Man­cher trau­ert erst nach 70 Jah­ren

Pfar­re­rin As­trid Ma­schel hält Frie­dens­got­tes­dienst in Se­nio­ren­hei­men

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Bet­ti­na Geb­hard

Es ist die Ge­ne­ra­ti­on, die den Krieg und al­le sei­ne schlim­men Aus­wir­kun­gen als Kin­der er­lebt hat. Sie sind es, die ih­ren El­tern die Fra­ge ge­stellt ha­ben: „War­um habt Ihr das zu­ge­las­sen?“oder es auch nie ge­wagt ha­ben zu fragen. Sie ha­ben un­ter den Aus­wir­kun­gen des Krie­ges ge­lit­ten, muss­ten die schlimms­ten Bil­der ver­ar­bei­ten und das al­les meist oh­ne see­li­schen Bei­stand.

Man nennt sie die Kriegs­kin­der oder die ver­ges­se­ne Ge­ne­ra­ti­on. Sie durf­ten sich nicht be­kla­gen, denn es gab ja noch die Op­fer der Na­zis, de­nen es noch viel schlim­mer er­gan­gen ist. Sie hat­ten ja we­nigs­tens über­lebt. Aber sie tru­gen mit an der über­gro­ßen Schuld, für die sie ja nichts konn­ten. Für man­che kommt erst jetzt, nach über 70 Jah­ren, die Zeit zu re­den, zu kla­gen und zu trau­ern, um ver­lo­re­ne Freun­de und Fa­mi­lie, um die ver­lo­re­ne Kind­heit.

Für die Be­woh­ner der vier Pforz­hei­mer Se­nio­ren­ein­rich­tun­gen, der Re­si­denz Am­bi­en­te, dem Se­nio­ren­pfle­ge­heim Atri­um, dem Mar­tins­bau – Haus für Se­nio­ren und dem Wal­ter-Gei­ger-Haus ist Pfar­re­rin As­trid Ma­schel re­gel­mä­ßig da, um zu­zu­hö­ren und Mut zu ma­chen. Für die Se­nio­ren­re­si­denz hielt Pfar­re­rin Ma­schel ges­tern Vor­mit­tag ei­nen Frie­dens­got­tes­dienst. Da­bei geht es ihr haupt­säch­lich um zwei Aspek­te, die sie ins Zen­trum der Got­tes­diens­te rückt: Um Dank­bar­keit für 72 Jah­re Frie­den und um Hoff­nung, dass er an­hal­ten mö­ge.

Seit 2012 ist Ma­schel als evan­ge­li­sche Pfar­re­rin für die Seel­sor­ge an al­ten Men­schen zu­stän­dig. Da­bei ist der Krieg nicht nur in der Wo­che des 23. Fe­bru­ars ein The­ma. Vie­le Men­schen sei­en noch im­mer trau­ma­ti­siert, je we­ni­ger sie durch Fa­mi­lie oder mit­füh­len­de Men­schen in der da­ma­li­gen Zeit Trost er­fah­ren ha­ben oder selbst ei­ne Stra­te­gie zur Be­wäl­ti­gung der Er­leb­nis­se ent­wi­ckelt ha­ben, des­to eher hal­te das Trau­ma bis heu­te an, sagt die Seel­sor­ge­rin aus dem Pfinz­tal.

Der Frie­dens­got­tes­dienst bei den Se­nio­ren ent­stand 2012 auf ih­re Initia­ti­ve hin und sie freut sich, dass er in­zwi­schen schon Be­stand­teil des of­fi­zi­el­len Fly­ers der Stadt Pforz­heim zum 23. Fe­bru­ar ge­wor­den ist und dass der Pforz­hei­mer Ku­ri­er auch In­ter­es­se an ei­ner ver­hält­nis­mä­ßig klei­nen Ver­an­stal­tung hat. Dass der Frie­dens­got­tes­dienst für die Men­schen in­ter­es­sant ist, zei­ge sich dar­an, dass am Mon­tag­vor­mit­tag deut­lich mehr Se­nio­ren den Got­tes­dienst be­such­ten als sonst und dass im ver­gan­ge­nen Jahr auch vie­le Men­schen au­ßer­halb der Häu­ser ge­kom­men sei­en.

Pla­nen las­se sich ein sol­cher Got­tes­dienst nicht, er­klärt Ma­schel. Sie ha­be zwar ein Kon­zept, müs­se aber sehr sen­si­bel auf die Ver­fas­sung der Be­su­cher re­agie­ren, des­halb las­se sie sie auch selbst zu Wort kom­men und so er­fährt man von ei­ner 89-jäh­ri­gen, dass sie da­mals als 17-jäh­ri­ge ge­ra­de so den Bom­ben ent­kom­men war, ih­re Schwes­ter je­doch da­bei ver­lo­ren ha­be. Vie­le Er­in­ne­run­gen sei­en ver­schüt­tet, aber nicht ver­ges­sen und des­halb sei ein be­hut­sa­mes Vor­ge­hen beim The­ma Krieg un­ab­ding­bar.

DIE SEEL­SOR­GE FÜR SE­NIO­REN steht für Pfar­re­rin As­trid Ma­schel im Mit­tel­punkt. Fo­to: Geb­hard

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