Ein al­ter Be­kann­ter und ei­ne Re­kord­kla­ge

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt blickt auf 2017

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied To­bi­as Roth

Karls­ru­he. Die­ser Denk­zet­tel war teu­er: 2 500 Eu­ro muss­te im ver­gan­ge­nen Jahr ein Mann zah­len, der Be­schwer­de vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ein­ge­legt hat­te. Der Klä­ger ist beim Ge­richt am Karls­ru­her Schloss­be­zirk kein Un­be­kann­ter. Na­he­zu 400 Ver­fas­sungs­be­schwer­den hat er be­reits ein­ge­legt. Miss­brauchs­ge­bühr nennt sich die Straf­zah­lung, die von den Rich­tern nur sehr sel­ten ver­hängt wird und nur dann, wenn die Be­schwer­de of­fen­sicht­lich un­zu­läs­sig und un­be­grün­det ist, al­so für je­der­mann er­kenn­bar aus­sichts­los. Die Kla­ge des Man­nes be­ste­he „im We­sent­li­chen aus zu­sam­men­hang­lo­sen An­schul­di­gun­gen ge­gen Rich­ter, Staats­an­wäl­te, Rechts­an­wäl­te und Po­li­zei­be­am­te“be­grün­de­ten die Rich­ter die Ent­schei­dung. Dass sei­ne Rech­te ver­letzt wur­den, sei schon „im An­satz“nicht zu er­ken­nen ge­we­sen. Ne­ben Be­lei­di­gun­gen hat­te der Mann sei­ner Be­schwer­de Fo­tos von „Sit­zun­gen des na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Volks­ge­richts­hofs, ei­ner ona­nie­ren­den männ­li­chen Per­son so­wie von Ex­kre­men­ten und Er­bro­che­nem“bei­ge­fügt. Die Quit­tung: 2 500 Eu­ro. „Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt muss es nicht hin­neh­men, dass es durch ei­ne der­art sinn­ent­leer­te In­an­spruch­nah­me sei­ner Ar­beits­ka­pa­zi­tät bei der Er­fül­lung sei­ner Auf­ga­ben be­hin­dert wird“, mach­te das Ge­richt deut­lich. Der Mann war in Sa­chen Miss­brauchs­ge­bühr der „Re­kord­hal­ter“des ver­gan­ge­nen Jah­res, doch so ein Fall hat Sel­ten­heits­wert. Ins­ge­samt ist die Zahl der ver­häng­ten Miss­brauchs­ge­büh­ren im ver­gan­ge­nen Jahr deut­lich zu­rück­ge­gan­gen. 8 150 Eu­ro ka­men zu­sam­men, 2015 war es noch mehr als dop­pelt so viel. Zehn­mal wur­den Miss­brauchs­ge­büh­ren ver­hängt, so sel­ten wie noch nie in der Ge­schich­te des Ver­fas­sungs­ge­richts. Die Zah­len ge­hen aus der Jah­res­sta­tis­tik her­vor, die das Ver­fas­sungs­ge­richt ges­tern Abend in Karls­ru­he vor­leg­te.

Ge­richts­prä­si­dent Andreas Voß­kuh­le konn­te ei­nen leich­ten Rück­gang der Ein­gangs­zah­len ver­zeich­nen. 5 800 Neu­ein­gän­ge gab es 2016, et­wa 100 we­ni­ger als im Jahr zu­vor. Und die Ver­fas­sungs­rich­ter konn­ten mehr Ver­fah­ren er­le­di­gen, als neue hin­zu­ka­men. Trotz­dem schiebt das Ge­richt mit knapp 3 200 un­er­le­dig­ten Ver­fah­ren ei­nen Berg an Ar­beit vor sich her. Voß­kuh­le er­klär­te, die seit Jah­ren the­ma­ti­sier­te ho­he Be­las­tung des Ge­richts sei un­ver­än­dert. Da­zu wür­den im We­sent­li­chen die zahl­rei­chen be­son­ders um­fang­rei­chen und sehr zeit­in­ten­si­ven Se­nats­ver­fah­ren bei­tra­gen. 2016 wa­ren das bei­spiels­wei­se das Ver­fah­ren zum BKA-Ge­setz, zum OMT-Pro­gramm der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank oder dem be­schleu­nig­ten Atom­aus­stieg. Und na­tür­lich das NPDVer­bots­ver­fah­ren, für das der Zwei­te Se­nat drei Ver­hand­lungs­ta­ge an­ge­setzt und im Ja­nu­ar sein Ur­teil ver­kün­det hat­te. Ins­ge­samt gab es in Karls­ru­he 2016 zwölf münd­li­che Ver­hand­lun­gen.

