Der Jo­ker­flüs­te­rer

Na­gels­mann wech­selt ge­gen Darm­stadt mal wie­der den Hof­fen­hei­mer Er­folg ein

Pforzheimer Kurier - - FERNSEHEN - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter To­bi­as Schäch­ter

Sins­heim. Zah­len sind gna­den­los un­be­stech­lich. Nie­mand weiß das seit Sams­tag bes­ser, als al­le, die mit Darm­stadt 98 füh­len. Sel­ten har­mo­nier­ten die Ein­drü­cke über die Leis­tung und die nack­ten Zah­len bei den Li­li­en we­ni­ger als nach der 0:2-Nie­der­la­ge am Sams­tag bei 1899 Hof­fen­heim. Ei­ner­seits lös­te der cou­ra­gier­te Auf­tritt trotz der Nie­der­la­ge ein kol­lek­ti­ves „Hur­ra wir le­ben noch“-Ge­fühl aus. An­de­rer­seits aber la­sen sich die Sta­tis­ti­ken nach die­sem Spiel­tag ver­stö­rend nie­der­schmet­ternd. Darm­stadt 98 ver­lor auch sein zehn­tes Aus­wärts­spiel in die­ser Sai­son. Und weil die un­mit­tel­ba­ren Ta­bel­len­nach­barn aus In­gol­stadt (2:0 in Frank­furt) und Bre­men (2:0 in Mainz) durch ih­re Leis­tun­gen mit Punk­ten be­lohn­ten, ver­grö­ßer­te sich der Ab­stand auf Re­le­ga­ti­ons­platz 16 für den Ta­bel­len­letz­ten auf sie­ben Zäh­ler. Aber auch Hof­fen­heims Trai­ner Ju- li­an Na­gels­mann sprach dem Geg­ner und sei­nem Trai­ner­kol­le­gen Tors­ten Frings „ein Kom­pli­ment für die Ent­wick­lung“aus.

Es war al­so ein ir­gend­wie selt­sa­mer Sams­tag für Darm­stadt 98 zwi­schen blu­mi­gen Wor­ten und de­sas­trö­ser Bi­lanz. Es stimmt ja: Die Li­li­en zei­gen wie­der Cou­ra­ge und wir­ken viel sta­bi­ler als noch zu Be­ginn des Ka­len­der­jah­res. Die Mann­schaft knüpf­te auch beim Cham­pi­ons-Le­ague-Aspi­ran­ten Hof­fen­heim an der er­staun­li­chen Leis­tung beim über­ra­schen­den 2:1-Sieg ge­gen Bo­rus­sia Dort­mund an. Die Win­ter­zu­gän­ge tun der Mann­schaft gut, be­son­ders Rou­ti­nier Ha­mit Alt­in­top als schlau­er Stra­te­ge und An­füh­rer im Mit­tel­feld. Die Li­li­en wir­ken ak­tu­ell nicht wie ei­ne Mann­schaft, die sich auf­ge­ge­ben hat. In den kom­men­den drei Spie­len aber – ge­gen Augs­burg, in Bre­men und ge­gen Mainz – müs­sen sie be­wei­sen, auch sta­tis­tisch bis zum Sai­son­en­de kon­kur­renz­fä­hig zu sein.

Die Hof­fen­hei­mer hin­ge­gen freu­ten sich über ei­nen Gleich­klang zwi­schen Ge­füh­len und Zah­len. Un­ter Aus­nut­zung al­ler Res­sour­cen er­zwang die TSG letzt­lich ei­nen ver­dien­ten Sieg der Ge­duld „in ei­nem kom­pli­zier­ten Spiel ge­gen ei­nen ek­li­gen Geg­ner“, wie es Na­gels­mann be­schrieb. Zum elf­ten Mal in Se­rie blie­ben die Ba­de­ner zu­hau­se un­ge­schla­gen – Ver­eins­re­kord. Und zum elf­ten Mal in die­ser Sai­son schoss ein Ein­wech­sel­spie­ler ein Tor – Li­gare­kord. Dies­mal ent­schied der für Ke­rem De­mir­bay nach 50 Mi­nu­ten ge­kom­me­ne And­rej Kra­ma­ric mit zwei Tref­fern die Par­tie (64., 90. +3 Foul­elf­me­ter). Seit Na­gels­manns Amts­an­tritt vor fast genau ei­nem Jahr zie­ren er­staun­li­che 16 Jo­ker­to­re die Hof­fen­hei­mer Sta­tis­tik. Zu­fall kann das nicht sein. Der 29 Jah­re jun­ge Fuß­ball­leh­rer ist auf dem Ge­biet des Coa­chings durch Ein­wechs­lun­gen ei­ne Ka­pa­zi­tät. Na­gels­mann wech­selt nicht nur oft un­ge­wöhn­lich früh aus, er wech­selt auch un­be­re­chen­bar. Statt wie er­war­tet die ne­ben San­dro Wa­gner zwei­te Spit­ze Mar­co Ter­raz­zi­no für Stür­mer Kra­ma­ric vom Platz zu ho­len, ver­ließ ge­gen die Li­li­en Mit­tel­feld­mann De­mir­bay das Spiel­feld. Ter­raz­zi­no ging erst für Stür­mer Adam Sza­lai vom Platz, nach­dem er Kra­ma­rics Füh­rungs­tor herr­lich vor­be­rei­tet hat­te. Zu Na­gels­manns Theo­rie der ge­lun­ge­nen Ein­wechs­lung ge­hört auch, al­le Spie­ler im­mer un­ter Span­nung zu hal­ten. Auch des­halb ver­klei­ner­te die TSG im Win­ter den Ka­der – und plötz­lich ist so ein bis­lang un­be­ach­te­ter Pro­fi wie der ehe­ma­li­ge Karls­ru­her Ter­raz­zi­no Start­elf-Kan­di­dat, der Kra­ma­rics Ehr­geiz pro­vo­ziert.

„Wir sind ver­dient oben da­bei und ha­ben die Qua­li­tät, et­was Gro­ßes zu schaf­fen in die­ser Sai­son“, be­ton­te Ab­wehr­chef Ni­k­las Sü­le.

DEN RICH­TI­GEN TON fand 1899-Coach Ju­li­an Na­gels­mann beim zwei­fa­chen Tor­schüt­zen And­rej Kra­ma­ric, Fo­to: imago

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