Ge­gen die Wand

Pforzheimer Kurier - - POLITIK -

WOLF­GANG VOIGT

Wer es der Po­li­tik recht ma­chen will, den kann schnell die Ver­zweif­lung pa­cken. Au­to­fah­rer in Stutt­gart kön­nen ein gars­tig Lied da­von sin­gen: Da hat man sich vor, sa­gen wir, fünf Jah­ren ei­nen Die­sel aus hei­mi­scher Pro­duk­ti­on zu­ge­legt – im Glau­ben, mit der da­ma­li­gen Ab­gas­norm Eu­ro4 tue man der Um­welt ei­nen Ge­fal­len. Und heu­te – das Au­to ist ge­ra­de mal rich­tig ein­ge­fah­ren – er­klärt es die Po­li­tik zur fein­staub­träch­ti­gen Dreck­schleu­der, mit der als­bald die Fahrt ins Zen­trum der Haupt­stadt zum Akt ge­mein­schäd­li­chen Ver­hal­tens wird. Oh­ne Wei­te­res ver­ständ­lich ist das nicht.

Na­tür­lich ist die Fe­in­staub­be­las­tung ein Pro­blem; nicht so sehr im Ba­di­schen, wohl aber im Stutt­gar­ter Tal­kes­sel, wo die Schad­stof­fe wie ei­ne Kä­se­glo­cke zwi­schen den Hü­geln hän­gen und den Men­schen den Atem rau­ben. Mehr als 30 Mal hat die Süd­west-Haupt­stadt im noch jun­gen Jahr Alarm aus­ge­löst, nach­dem der EU-Grenz­wert von 50 Mi­kro­gramm Fe­in­staub je Ku­bik­me­ter Luft über­schrit­ten war. Ge­mäß den noch gül­ti­gen ge­setz­li­chen Vor­ga­ben blieb es

beim wohl­fei­len Ap­pell, wenn mög­lich den Wa­gen ste­hen zu las­sen und statt sei­ner die Bahn zu fre­quen­tie­ren. Ge­tan hat das so gut wie nie­mand: Zu­min­dest dem Au­gen­schein nach wa­ren die Stutt­gar­ter Staus an Alarm­ta­gen nicht we­ni­ger lang als sonst im Jahr.

Jetzt soll auf Druck ge­han­delt wer­den: Bis En­de Fe­bru­ar müs­sen Land und Lan­des­haupt­stadt dem Stutt­gar­ter Ver­wal­tungs­ge­richt ein Kon­zept prä­sen­tie­ren, wie die Atem­luft im Kes­sel nach­hal­tig ver­bes­sert wer­den kann. Dass an­ge­sichts die­ser Zu­spit­zung Fahr­ver­bo­te nicht aus­blei­ben kön­nen, liegt auf der Hand – un­ab­hän­gig von der tech­ni­schen Fra­ge, ob die blaue Pla­ket­te das Mit­tel der Wahl ist oder nicht.

Klar ist aber auch, dass Stutt­gart wert­vol­le Zeit ver­geu­det hat und gleich­sam se­hen­den Au­ges ge­gen die Wand ge­fah­ren ist. Man hat es schlicht ver­schla­fen, früh­zei­tig die Wei­chen für ei­nen sanf­ten Über­gang hin zu nach­hal­ti­ger Mo­bi­li­tät zu stel­len. In Karls­ru­he lief das bes­ser. Und zwar be­reits zu Zei­ten christ­de­mo­kra­ti­scher Rat­haus­chefs.

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