Er­ha­be­ne Ge­bär­de und ko­mi­sche Ak­zen­te

Fest­spiel­wür­dig: „Se­me­le“am Staats­thea­ter

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Ge­org Fried­rich Hän­del war ein ge­wief­ter Ge­schäfts­mann. Als er be­merk­te, dass das In­ter­es­se des Lon­do­ner Pu­bli­kums an den ita­lie­ni­schen Opern nach­ließ, und als dann 1741 auch noch sei­ne ei­ge­ne Oper „Dei­d­a­mia“durch­fiel, wäh­rend gleich dar­auf sei­ne in­no­va­ti­ven eng­li­schen Ora­to­ri­en wie „Mes­siah“(1742) glän­zend an­ka­men, da ver­stand er die Zei­chen des Mark­tes, den er sich nun zu­rück­er­obern woll­te. Sein Re­zept: neue Stof­fe, Ver­wen­dung der Lan­des­spra­che und Mi­schung der Gat­tun­gen. Und so schrieb er 1743 sei­ne „Se­me­le“– nach ei­ner Epi­so­de aus den „Met­a­mor­pho­sen“des Ovid, vom Ko­mö­di­en­dich­ter Wil­li­am Con­gre­ve schon 1705/6 um­ge­formt in ei­ne fri­vo­le eng­li­sche Vor­la­ge, kom­po­niert auch mit Mit­teln des Ora­to­ri­ums und kon­zer­tant zu spie­len oh­ne teu­re Aus­stat­tung.

Schon Hän­dels An­kün­di­gung des Wer­kes ver­weist auf des­sen Zwit­ter­stel­lung: ei­ne Oper „in der Art ei­nes Ora­to­ri­ums“, die sich vor al­lem in der reich­li­chen, gleich­be­rech­tig­ten Ver­wen­dung des Cho­res ne­ben dem dra­ma­ti­schen Zier­ge­sang der Fi­gu­ren zeig­te. Frei­lich, die Mix­tur kam nicht gut an. Hän­del setz­te sich beim Ver­such der Neu­schöp­fung zwi­schen al­le Stüh­le. Die (ad­li­gen) An­hän­ger des kon­ven­tio­nel­len „ope­ra se­ria“kri­ti­sier­ten den Ein­fluss der ein­hei­mi­schen ora­to­ri­schen Tra­di­ti­on, be­klag­ten die Ab­kehr von der ita­lie­ni­schen Mo­de und war­fen Hän­del sei­nen Geiz vor, weil er das Werk oh­ne den ge­lieb­ten, aber teu­ren Büh­nen-Pomp auf­füh­ren ließ. Das bür­ger­li­che Pu­bli­kum da­ge­gen stieß sich an den ero­ti­schen An­züg­lich­kei­ten des welt­li­chen Su­jets.

Tat­säch­lich geht es in „Se­me­le“pi­kant zu. Die Kö­nigs­toch­ter Se­me­le hat ei­ne heim­li­che Af­fä­re mit dem lie­bes­tol­len Ju­pi­ter, des­sen be­tro­ge­ne Gat­tin Ju­no nun auf Ra­che sinnt. Die Ei­fer­süch­ti­ge bringt die schwan­ge­re Ri­va­lin, die selbst nach Uns­terb­lich­keit strebt, lis­tig da­zu, dem olym­pi­schen Ehe­bre­cher die Zu­sa­ge ab­zu­schmei­cheln, ihr in sei­ner gan­zen Gött­lich­keit zu er­schei­nen – wohl wis­send, dass die­ser An­blick töd­lich ist. Ju­nos tü­cki­scher Plan geht auf: Se­me­le fällt sie im Blitz­strahl der gött­li­chen Glo­rie ih­rem sträf­li­chen Ehr­geiz zum Op­fer. Der Schmerz über ih­ren Tod wird da­durch ge­lin­dert, dass ihr Kind als Gott sinn­li­cher Freu­den künf­tig al­len Kum­mer der Welt er­tränkt: Bac­chus.

Hän­del stat­tet die­ses Auf und Ab der Ge­füh­le mit un­er­hört far­ben­rei­cher Mu­sik aus und bringt sei­ne gan­ze Er­fah­rung in vie­len mu­si­ka­li­schen Sät­teln zur Gel­tung. Groß­ar­ti­ge Chö­re wech­seln mit stim­mungs­vol­len Zwi­schen­spie­len und schil­lern­den En­sem­bles, ele­gi­sche Li­ni­en, hit­zi­ge Aus­brü­che, zar­te Schwär­me­rei­en, sehn­süch­ti­ge Kan­ti­le­nen, ent­fes­sel­te Af­fek­te und er­grei­fen­de Kla­gen ver­knüp­fen sich zu ei­nem klin­gen­den Kalei­do­skop, das ei­ne thea­tra­le Be­bil­de­rung durch­aus er­set­zen soll­te und durch vi­su­el­le Ver­stär­kung noch ge­winnt.

