90. Fort­set­zung

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

„Nat­han, nie­mals“, hät­te sie am liebs­ten ge­ru­fen, aber dann dach­te sie an Nat­hans Weg­gang, dar­an, wie sehr sie sei­ne Ent­schei­dung ver­stört hat­te, wie fremd ihr Nat­han da­durch ge­wor­den war. Dass sie nichts, aber auch gar nichts dar­über wuss­te, was er seit sei­ner Rück­kehr nach Deutsch­land er­lebt oder ge­tan hat­te. Sie dach­te auch dar­an, dass sie ihn, ge­nau wie Ben, Ari ge­gen­über nie er­wähnt hat­te. Muss­te sie nicht spä­tes­tens jetzt von ihm er­zäh­len, wo Ari ihn ver­däch­tig­te? Sie wuss­te es nicht. Völ­lig ver­un­si­chert frag­te sie: „Du glaubst, Nat­han Na­gel­stein ist der sechs­te Mann?“

Ari nick­te. „Deck­na­me N, Ju­de, Künst­ler, ge­langt oh­ne Pro­ble­me in die Nä­he des Kanz­lers. Was brauchst du mehr?“

„Ich fah­re nach Ba­den-Ba­den“, ent­schied sie von ei­ner Se­kun­de auf die an­de­re. Noch wür­de sie nichts von Nat­han er­zäh­len. Erst muss­te sie mit ihm spre­chen.

„Sehr gut“, stimm­te Ari so­fort zu. „Nach dem Auf­tritt der bei­den Schmocks emp­fiehlt es sich so­wie­so, dass du von der Bild­flä­che ver­schwin­dest. Es ist leich­ter für mich, sie wie­der ab­zu­wim­meln, wenn du nicht da­bei bist. Fahr nach Ba­den-Ba­den, küm­me­re dich um die­sen Na­gel­stein. Be­ob­ach­te ihn. Komm mit ihm ins Ge­spräch. Fin­de her­aus, wo er po­li­tisch steht.“

„Wenn er Ade­nau­er um­brin­gen will, wird er mir be­stimmt nicht ver­ra­ten, dass er ein ra­di­ka­ler Zio­nist ist“, spot­te­te Ro­sa.

„Viel­leicht ist er so leicht zu durch­schau­en wie du?“Er quetsch­te ein spar­sa­mes, ros­ti­ges Lä­cheln her­aus.

Ro­sa hät­te es ihm am liebs­ten mit ei­ner Ohr­fei­ge aus dem Ge­sicht ge­hau­en. Sie hass­te ihn da­für, dass er sie zwang, Nat­han mit Miss­trau­en zu be­geg­nen.

„Du ent­schul­digst mich?“, bat er nach ei­nem Blick auf die Uhr. „Ich muss we­gen Kel­ler mit un­se­rem Mann in Genf te­le­fo­nie­ren. Au­ßer­dem kommt der Kanz­ler bald vom Kirch­gang zu­rück. Du fin­dest mich bei dei­ner Rück­kehr in sei­ner Nä­he.“

Wie schon so oft ver­fluch­te sie die­sen Auf­trag und die­se Rei­se. Kein Ge­spenst aus der Ver­gan­gen­heit, das sie da­bei nicht heim­such­te. Jetzt noch ein­mal Nat­han, ihr Nat­han, der ihr vor lan­ger Zeit der Him­mel auf Er­den war.

