Schwe­di­sche Näch­te

US-Prä­si­dent Trump ern­tet Spott und Hä­me – doch sei­ne An­hän­ger stär­ken ihm den Rü­cken

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN -

Karls­ru­he. Auch Chel­sea Cl­in­ton konn­te sich ei­nen Sei­ten­hieb nicht ver­knei­fen. „Was letz­te Nacht in Schwe­den pas­siert ist?“, frag­te die Toch­ter von Hil­la­ry Cl­in­ton via Twit­ter und schob ei­ne Ver­mu­tung gleich nach: „Ha­ben sie die Tä­ter des Bow­lin­gG­re­en-Mas­sa­kers ge­fasst?“Der Witz funk­tio­niert nur, wenn man die Ge­schich­te da­zu kennt. Denn ein Bow­ling-Gre­en-Mas­sa­ker hat es in den USA nie ge­ge­ben. Es ist ei­ne Er­fin­dung von Kel­lyan­ne Con­way, der Be­ra­te­rin des USPrä­si­den­ten Do­nald Trump, die be­reits mit ih­ren „al­ter­na­ti­ven Fak­ten“zum Be­su­cher­an­drang bei Trumps Amts­ein­füh­rung auf­ge­fal­len war. Con­way hat­te in ei­nem In­ter­view von ei­nem Mas­sa­ker ge­spro­chen, dass ira­ki­sche Flücht­lin­ge in Bow­ling Gre­en, ei­ner Stadt im USBun­des­staat Ken­tu­cky, ver­übt ha­ben sol­len. Das hat es aber nie ge­ge­ben.

Cl­in­tons Twit­ter-Bot­schaft ist ei­ne von Zehn­tau­sen­den, die Trumps Aus­sa­ge über ei­nen an­geb­li­chen An­schlag aufs Korn neh­men. Trump hat­te bei ei­ner Re­de vor An­hän­gern in Flo­ri­da den Ein­druck er­weckt, in Schwe­den hät­ten Flücht­lin­ge ein At­ten­tat ver­übt. Trump sag­te: „Seht, was in Deutsch­land pas­siert, seht, was letz­te Nacht in Schwe­den pas­siert ist. Schwe­den, wer hät­te das ge­dacht? Schwe­den – sie ha­ben ganz vie­le rein­ge­las­sen, nun ha­ben sie Pro­ble­me, wie sie es nie für mög­lich ge­hal­ten hät­ten.“Das Pro­blem: In Schwe­den gab es in die­ser Nacht kei­nen An­schlag. Die Re­ak­tio­nen im Netz lie­ßen nicht lan­ge auf sich war­ten. Un­ter dem Schlag­wort „last­night­ins­we­den“(„letz­te Nacht in Schwe­den“) ver­öf­fent­lich­ten zahl­rei­che Nut­zer ih­re Ver­mu­tun­gen. „In Bul­ler­bü ter­ro­ri­sier­te ei­ne rot­haa­ri­ge Gö­re die Stadt. Den Po­li­zis­ten Kling und Klang ge­lang es nicht sie zu fas­sen,“schrieb ei­ner und füg­te ein Fo­to von Pip­pi Langs­trumpf an. An­de­re ver­mu­te­ten, ein Ikea-Re­gal sei falsch auf­ge­baut wor­den, ein Mann sei ein­ge­schla­fen, als er ein Bier ge­trun­ken ha­be und ein Elch sei auf der fal­schen Stra­ßen­sei­te ge­lau­fen. Fo­tos wur­den durchs Netz ge­schickt, auf de­nen nack­te Schwe­den beim Sau­na­gang zu se­hen wa­ren. Ei­ni­ge pos­te­ten auch ein­fach ein schwar­zes Bild mit der Über­schrift: Letz­te Nacht in Schwe­den. Die Ta­ges­zei­tung „Af­ton­bla­det“lis­te­te in ei­nem Bei­trag auf, wel­che Er­eig­nis­se Schwe­den in die­ser Nacht er­schüt­ter­ten: Un­ter an­de­rem ha­be der 87-jäh­ri­ge Sän­ger Owe Thörn­quvist bei ei­ner Pro­be mit tech­ni­schen Pro­ble­men zu kämp­fen ge­habt und ei­ne Stra­ße muss­te we­gen Über­schwem­mung ge­sperrt wer­den. Der schwe­di­sche EU-Ab­ge­ord­ne­te Gun­nar Hok­mark teil­te die­se Nach­richt: „Letz­te Nacht in Schwe­den hat mein Sohn sei­nen Hot­dog ins La­ger­feu­er fal­len las­sen. Das ist so trau­rig!“Hok­mark füg­te die Fra­ge hin­zu, wie Trump das so schnell ha­be er­fah­ren kön­nen.

Es gab al­so mas­sen­haft Spott und Hä­me. Doch es gibt auch die Kehr­sei­te. In den so­zia­len Netz­wer­ken wird Trump ver­tei­digt. Ma­xi­mi­li­an Krah, ein Dresd­ner Rechts­an­walt, der aus Pro­test ge­gen Mer­kels Flücht­lings­po­li­tik von der CDU zur AfD ge­wech­selt war, schrieb: „Trump schafft es, dass über Zu­stän­de im Mul­ti­kul­ti-Ver­ge­wal­ti­gungs-Pa­ra­dies Schwe­den dis­ku­tiert wird.“Sein Bei­trag wur­de von der AfD Hei­del­berg wei­ter­ver­brei­tet. Der ös­ter­rei­chisch Na­tio­nal­rats­ab­ge­ord­ne­te Mar­cus Franz wies dar­auf hin, dass Schwe­den die höchs­te Ver­ge­wal­ti­gungs­ra­te welt­weit ha­be. Statt nun Witz­chen über Do­nald Trump zu ma­chen, soll­te man lie­ber über die Um­stän­de dis­ku­tie­ren, die da­zu ge­führt hät­ten.