Auch die­ses Jahr wird das Ge­richt um­fang­rei­che Ver­fah­ren zum Ab­schluss brin­gen. Be­reits münd­lich ver­han­delt wur­den die Be­schwer­den ge­gen das Ta­rif­ein­heits­ge­setz. Wie­der ein­mal wer­den sich die Ver­fas­sungs­rich­ter mit der dem al­ten Be­kann­ten Vor­rats­da­ten­spei­che­rung be­schäf­ti­gen müs­sen und auch in Sa­chen Ce­ta steht ein Ur­teil an. Ge­gen das Frei­han­dels­ab­kom­men mit Ka­na­da kla­gen Zehn­tau­sen­de Bür­ger, es ist die zah­len­mä­ßig größ­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de, die je ein­ge­reicht wur­de. Ei­nen Stopp der vor­läu­fi­gen An­wen­dung des Ab­kom­mens hat das Ver­fas­sungs­ge­richt zwar be­reits ab­ge­lehnt, in der Haupt­sa­che ist aber noch nicht ent­schie­den. Die The­men, mit de­nen sich das Ver­fas­sungs­ge­richt be­fasst, sind so bunt wie das Le­ben. Es geht um das „Recht auf Ver­ges­sen“, al­so in­wie­weit In­for­ma­tio­nen im In­ter­net ge­löscht wer­den müs­sen. Die Rich­ter be­fas­sen

Deut­li­cher Rück­gang bei Miss­brauchs­ge­büh­ren

sich mit den Vor­schrif­ten für Spiel­hal­len, mit dem Emis­si­ons­han­del, dem Rund­funk­bei­trag oder dem au­to­ma­ti­sier­ten Ab­gleich von Kfz-Kenn­zei­chen. Ei­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de rich­tet sich ge­gen den Zu­satz im Abi­zeug­nis, dass die Recht­schrei­be­leis­tung auf­grund ei­ner „fach­ärzt­lich fest­ge­stell­ten Le­gas­the­nie“nicht be­rück­sich­tigt wur­de. Ei­ne an­de­re dringt dar­auf, dass im Ge­bur­ten­re­gis­ter ein „drit­tes Ge­schlecht“an­ge­ge­ben wer­den darf, statt männ­lich oder weib­lich „in­ter“oder „di­vers“. Der Bun­des­ge­richts­hof hat­te dies ab­ge­lehnt. Es geht aber auch um das Streik­ver­bot für Be­am­te, um den Zen­sus aus dem Jahr 2011, um die eu­ro­päi­sche „Ban­ken­uni­on“, die elek­tro­ni­sche Fuß­fes­sel und das Bier­steu­er­ge­setz. Prü­fen müs­sen die Rich­ter auch, ob Bil­dungs­mi­nis­te­rin Johanna Wan­ka (CDU) ei­ne Mit­tei­lung mit der Über­schrift „Ro­te Kar­te für die AfD“ver­öf­fent­li­chen durf­te. Ein The­ma wird auch die Nacht­be­triebs­re­ge­lung am BERFlug­ha­fen sein, wo be­kannt­lich noch nicht ein­mal klar ist, ab wann dort Flug­zeu­ge star­ten und lan­den. Wei­ter­hin wehrt sich ein Fuß­ball­fan ge­gen ein bun­des­wei­tes Sta­di­on­ver­bot.

Voß­kuh­le be­ton­te ges­tern, dass die Bür­ger dem Ver­fas­sungs­ge­richt nach wie vor mit gro­ßer Wert­schät­zung be­geg­ne­ten, dies al­ler­dings kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit sei. Viel­mehr müs­se sich das Ge­richt die­ses Ver­trau­en durch „ver­ständ­li­che und über­zeu­gen­de“Ent­schei­dun­gen täg­lich aufs Neue ver­die­nen. Dies gel­te um­so mehr, als ak­tu­el­le Ent­wick­lun­gen zeig­ten, wie sehr ein un­ab­hän­gi­ges Ver­fas­sungs­ge­richt „un­ter schwie­ri­gen po­li­ti­schen Be­din­gun­gen“in Be­dräng­nis ge­ra­ten kann. Als Bei­spie­le sprach Voß­kuh­le die Län­der Po­len, Un­garn und die Tür­kei an.

Fo­tos: dpa

WIE­DER EIN­MAL THE­MA IN KARLS­RU­HE: Ge­gen das Ge­setz zur Vor­rats­da­ten­spei­che­rung wird er­neut vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ge­klagt, be­reits 2010 hat­te das Ge­richt die ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen da­zu ge­kippt.

RE­KORD­KLA­GE: Ro­man Hu­ber, Vor­stand des Ver­eins „Mehr De­mo­kra­tie“, sta­pel­te im Au­gust vor dem Ver­fas­sungs­ge­richt die Kar­tons mit den Voll­mach­ten der Bür­ger. 125 000 Un­ter­stüt­zer hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ge­gen das Ce­ta-Ab­kom­men.

MANN ODER FRAU: Die Rich­ter be­fas­sen sich mit der Fra­ge, ob im Ge­bur­ten­re­gis­ter ein „drit­tes Ge­schlecht“ste­hen darf.

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