Mehr als Po­po und Pi­pi

Schni­po Schran­ke

Pforzheimer Kurier - - MUSIK-SZENE -

Ein ro­bus­ter Ma­gen ist für den Ge­nuss von „Ra­re“, dem zwei­ten Al­bum von Schni­po Schran­ke, fast schon un­er­läss­lich. „Ich reit’ durch Pi­pi, Sper­ma und so wei­ter – und durch knö­chel­tie­fen Ei­ter“, singt Da­nie­la Reis im Stück „Pim­mel­rei­ter“, und auch „Pis­se“, der bis­lang be­kann­tes­te Song von Schni­po Schran­ke, spielt kör­per­lich in der­sel­ben Ecke. „War­um schmeckt’s, wenn ich Dich küs­se, un­ten­rum nach Pis­se?“Und wenn man Lust hät­te, könn­te man jetzt noch lan­ge wei­ter­ma­chen mit dem Zi­tie­ren solch klei­ner ek­li­ger Sa­chen. Oder man fragt die bei­den Frau­en, was sie sich da­bei den­ken, in vie­len ih­rer Songs über Ge­schlechts­or­ga­ne, Kör­per­öff­nun­gen, Aus­schei­dun­gen und, größ­ter Ta­bu­bruch von al­len, ge­walt­sam zu To­de ge­kom­me­ne Kat­zen zu sin­gen. „Wenn Män­ner sich der­be und di­rekt aus­drü­cken, et­wa im Hi­p­Hop, dann ist das Hu­mor“, sagt Da­nie­la Reis, ein Hauch von er­mü­de­ter Ge­nerv­t­heit schim­mert durch, sie hat längst sehr viel Rou­ti­ne im Be­ant­wor­ten von Igit­ti­bäh-Fra­gen. Kein Ge­spräch mit Reis und der – fast schon pro­vo­zie­rend harm­los aus­se­hen­den – Band­kol­le­gin Frit­zi Ernst kommt oh­ne aus. „Aber Frau­en, die so et­was sin­gen, ste­chen of­fen­bar im­mer noch her­aus und ecken an.“Die bei­den in Ham­burg le­ben­den End­zwan­zi­ge­rin­nen (Reis stammt ur­sprüng­lich aus Tett­nang am Bo­den­see, Ernst aus dem west­fä­li­schen Pa­der­born) sei­en über­rascht ge­we­sen, wie sehr sich Öf­fent­lich­keit und Me­di­en auf die Kraft­aus­drü­cke, den Fä­kal­hu­mor, die Sex­be­grif­fe auf dem vor an­dert­halb Jah­ren er­schie­ne­nen De­büt „Satt“ein­ge­schos­sen hät­ten. Frit­zi Ernst: „Wir wa­ren wohl et­was na­iv, aber es steckt wirk­lich null Kal­kül da­hin­ter. Wir dach­ten, so zu for­mu­lie­ren, sei ganz nor­mal. Wir sind halt im­mer of­fen und in­dis­kret, au­ßer­dem un­ter­hal­ten wir uns nun ein­mal so und fin­den das wit­zig. War­um soll­ten wir nicht über die­se Din­ge sin­gen?“Nach ei­nem Ro­man wie „Feucht­ge­bie­te“oder ei­ner Se­rie wie „Girls“zu­mal. Und doch: Songs wie „Pis­se“sorg­ten für Auf­re­gung in In­die­pop-Krei­sen und Feuille­tons glei­cher­ma­ßen, was wie­der­um we­der der Wahr­nehm­bar­keit noch dem Er­folg des Du­os ge­scha­det hat. „Auch wenn wir es nicht gut fin­den, auf Po­po und Pi­pi re­du­ziert zu wer­den, denn die ste­hen für uns nicht Vor­der­grund.“Dort steht eher der Ernst des Le­bens.

