Wie aus ei­nem Spi­on ein Lan­des­ver­rä­ter wird

Das Pu­bli­kum im DDR-Mu­se­um hat vie­le Fragen zur Ge­schich­te im Buch von Tho­mas Rauf­ei­sen

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Ron Tee­ger

Tho­mas Rauf­ei­sen kam am Sonn­tag nicht nur ins DDR-Mu­se­um nach Pforz­heim, um aus sei­nem Buch „Der Tag, an dem uns Va­ter er­zähl­te, dass er ein DDR-Spi­on sei“vor­zu­le­sen. Tat­säch­lich mach­te die­ser Teil nur et­wa 30 Mi­nu­ten der fast zwei­stün­di­gen Ver­an­stal­tung aus. In der rest­li­chen Zeit be­ant­wor­te­te er ge­dul­dig al­le Fragen, die die Zu­schau­er be­reits wäh­rend des Vor­trags stel­len durf­ten. Mit­tels ei­nes Bea­mers wur­den au­ßer­dem zahl­rei­che Fo­tos aus der Zeit ge­zeigt, in der die Ge­schich­te von Tho­mas Rauf­ei­sen spielt.

Es be­gann al­les harm­los mit Fa­mi­li­en­bil­dern aus den sieb­zi­ger Jah­ren. Der Va­ter des Au­tors ar­bei­te­te da­mals bei der Preus­sag in Han­no­ver als Geo­lo­ge. Ei­nes Abends im Jah­re 1979 kam sein Va­ter sehr auf­ge­regt von der Ar­beit nach Hau­se. Der Oma, die in See­bad Ahl­beck bei Use­dom leb­te, ge­he es nicht gut und man müs­se zu ihr fah­ren. Be­reits am nächs­ten Tag trat man die Rei­se in den Os­ten an.

Die Fahrt en­de­te je­doch nicht bei der Oma, son­dern in ei­nem Gäste­haus der Sta­si in Eich­wal­de bei Ber­lin. Dort of­fe­rier­te man ihm und sei­nem äl­te­ren Bru­der, dass ih­re Groß­mut­ter nicht krank sei, son­dern der Va­ter aus der BRD hät­te flie­hen müs­sen. Seit 22 Jah­ren hat­te er dort für die Sta­si als Spi­on ge­ar­bei­tet und wä­re Ge­fahr ge­lau­fen ent­tarnt zu wer­den. Pa­ra­do­xer­wei­se fand man spä­ter her­aus, dass die­se Wirt­schafts­spio­na­ge der DDR nichts nütz­te, da sie nicht die Mit­tel hat­ten um das aus­spio­nier­te um­set­zen zu kön­nen. Mit Hil­fe ei­ner List ge­lang es der Sta­si dar­auf­hin Tho­mas und sei­ne El­tern in die DDR ein­zu­bür­gern.

Rauf­ei­sen er­zählt wie er da­nach auf die so­ge­nann­te bes­te Schu­le der DDR, die Im­ma­nu­el-Kant-Ober­schu­le ging, und schluss­end­lich ei­ne Leh­re als Kfz Mecha­ni­ker be­gann. Er er­zählt vom Miss­trau­en der Schü­ler, der wach­sen­den Kluft zwi­schen der Fa­mi­lie und dem Va­ter und den Flucht­ver­su­chen zu­rück in die BRD.

Im Sep­tem­ber 1981 wur­de er in der Woh­nung sei­ner El­tern ver­haf­tet und zu­sam­men mit ih­nen vor Ge­richt ge­stellt. Er selbst be­kam drei Jah­re Haft, un­ter an­de­rem we­gen un­ge­setz­li­chem Grenz­über­tritts. Bei sei­nen El­tern ka­men lan­des­ver­rä­te­ri­sche Agen­ten­tä­tig­kei­ten und Spio­na­ge noch mit da­zu. Sei­ne Mut­ter wur­de zu sie­ben Jah­ren Haft ver­ur­teilt, der Va­ter be­kam le­bens­läng­lich.

Be­reits zwei Mo­na­te vor der Ver­hand­lung stan­den die Ur­tei­le fest und wur­den von Erich Miel­ke ab­ge­seg­net. 1984 nach den vol­len drei Jah­ren in der Haft­an­stalt Bau­zen II wur­de Tho­mas Rauf­ei­sen ent­las­sen und durf­te al­lei­ne in die BRD aus­rei­sen. Wäh­rend sei­ner ge­sam­ten Haft­zeit sah er sei­ne El­tern nur vier­mal. Sei­ne Mut­ter war bis 1988 in­haf­tiert. Sein Va­ter ver­starb 1987 un­ter mys­te­riö­sen Um­stän­den in Haft.

MIT HIS­TO­RI­SCHEN FO­TOS gar­niert Tho­mas Rauf­ei­sen sei­ne Le­sung im DDR-Mu­se­um. Der Vor­trag über die Fa­mi­li­en­ge­schich­te vor dem Hin­ter­grund der Spio­na­ge­tä­tig­keit sei­nes Va­ters in der Bun­des­re­pu­blik führ­te zu zahl­rei­chen Fragen. Fo­to: Eh­mann

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.