Büh­ler­hö­he

Es über­rasch­te So­phie, dass ihr we­gen der Gold­berg ein scha­ler Nach­ge­schmack im Mund hing. Nicht so sehr, weil ihr die fal­schen Be­schul­di­gun­gen leid­ta­ten, viel eher, weil Xa­vier sie so scham­los für sei­ne Zwe­cke miss­brauch­te. Hät­te er mit of­fe­nen Kar­ten ge­spielt, wür­de ihr die Lü­ge­rei nichts aus­ma­chen. Aber es schmerz­te, dass er ihr im­mer noch nicht auf Au­gen­hö­he be­geg­ne­te. Es ver­letz­te, dass er nicht wür­dig­te, was sie für ihn ris­kier­te. Ge­le­gent­lich ein an­er­ken­nen­der Blick, mehr nicht. Aber nicht mal den, als sie ihm von dem Frei­bur­ger Be­richt er­zähl­te. In­klu­si­ve Ha­rem. Sei­ne Re­ak­ti­on war er­nüch­ternd ge­we­sen. Ge­heim­dienst­ge­wäsch, größ­ten­teils er­stun­ken und er­lo­gen, so tat er das Gan­ze ab. Auch auf die Frau­en­geschich­ten dür­fe sie nichts ge­ben, die ei­ne oder an­de­re, nun ja, aber sie wis­se doch, dass sie die Aus­nah­me von der Re­gel sei.

Sie durf­te sich nichts vor­ma­chen. Er hei­ra­te­te sie, weil sie ihm nütz­lich war. Nütz­lich­keit aber war ei­ne amor­phe Wa­re, die mal mehr, mal we­ni­ger wog. Ge­ra­de jetzt stand sie bei ihm hoch im Kurs, und weil So­phie wuss­te, dass mor­gen al­les schon wie­der ganz an­ders sein konn­te, hat­te sie dar­auf be­stan­den, noch am sel­ben Tag nach Bühl zu fah­ren und das Auf­ge­bot zu be­stel­len.

Ehen wa­ren Nutz­ge­mein­schaf­ten, im­mer ge­we­sen, Lie­be stets ei­ne Zu­ga­be. Auf ih­ren Nut­zen re­du­ziert, ver­lor die Ehe le­dig­lich das all­seits be­lieb­te ro­man­ti­sche Strah­len. Ehe war ein Ge­schäft. Des­halb durf­te sie sich nichts vor­ma­chen, das konn­te mit ei­nem bö­sen Er­wa­chen en­den. Xa­vier woll­te sie, weil er ihr Ta­lent schätz­te, Schwie­rig­kei­ten zu lö­sen, und weil er wuss­te, dass er sich auf sie ver­las­sen konn­te. Sie woll­te ihn, weil er sie vom Pest­ge­ruch der Al­lein­ste­hen­den be­frei­te und ihr den Weg von der Büh­ler­hö­he in die gro­ße wei­te Welt eb­ne­te. Trau­zeu­gen brauch­ten sie noch. Sie könn­te ih­re Tan­te in Ba­den-Ba­den fragen. Und Xa­vier? Ir­gend­ei­nen al­ten Ka­me­ra­den wür­de es ge­ben, der ihm den Ge­fal­len tat.

Erst als ei­ne Trä­ne auf die Rech­nung an Ei­sen­wa­ren­händ­ler Ket­ten­kaul tropf­te, merk­te sie, dass sie wein­te. Ein biss­chen un­be­schwer­tes Glück, war das wirk­lich zu viel ver­langt? Be­kam man im Le­ben denn gar nichts ge­schenkt? Straf­te sie das Le­ben, weil sie sich nicht mit dem be­gnü­gen woll­te, was die El­tern für sie vor­ge­se­hen hat­ten? Hat­te sie ei­ne fal­sche Ab­zwei­gung ge­nom­men? Rann­te sie un­er­füll­ba­ren Träu­men nach? Ih­re Groß­mut­ter Odi­le hat­te im­mer ge­sagt, dass man bis zum An­schlag rech­nen kön­ne und die Rech­nung trotz­dem nie auf­ge­he. Aber was soll­te man sonst tun als rech­nen, pla­nen und das Bes­te aus die­sem Le­ben her­aus­ho­len? War­ten, dass et­was pas­sier­te? Dar­auf ver­trau­en, dass man in der gro­ßen Le­bens­lot­te­rie ein Glücks­los zog? Was zähl­te am En­de al­ler Ta­ge?

