Eu­ro­pas Mau­er zu Afri­ka

Er­neut über­win­den Hun­der­te Mi­gran­ten den Zaun der spa­ni­schen Ex­kla­ve Ceu­ta

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Mar­tin Dahms

Ma­drid/Ceu­ta. Vor gut zwei Wo­chen er­zähl­te Sun­ny, ein jun­ger Mann aus Ka­me­run, auf ei­ner Ver­an­stal­tung in Ceu­ta, was er emp­fand, als er zum ers­ten Mal vor dem Grenz­zaun zu Me­lil­la stand. „Als ich mich vor das Mons­ter des Zauns stell­te, be­kam ich gro­ße Angst“, be­rich­te­te er. Sun­ny be­schloss, statt den Sprung zu wa­gen, nach Ceu­ta zu schwim­men. Er er­reich­te sein Ziel. Das war im De­zem­ber 2011. Heu­te stu­diert er im an­da­lu­si­schen Cór­do­ba im Sü­den Spa­ni­ens.

Staats­se­kre­tär will Droh­nen ein­set­zen

Die Zäu­ne um die spa­ni­schen Ex­kla­ven Ceu­ta und Me­lil­la an der ma­rok­ka­ni­schen Mit­tel­meer­küs­te mar­kie­ren die ein­zi­gen Land­gren­zen zwi­schen Afri­ka und ei­nem eu­ro­päi­schen Staat. Seit 1997 sind sie Stück für Stück im­mer wei­ter auf­ge­rüs­tet wor­den. Sie sind Eu­ro­pas Mau­er zu Afri­ka. Wer sie zum ers­ten Mal sieht, hält sie für un­über­wind­bar: sechs Me­ter hoch in Dop­pel­rei­hen, so fein­ma­schig, dass man kei­nen Fuß hin­ein­set­zen kann, zu­sätz­lich ge­si­chert mit Ka­me­ras, Be­we­gungs­mel­dern und Wach­tür­men. Trotz­dem ge­lingt es im­mer wie­der Hun­der­ten, die Zäu­ne zu über­win­den. Ver­gan­ge­nen Frei­tag ka­men fast 500 Afri­ka­ner nach Ceu­ta, ges­tern Mor­gen noch ein­mal mehr als 350. Es war ih­nen ge­lun­gen, die an man­chen Stel­len in die Zäu­ne ein­ge­las­se­nen Tü­ren auf­zu­bre­chen. Die Grenz­be­am­ten der Guar­dia Ci­vil wa­ren an­ge­sichts so vie­ler Men­schen macht­los.

Um Ceu­ta und Me­lil­la war es in jün­ge­rer Zeit ru­hi­ger ge­wor­den. Nach Zah­len der EU-Agen­tur für die eu­ro­päi­schen Au­ßen­gren­zen Fron­tex ka­men 2016 rund 1 000 Ein­wan­de­rer ir­re­gu­lär in die bei­den Ex­kla­ven, so we­ni­ge wie seit vie­len Jah­ren nicht mehr. Um­so auf­fäl­li­ger ist der plötz­li­che Mas­sen­an­sturm in­ner­halb we­ni­ger Ta­ge. Spa­ni­ens Si­cher­heits­staats­se­kre­tär Jo­sé An­to­nio Nieto glaubt an ei­nen Zu­sam­men­hang mit dem schwe­len­den Ar­beits­kampf spa­ni­scher Ha­fen­ar­bei­ter: Et­li­che Guar­di­aCi­vil-Be­am­te sei­en in die gro­ßen spa­ni­schen Hä­fen ab­ge­ord­net wor­den, wes­we­gen we­ni­ger Kräf­te für die Grenz­kon­trol­le zur Ver­fü­gung stan­den. Die Lö­sung, die dem Staats­se­kre­tär vor­schwebt: „Man muss die Si­cher­heit ver­bes­sern, in­dem man im­mer bes­se­re Tech­no­lo­gie be­nutzt.“Er denkt an den Ein­satz von Droh­nen, die er für ei­ne „ge­eig­ne­te Me­tho­de“der Mi­gran­ten­ab­wehr hält.

Die Er­fah­rung der ver­gan­ge­nen Jah­re zeigt al­ler­dings, dass die Ein­wan­de­rungs­wil­li­gen auf je­de neue Er­schwer­nis mit neu­en Stra­te­gi­en ant­wor­ten – und bis­her doch im­mer We­ge ge­fun­den ha­ben, die Gren­zen zu über­win­den. Die spa­ni­sche Sek­ti­on von Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal hält die Grenz­zäu­ne des­halb für „ei­nen Fehl­schlag der spa­ni­schen Mi­gra­ti­ons­po­li­tik“. Und der Re­gie­rungs­prä­si­dent von Me­lil­la, Ab­del­ma­lik El Bar­ka­ni, fragt sich: „Sind wir nicht in der La­ge, ei­nen Weg zu fin­den, da­mit die Im­mi­gran­ten aus ver­schie­de­nen Län­dern mit ih­ren Do­ku­men­ten und viel­leicht so­gar mit ei­nem Ar­beits­ver­trag hier­her kom­men?“Nur die al­ler­we­nigs­ten der Zaun­sprin­ger sind Flücht­lin­ge. Zu­meist sind sie klas­si­sche Mi­gran­ten, die sich ein bes­se­res Le­ben in Eu­ro­pa er­träu­men. Ih­re Zu­kunft ist al­ler­dings sel­ten so gol­den, wie sie sich das vor­stel­len. Zu­nächst ver­brin­gen sie et­li­che Mo­na­ten in den bei­den Auf­nah­me­la­gern in Ceu­ta und Me­lil­la, dann wer­den sie ge­wöhn­lich auf die Ibe­ri­sche Halb­in­sel über­führt und müs­sen da­nach mit der Ab­schie­bung in ih­re Hei­mat rech­nen, wenn denn ein Rück­nah­me­ab­kom­men mit ih­rem Her­kunfts­land exis­tiert. Falls nicht, blei­ben sie in Spa­ni­en, wo sie sich ge­wöhn­lich vie­le Jah­re oh­ne Pa­pie­re durch­schla­gen.

SEHNSUCHTSORT EU­RO­PA: In Ceu­ta freu­en sich ei­ni­ge Mi­gran­ten, dass sie es über den Zaun ge­schafft ha­ben. Die meis­ten Men­schen, die nach Eu­ro­pa wol­len, sind kei­ne klas­si­schen Flücht­lin­ge. Sie träu­men viel­mehr von ei­nem bes­se­ren Le­ben. Fo­to: dpa

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