Auf „Ra­re“, dem mu­si­ka­lisch bei al­ler grund­le­gen­den, hin­ge­schram­mel­ten Pun­kig­keit et­was ver­sier­te­ren, rei­fe­ren und auch ei­nen Tick ru­hi­ge­ren Al­bum im Ver­gleich zu „Satt“, ma­chen sich die bei­den vie­le tie­fe Ge­dan­ken. Über­wie­gend sind die Lie­der düs­te­ren In­halts, Dro­gen, Tod und De­pres­si­on wer­den wie­der­holt the­ma­ti­siert, das Al­bum ist kein son­der­lich hei­te­res. Selbst das Kif­fen, noch ein­mal an­ge­spro­chen, et­wa in „Hasch­pro­le­ten“, dient für Schni­po Schran­ke in ers­ter Li­nie Be­hand­lungs­zwe­cken. „Wir ma­chen kein Ge­heim­nis dar­aus, dass wir psy­chisch nicht ge­sund sind“, so Reis. „Mit Si­cher­heit ist Mu­sik­ma­chen für uns auch The­ra­pie. Mo­men­te, in de­nen es uns schlecht geht, be­ar­bei­ten wir mu­si­ka­lisch.“Angst ha­be man zum Bei­spiel vor der ers­ten lan­gen Tour­nee im ver­gan­ge­nen Jahr ge­habt, die Mäd­chen blei­ben ge­ne­rell sehr gern zu Haus.

Über­haupt geht es den bei­den, die un­ter an­de­rem die Alt-Punks Rocko Scha­mo­ni und Frank Spil­ker (Die Ster­ne) zu ih­ren För­de­rern und Fans zäh­len, ganz gut mo­men­tan. Kein Ver­gleich zu da­mals, als sich Ernst und Reis auf der Hoch­schu­le für Mu­sik in Frank­furt ken­nen­lern­ten – zwei ori­en­tie­rungs­lo­se, ten­den­zi­ell ver­zwei­fel­te Frau­en auf der Su­che nach Halt. Frit­zi Ernst stu­dier­te Block­flö­te, Da­nie­la Reis Cel­lo, ein Spaß sei das nicht ge­we­sen. Frit­zi: „Die Mu­sik­hoch­schu­le war für uns bei­de nur ei­ne Not­lö­sung ge­we­sen. Wir wa­ren auch ein­fach zu schlecht, um in ei­nem Orches­ter zu spie­len, und die ein­zi­ge an­de­re Mög­lich­keit war, als Mu­sik­leh­re­rin zu ar­bei­ten. Aber Päd­ago­gin war nicht das, wes­halb ich Mu­sik stu­diert ha­be.“Nach dem „gro­ßen Frust“und ei­nem Ge­fühl der „Bo­den­lo­sig­keit“war Schni­po Schran­ke dann, so­viel Pa­thos muss sein, die Ret­tung für die bei­den. Sie hät­ten ein­fach drauf­los pro­biert, oh­ne Er­war­tun­gen, oh­ne Vor­bil­der, oh­ne ei­ne Idee da­von, was das ei­gent­lich für Mu­sik sei und wem sie ge­fal­len könn­te. „Wir wuss­ten nur, dass wir ei­ge­ne Lie­der schrei­ben und da­mit auf­tre­ten woll­ten“. Das funk­tio­nier­te zu­nächst in Ham­burg, in­zwi­schen im gan­zen deutsch­spra­chi­gen Raum her­vor­ra­gend. „Nach den Jah­ren der Ver­zweif­lung und Hoff­nungs­lo­sig­keit macht uns der Zu­spruch zu un­se­rer Mu­sik ir­gend­wie glück­lich und zu­frie­den“, fin­det Frit­zi. „End­lich ha­ben wir et­was ge­fun­den, wo­rin wir gut sind.“

Stef­fen Rüth

SCHNIT­ZEL FÜR AL­LE: Frit­zi Ernst und Da­nie­la Reis ali­as Schni­po Schran­ke. Fo­to: Si­mo­ne Scar­do­vel­li

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