Sie wisch­te sich die Trä­nen weg. Sie war er­schöpft, nur das er­klär­te ih­re Weh­lei­dig­keit. Er­schöpft, aber nicht er­le­digt. Ih­re Kraft wür­de noch für das letz­te Stück Weg rei­chen, sie lief doch be­reits auf der Ziel­ge­ra­den. Und dann konn­te sie sich von ei­ner sehr viel kom­for­ta­ble­ren Po­si­ti­on aus Ge­dan­ken über den Sinn des Le­bens ma­chen.

Sie pu­der­te sich die Na­se und zog den Lid­strich nach. Dann knüll­te sie die nass­ge­tropf­te Rech­nung zu­sam­men, öff­ne­te die Tür zur Re­zep­ti­on und rief Mor­gen­tha­ler zu, dass er sie we­gen der vie­len Recht­schreib­feh­ler noch ein­mal tip­pen sol­le, kehr­te zum Schreib­tisch zu­rück und kon­trol­lier­te die an­de­ren Rech­nun­gen. Hof­fent­lich bald zum letz­ten Mal. In Zu­kunft wür­de sie nur noch die Rech­nun­gen von und an Ma­dame und Mon­sieur Pfis­ter kon­trol­lie­ren. Als sie fer­tig war, ging sie mit der Do­ku­men­ten­map­pe zu Klar­bach und leg­te sie ihm auf den Schreib­tisch.

„Zu Ih­rer In­for­ma­ti­on, Ma­dame Rei­sacher: Im Sep­tem­ber wer­den wir mit ei­ner neu­en Ver­an­stal­tungs­rei­he be­gin­nen“, do­zier­te er, wäh­rend er die Rech­nun­gen über­flog und ab­zeich­ne­te. „Ein­mal im Mo­nat wer­den wir Wis­sen­schaft­ler, Po­li­ti­ker oder Künst­ler ein­la­den, um über ein ak­tu­el­les The­ma zu spre­chen. In der heu­ti­gen Zeit gie­ren die Men­schen nach In­for­ma­ti­on und Dis­kus­si­on, und un­se­re Gast­red­ner wer­den die Bes­ten der Bes­ten sein. Hans Zbin­den hat ei­nen Vor­trag über Kri­se und Ver­ant­wor­tung der geis­ti­gen Eli­te in un­se­rer Zeit zu­ge­sagt, Dok­tor von Dirk­sen ei­nen über das so­wje­tisch­chi­ne­si­sche Kräf­te­spiel, und Gus­taf Gründ­gens – der gro­ße Gründ­gens, Sie wis­sen, wie ger­ne er vor dem Krieg bei uns lo­gier­te! – ei­nen über Thea­ter und mo­der­ne Kunst. Das wird nicht nur un­se­re Gäs­te, son­dern die Crè­me de la Crè­me der Re­gi­on, was sa­ge ich, des gan­zen Lan­des in­ter­es­sie­ren und die Büh­ler­hö­he als ei­nen Ort des geis­ti­gen Aus­tau­sches zum Strah­len brin­gen. Bit­te prü­fen Sie doch, ob wir ge­nü­gend pas­sen­de Stüh­le ha­ben, um die Rund­hal­le zu be­stü­cken.“

„Selbst­ver­ständ­lich, Herr Di­rek­tor“, ant­wor­te­te So­phie. „Hat das bis nach der Abrei­se des Kanz­lers Zeit?“

Es hat­te. Und sie wür­de sich dar­um nicht mehr küm­mern. Das muss­te ih­re Nach­fol­ge­rin tun, und falls er ei­ne sol­che nicht schnell ge­nug fand, Klar­bach selbst. Die Vor­stel­lung, ihn schwit­zend Stüh­le zäh­len zu se­hen, amü­sier­te sie. Dann fiel ihr der Ter­min beim Stan­des­amt ein. Fort­set­zung folgt

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