Ein Vor­bild?

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - BERN­HARD JUN­GIN­GER

Ka­na­da gilt als Spe­zia­list für Ein­wan­de­rung. Kaum ein Land nimmt, ge­mes­sen an sei­ner Ein­woh­ner­zahl, so vie­le Mi­gran­ten auf. Auch beim Be­such des ka­na­di­schen Pre­miers Jus­tin Tru­deau in Ber­lin ver­gan­ge­ne Wo­che war wie­der oft zu hö­ren, dass Deutsch­land sich an Ka­na­da bei der Steue­rung der Zu­wan­de­rung ein Bei­spiel neh­men könn­te. Ka­na­da prak­ti­ziert seit Jah­ren ein Punk­te­sys­tem, bei dem je­der Ein­rei­se­wil­li­ge nach fest­ge­leg­ten Kri­te­ri­en be­wer­tet wird. Will er es als ei­ner von rund 300 000 Zu­wan­de­rern im Jahr dau­er­haft nach Ka­na­da schaf­fen, muss er, ver­ein­facht ge­sagt, auf ei­ne be­stimm­te Punkt­zahl kom­men. Vie­le Punk­te gibt es et­wa für so­li­de Kennt­nis­se der of­fi­zi­el­len Spra­chen Eng­lisch oder Fran­zö­sisch. Ei­ne wich­ti­ge Rol­le spielt der Be­ruf des Be­wer­bers. Im Kern des Sys­tems geht es Ka­na­da dar­um, die Leu­te ins Land zu ho­len, die der Ge­sell­schaft am meis­ten nut­zen. Für die­se gibt es dann recht schnell die Staats­bür­ger­schaft. Es ist ein ego­is­ti­sches, wirt­schaft­lich ori­en­tier­tes, aber kon­se­quen­tes Prin­zip.

Auch in Deutsch­land ist die Ein­wan­de­rung von hoch qua­li­fi­zier­ten Be­wer­bern aus Nicht-EU-Staa­ten mög­lich, et­wa über die „Blaue Kar­te“. Die setzt al­ler­dings vor­aus, dass der Ein­wan­de­rer be­reits ei­ne Stel­le mit ver­gleichs­wei­se ho­hem Ge­halt vor­wei­sen kann. 2015

wur­den nur rund 14 500 sol­cher Kar­ten aus­ge­ge­ben. Viel zu we­nig, um dem Fach­kräf­te­man­gel Herr zu wer­den. In Ka­na­da macht die Ein­wan­de­rung aus hu­ma­ni­tä­ren Grün­den nur ei­nen ver­gleichs­wei­se klei­nen Teil aus und er­folgt im Rah­men fes­ter Kon­tin­gen­te. Als Pre­mier Tru­deau et­wa En­de 2016 ent­schied, 25 000 sy­ri­sche Flücht­lin­ge auf­zu­neh­men, wur­de dies als hu­ma­ni­tä­re Groß­tat be­ju­belt. Von Ober­gren­ze sprach nie­mand. Ka­na­di­sche Ex­per­ten wähl­ten dann di­rekt im Li­ba­non, Jor­da­ni­en und in der Tür­kei un­ter be­reits von der UN an­er­kann­ten Flücht­lin­gen vor al­lem Fa­mi­li­en aus – aber kaum al­lein­rei­sen­de jun­ge Män­ner. Flücht­lin­ge, die sich auf ei­ge­ne Faust nach Ka­na­da auf­ma­chen, wer­den an der Gren­ze ab­ge­wie­sen oder in Po­li­zei­ge­wahr­sam ge­nom­men.

Wer ei­ne Re­form der deut­schen Ein­wan­de­rung nach ka­na­di­schem Vor­bild for­dert, meint mehr Ei­gen­nutz bei der An­wer­bung von Fach­kräf­ten und mehr Här­te ge­gen­über al­len, die sich nicht an Re­geln hal­ten. Gr­und­vor­aus­set­zung für je­de Re­form wä­re, dass es Eu­ro­pa ge­län­ge, ei­nen ver­nünf­ti­gen Schutz sei­ner Au­ßen­gren­zen zu ga­ran­tie­ren. Mit der Ark­tis im Nor­den, dem Pa­zi­fik im Wes­ten, dem At­lan­tik im Os­ten und der ziem­lich gut ge­si­cher­te Gren­ze zu den USA im Sü­den hat es Ka­na­da in die­ser Hin­sicht be­deu­tend leich­ter.

Ka­na­da setzt auf ein Punk­te­sys­tem

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