PSA steht zu Opel-Ga­ran­ti­en

Sta­ti­ons­lo­se Car­sha­ring-An­bie­ter ern­ten Kri­tik / Bran­che wehrt sich ge­gen Vor­wür­fe

Pforzheimer Kurier - - ERSTE SEITE - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Burk­hard Frau­ne

Ber­lin (dpa). Peu­geot-Chef Car­los Ta­va­res hat Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) ver­si­chert, dass die Fran­zo­sen bei ei­ner Opel-Über­nah­me die lau­fen­den Ga­ran­ti­en für Stand­or­te und Ar­beits­plät­ze in Deutsch­land ak­zep­tie­ren. Das teil­te Re­gie­rungs­spre­cher Stef­fen Sei­bert nach ei­nem Te­le­fo­nat von Mer­kel und Ta­va­res mit. Der PSA-Chef ha­be be­kräf­tigt, „dass PSA die Ei­gen­stän­dig­keit von Opel im Kon­zern­ver­bund er­hal­ten und die Stand­ort-, In­ves­ti­ti­ons- und Be­schäf­ti­gungs­ga­ran­ti­en über­neh­men wer­de“, hieß es. n

Ber­lin. Abends an der Hal­te­stel­le. Ver­ab­re­det, die Zeit drängt, kein Bus in Sicht – aber ein Car­sha­ring-Au­to. Schnell die Mit­glieds­kar­te dran­hal­ten, ein­stei­gen, los­fah­ren. Kom­me der Bus, wann er wol­le. So be­schrei­ben Kri­ti­ker zu­min­dest die Nut­zer sta­ti­ons­lo­ser Leih­wa­gen-An­ge­bo­te, wie sie in Groß­städ­ten aus dem Bo­den sprie­ßen. „Das führt die Idee des Car­sha­ring ad ab­sur­dum“, sagt et­wa Jür­gen Resch, der Ge­schäfts­füh­rer der Deut­schen Um­welt­hil­fe. Statt we­ni­ger Au­tos sei mehr Mo­tor­ver­kehr die Fol­ge – und so auch mehr Schad­stof­fe und Stau. Von den An­bie­tern kommt je­doch Wi­der­spruch. Gut 1,7 Mil­lio­nen Deut­sche sind nach Bran­chen­an­ga­ben in­zwi­schen für Car­sha­ring re­gis­triert, über ein Drit­tel mehr als vor ei­nem Jahr. Das Wachs­tum ent­fällt vor al­lem auf sta­ti­ons­lo­se An­bie­ter, die ih­re Wa­gen über die Stra­ßen­rän­der der sie­ben größ­ten deut­schen Städ­te ver­tei­len.

Da­hin­ter ste­hen be­son­ders Au­to­bau­er wie Daim­ler (Car2go), BMW (Dri­veNow) oder Ci­tro­ën (Mul­ti­ci­ty). Die­se „Free-floa­ting“-An­ge­bo­te ver­ei­nen drei Vier­tel der Kun­den auf sich. Die klas­si­schen sta­ti­ons­ba­sier­ten An­bie­ter wach­sen lang­sam und in klei­ne­ren Städ­ten. Car­sha­ring-Ver­fech­ter spre­chen schon mal von „Kli­ma­schutz durch Au­to­fah­ren“. Ein Wa­gen er­set­ze meh­re­re Pri­vat­au­tos, be­tont die Bran­che seit Jah­ren. Doch stimmt die­se Ar­gu­men­ta­ti­on noch? Der Geo­graf Stefan Wei­ge­le hat nach­ge­rech­net. Schon 2014 wer­te­te er in sei­ner Ham­bur­ger Be­ra­tungs­ge­sell­schaft Ci­vi­ty Mil­lio­nen Da­ten­sät­ze sta­ti­ons­un­ab­hän­gi­ger Fuhr­parks aus. Er­geb­nis: Vie­le Fahr­ten sind nur we­ni­ge Ki­lo­me­ter lang und füh­ren nach Fei­er­abend al­len­falls von ei­nem Sze­ne­vier­tel ins nächs­te – oft trotz Bus-Mo­nats­kar­te im Porte­mon­naie. „Be­quem­lich­keits­mo­bi­li­tät“als „Er­satz­pro­dukt für das Fahr­rad, den öf­fent­li­chen Ver­kehr und das Ta­xi“, nennt Wei­ge­le das.

War­um al­so das Gan­ze? Für die Au­to­bau­er sieht die Un­ter­su­chung ei­nen Mil­li­ar­den­markt. Das be­que­me Car­sha­ring oh­ne Sta­ti­on brin­ge auch neue Nut­zer auf den Au­to-Ge­schmack, ver­mu­tet Bran­chen­ex­per­te Stefan Brat­zel. Er spricht so­gar von ei­ner „Ein­stiegs­dro­ge in das Au­to­fah­ren“. Daim­ler for­mu­lier­te vor ei­ner Wei­le, ei­ne Fahrt mit Car2go sei letzt­lich im­mer auch ei­ne Pro­be­fahrt mit dem Smart. Und in­zwi­schen wur­de die Mo­dell­pa­let­te um Mer­ce­des-Wa­gen er­gänzt. Das Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­um will sol­che Ef­fek­te nicht aus­schlie­ßen – geht aber auch nicht ganz mit. „Ein­stiegs­dro­ge oder Metha­don­prä­pa­rat? Ich glau­be, es wird ein Mix sein“, sagt Staats­se­kre­tär Jo­chen Flas­barth. Car­sha­ring ma­che den Ver­kehr an sich um­welt­und stadt­ver­träg­li­cher.

Das Frei­bur­ger Öko-In­sti­tut sol­le die­ser Fra­ge nun ge­nau­er nach­ge­hen. Das Mi­nis­te­ri­um hat schon ein­mal for­schen las­sen. Ein Ver­gleich des sta­ti­ons­ba­sier­ten Di­ens­tes Flinks­ter mit den frei ver­füg­ba­ren Au­tos von Dri­veNow er­gab: Bei Flinks­ter ha­ben mehr Kun­den kein ei­ge­nes Au­to, und es plan­ten auch we­ni­ger, sich ei­nes zu­zu­le­gen. Dri­veNow be­tont in­des, dass je­des sei­ner Au­tos drei Pri­vat­wa­gen er­set­ze. Der Bran­chen­ver­band kommt – un­ter Ide­al­be­din­gun­gen – so­gar auf bis zu 20 Pri­vat­wa­gen, die pro Car­sha­ring-Au­to von den Stra­ßen ver­schwin­den. Die­se Studie stützt sich je­doch auf aus­ge­wähl­te sta­tio­nä­re An­ge­bo­te. „Free-floa­ting-Sys­te­me zie­hen of­fen­sicht­lich Haus­hal­te stär­ker an, die am pri­va­ten Au­to­be­sitz fest­hal­ten“, heißt es beim Ver­band. Die Un­ter­su­chun­gen der ver­gan­ge­nen Jah­re gä­ben den­noch Hin­wei­se auf ei­ne ins­ge­samt po­si­ti­ve Um­welt­bi­lanz, be­tont Ge­schäfts­füh­rer Wil­li Loo­se.

ZU DEN STATIONSLOSEN An­bie­tern ge­hört auch Car2go von Daim­ler. Um­welt­schüt­zer kri­ti­sie­ren das Ge­schäfts­mo­dell. Fo­to: dpa

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