Zum zwei­ten Mal seit 1980 brin­gen die Karls­ru­her Fest­spie­le die­ses wun­der­vol­le Stück auf die Büh­ne, und wie es in der Hän­del-Pfle­ge bei Ora­to­ri­en längst üb­lich ist: als sze­nisch um­ge­setz­te Oper. Kei­ne Neu­ent­de­ckung al­so und auch kei­ne Re­vi­si­on. Die sorg­fäl­ti­ge, mit hüb­schen De­tails auf­war­ten­de Ins­ze­nie­rung von Flo­ris Vis­ser macht aus „Se­me­le“ein un­ter­halt­sa­mes Spek­ta­kel mit Mut zur er­ha­be­nen Ge­bär­de eben­so wie mit ko­mi­schen und ly­ri­schen Ak­zen­ten. Da­bei trägt der Re­gie-Ein­fall, die de­li­ka­ten Lie­bes­hän­del zwi­schen Göt­ter­him­mel und Er­den­le­ben mit Hil­fe des Aus­stat­ters Gi­de­on Da­vey ins ge­gen­wär­ti­ge Wa­shing­ton und dort in den Kup­pel­saal des Ka­pi­tols zu ver­le­gen, zur tie­fe­ren Wir­kung des Wer­kes nicht eben bei. Die „rea­lis­ti­sche“Über­tra­gung et­wa von Ju­pi­ter und Ju­no in ein halbak­tu­el­les USPrä­si­den­ten­paar und der Ze­phi­re aus dem ar­ka­di­schen Lie­bes­tem­pel in düs­te­re Krie­ger nimmt der au­gen­zwin­kern­den Hand­lung (und der Mu­sik) ih­ren Zau­ber und be­müht sich all­zu an­ge­strengt, aus der apar­ten My­then-Epi­so­de ei­ne mo­der­ne Ge­sell­schafts­sa­ti­re um po­li­ti­sche Macht­spie­le zu ma­chen.

Das führt im­mer mal wie­der zu Wi­der­sprü­chen, die aber durch das ho­he mu­si­ka­li­sche Ni­veau des Abends ein we­nig ge­glät­tet wer­den. Im En­sem­ble be­ste­chen vor al­lem die Trä­ger der hoch­e­mo­tio­na­len Drei­ecks­ge­schich­te. Jen­ni­fer Fran­ce als bril­lan­te Se­me­le war­tet mit ei­ner hin­rei­ßen­den Pa­let­te von stimm­li­chen Mög­lich­kei­ten auf, die na­ment­lich in der üp­pig ko­lo­rier­ten Spie­gel­arie „Mys­elf I Shall Ado­re“das Pu­bli­kum in ver­zück­ten Ju­bel ver­set­zen. Um­wer­fend singt und spielt auch Ed Lyon den lie­bes­tol­len Ju­pi­ter, des­sen vir­tuo­se Bra­vour­num­mer „I must speed amu­se her“wie auch das be­rühm­te me­lo­di­sche Glanz­stück „Whe­re’er you walk“zu un­ver­gess­li­chen Hö­he­punk­ten des Abends ge­ra­ten. Die hoch­ge­spann­te Sze­ne der bei­den Prot­ago­nis­ten im drit­ten Akt ist auch dank der vor­züg­li­chen Per­so­nen­re­gie ein Mus­ter­bei­spiel blut­vol­ler Mu­sik­dra­ma­tik. Kat­ha­ri­ne Tier als mar­tia­li­sche Ju­no er­gänzt die fu­rio­sen Höl­len­fahr­ten durch haar­sträu­ben­de Ka­ta­rak­te des Zier­ge­sangs mit pa­cken­der sing­dar­stel­le­ri­scher Ve­he­menz.

Auch in den Ne­ben­rol­len: er­freu­li­che Leis­tun­gen. Ter­ry Wey singt die un­dank­ba­re Al­to-Par­tie des ver­schmäh­ten Lieb­ha­bers At­ha­mas mit er­le­se­ner Fi­nes­se und sou­ve­rä­ner Ge­läu­fig­keit. Han­nah Brad­bu­ry als Ju­nos er­ge­be­ne Hel­fe­rin Iris, Il­kin Apay als ver­schmitz­ter Cu­pid und Xang Xu als ful­mi­nant brum­men­der Schlaf­gott Som­nus lie­fern pral­le Stu­di­en, ne­ben de­nen Ed­ward Gauntt als kli­schier­ter Va­ter Cad­mus und Di­la­ra Bastar als sän­ge­risch et­was un­aus­ge­wo­ge­ne Ino ein we­nig ver­blas­sen. Ei­nen ex­zel­len­ten Ein­druck hin­ter­lässt der neu ge­grün­de­te, ju­gend­lich fri­sche Hän­delFest­spiel­chor, und die be­währ­ten Deut­schen Hän­del-So­lis­ten un­ter der um­sich­tig nu­an­cier­ten und sti­lis­tisch ma­kel­lo­sen Lei­tung von Chris­to­pher Moulds ge­ben die­ser vor­züg­li­chen „Se­me­le“ei­ne mu­si­ka­li­sche Rah­mung von wür­di­ger Fest­spiel-Qua­li­tät. Rü­di­ger Krohn

i Auf­füh­run­gen

23., 28. Fe­bru­ar, 19 Uhr; 25. Fe­bru­ar, 15 Uhr. www.staats­thea­ter.karls­ru­he.de

VORZÜGLICHE MU­SI­KA­LI­SCHE QUA­LI­TÄT gab es bei der Neu­in­sze­nie­rung von Hän­dels „Se­me­le“durch Flo­ris Vis­ser in Karls­u­he zu be­wun­dern. Her­aus­ra­gend in den Haupt­rol­len: Jen­ni­fer Fran­ce als Se­me­le und Ed Lyon als Ju­pi­ter. Fo­to: Von Trau­ben­berg

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