Zen­trum Ore­gon Re­pro­duc­tive Me­di­ci­ne aus den USA, das sich in Berlin prä­sen­tiert.

Wie vie­le Deut­sche di­rekt oder ver­mit­telt von ei­ner deut­schen Kli­nik zu Kin­der­wunsch­be­hand­lun­gen ver­rei­sen, wird nir­gends er­fasst. Bis zu 3000 Paa­re jähr­lich sei­en es wohl, schätzt Ul­rich Hil­land, Vor­sit­zen­der des Bun­des­ver­ban­des Re­pro­duk­ti­ons­me­di­zi­ni­scher Zen­tren.

In Deutsch­land sto­ßen die Ber­li­ner Kin­der­wunsch­ta­ge in ei­ne Lü­cke: die zwi­schen me­di­zi­ni­schen Mög­lich­kei­ten und Ge­setz­ge­bung. Gera­de bei der nach dem Em­bryo­nen­schutz­ge­setz ver­bo­te­nen Ei­zel­len­spen­de for­dern man­che Fach­leu­te schon län­ger ei­ne Lo­cke­rung. „Das Ver­bot ist nicht mehr zeit­ge­mäß“, sagt Hil­land. Es sei aber wich­tig, Paa­re gut über mög­li­che Ri­si­ken auf­zu­klä­ren und si­cher­zu­ge­hen, dass Kin­der ei­nes Ta­ges die Spen­de­rin aus­fin­dig ma­chen kön­nen – was bei Be­hand­lung im Aus­land im Aus­land in der Re­gel nicht der Fall ist. Dort­hin aber bau­en die Kin­der­wunsch­ta­ge Paa­ren nun die Brü­cke, aus­drück­lich auch Ho­mo­se­xu­el­len. Nur li­qui­de müs­sen sie sein. Ei­ne Ei­zel­len­spen­de im mitt­le­ren Preis­seg­ment kos­te in den USA um­ge­rech­net et­wa 40000 Eu­ro rech­net Reis­ser vor, hin­zu kom­men Rei­se­kos­ten. Güns­ti­ger sind Kli­ni­ken in Spa­ni­en, Po­len oder Tsche­chi­en.

Die Mes­se­ver­an­stal­ter wis­sen um die recht­li­che Pro­ble­ma­tik. Wie de­ren Rechts­an­walt Hol­ger Eber­lein sagt, könn­ten Ärz­te we­gen Bei­hil­fe be­langt wer­den, wenn sie über ver­bo­te­ne Ver­fah­ren mehr als nur in­for­mie­ren. Die Mes­se be­müht sich da­her um ei­nen wis­sen­schaft­li­chen Cha­rak­ter und hat ei­nen um­fas­sen­den Se­mi­nar­plan. „Ich se­he das mit ge­misch­ten Ge­füh­len“, sagt Re­pro­duk­ti­ons­me­di­zi­ner Hil­land. „In­fos soll­te man wei­ter­ge­ben dür­fen“– aber er sieht ei­nen ho­hen Grad an Kom­mer­zia­li­sie­rung, be­son­ders bei US-Ein­rich­tun­gen. „Da ist die Fra­ge, wie weit will man es mit den Hoff­nun­gen von Paa­ren trei­ben?“Sein Ver­band ha­be sich des­halb ge­gen ei­nen Stand bei den Kin­der­wunsch­ta­gen ent­schie­den.

Der Markt hat je­den­falls Wachs­tums­po­ten­zi­al: Bis­lang nut­zen die meis­ten Kin­der­lo­sen gar nicht erst Kin­der­wunsch­be­hand­lun­gen – und wenn doch, dann spät als Ul­ti­ma Ra­tio, wie es in ei­ner Stu­die des Fa­mi­li­en­mi­nis­te­ri­ums heißt. Da­ten aus dem so­ge­nann­ten IVF-Re­gis­ter zei­gen: Wenn Pa­ti­en­tin­nen ei­ne künst­li­che Be­f­ruch­tung vor­neh­men las­sen, sind sie im Schnitt schon 35,2 Jah­re alt – et­wa 2,5 Jah­re äl­ter als Pa­ti­en­tin­nen 1997. Die be­son­ders frucht­ba­re Zeit ist mit Mit­te 30 al­ler­dings längst vor­bei. Wenn es dann zum Bei­spiel auch im Re­agenz­glas nicht klappt, kann es für ei­ne Ad­op­ti­on im In­land zu spät sein. Und was bleibt dann – au­ßer auf­ge­ben oder dem Weg ins Aus­land?

Gi­se­la Gross

Ei­ne Ei­zel­le für 40 000 Eu­ro

Ar­chiv­fo­to: Jen­sen

BABYPRODUKTION: Mensch­li­che Ei­zel­len wer­den un­ter dem Mi­kro­skop be­ar­bei­tet.

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