Trump selbst ver­such­te am Tag da­nach ei­ne Er­klä­rung. Sei­ne Aus­sa­gen hät­ten sich auf ei­nen Bei­trag des USSen­ders Fox News be­zo­gen, bei dem es um Mi­gran­ten und Schwe­den ge­gan­gen sei, schrieb er bei Twit­ter. Um wel­che Sen­dung es sich ge­nau ge­han­delt ha­be, sag­te er al­ler­dings nicht. In der Show „Tu­cker Carl­son To­night“gab es bei Fox News ein In­ter­view, in dem sich der Do­kum­tar­fil­me­ma­cher Ami Ho­ro­witz zu Pro­ble­men mit Ein­wan­de­rung in Schwe­den äu­ßer­te. Er be­rich­te­te, Schwe­den er­le­be seit sei­ner Auf­nah­me von Hun­dert­tau­sen­den Ein­wan­de­rern in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ei­ne Wel­le von Ge­walt­ver­bre­chen. Ex­per­ten wi­der­leg­ten ges­tern Ho­ro­witz’ The­se mit Ver­weis auf die Kri­mi­na­li­täts­sta­tis­tik, die die­se An­nah­me nicht un­ter­maue­re. Ei­ni­ge sei­ner Be­haup­tun­gen sei­en zu­dem schlicht falsch. Doch um Fak­ten geht es bei die­ser De­bat­te of­fen­bar schon gar nicht mehr. Aus dem Wei­ßen Haus war ges­tern zu hö­ren, Trump ha­be sich auf ei­nen ge­ne­rel­len An­stieg von Straf­ta­ten in Schwe­den be­zo­gen, nicht auf ei­nen kon­kre­ten Ein­zel­vor­fall. Dem wi­der­spricht al­ler­dings Trumps For­mu­lie­rung von „letz­ter Nacht“.

Für Trumps Wäh­ler ist der Spott oh­ne­hin nur Aus­druck ei­ner Kam­pa­gne, hin­ter der die Geg­ner des neu­en USPrä­si­den­ten ste­cken. Sei­ne An­hän­ger­schaft scheint wie ei­ne Wa­gen­burg, die bei der­ar­ti­gen An­grif­fen noch en­ger zu­sam­men­rückt. An Rück­halt scheint der neue US-Prä­si­dent (bis­her) je­den­falls nicht zu ver­lie­ren, dar­an än­dert auch der Schwe­den-Irr­tum nichts.

Das schwe­di­sche Au­ßen­mi­nis­te­ri­um for­der­te un­ter­des­sen ei­ne Er­klä­rung für Trumps Äu­ße­run­gen. Für den ehe­ma­li­gen schwe­di­schen Re­gie­rungs­chef und Au­ßen­mi­nis­ter Carl Bildt, der sich am Wo­che­n­en­de schon ge­fragt hat­te, was Trump denn wohl vor sei­ner Re­de ge­raucht ha­be, hat die gan­ze Sa­che auch ei­nen durch­aus erns­ten Hin­te­grund. „Als Prä­si­dent der Ver­ei­nig­ten Staa­ten ist Trump ei­ne der wich­tigs­ten Per­so­nen der Welt und wir sind es ge­wohnt, dass ein US-Prä­si­dent im­mer auch am bes­ten in­for­miert ist“, sag­te er ges­tern. „Ver­brei­tet er nun statt­des­sen Ge­rüch­te und Un­wahr­hei­ten, kön­nen wir hier in Schwe­den dar­über nur la­chen. Auf der an­de­ren Sei­te kann so et­was aber auch rich­tig ge­fähr­lich wer­den.“To­bi­as Roth/dpa/AFP

„So et­was kann rich­tig ge­fähr­lich wer­den“

NACHT IM NORDEN: Mit sei­nen Äu­ße­run­gen über ei­nen an­geb­li­chen Ter­ror­an­schlag „letz­te Nacht“in Schwe­den sorg­te US-Prä­si­dent Do­nald Trump für Auf­se­hen. Zahl­rei­che In­ter­net-Nut­zer re­agier­ten mit lus­ti­gen Er­klär­ver­su­chen. Fo­tos: dpa/Twit­ter

ANLEITUNG ZUM EIGENBAU: Ein Twit­ter-Nut­zer re­agier­te auf Trumps Äu­ße­run­gen und spiel­te auf die ge­plan­te Grenz­mau­er zu Me­xi­ko an, die der US-Prä­si­dent bau­en will.

LETZ­TE NACHT in Schwe­den ließ ein Jun­ge sei­ne Wurst ins Feu­er fal­len.

LETZ­TE NACHT in Schwe­den wur­de an­geb­lich ein Mas­sa­ker an Kött­bullar ver­übt.

LETZ­TE NACHT soll ei­ne rot­haa­ri­ge Gö­re Schwe­den ter­ro­ri­siert ha­ben.

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