Büh­ler­hö­he

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN - 91. Fort­set­zung

„Herr Di­rek­tor, ich muss mei­nen Aus­weis ver­län­gern las­sen und des­halb in der Mit­tags­pau­se nach Bühl fah­ren“, er­klär­te sie und är­ger­te sich, kaum dass sie die Aus­re­de be­nutzt hat­te. Wie­so er­zähl­te sie nichts von dem Auf­ge­bot? Sie war sich doch ih­rer Sa­che si­cher. „Mor­gen­tha­ler ver­tritt mich, falls ich nicht pünkt­lich zu­rück bin.“„Aus­nahms­wei­se.“Er reich­te ihr die Rech­nun­gen, kurz tra­fen sich ih­re Bli­cke, dann ver­ab­schie­de­te sie sich. Wür­de sie ihm an ih­rem letz­ten Ar­beits­tag ins Ge­sicht sa­gen, wie stüm­per­haft er mit sei­nem Per­so­nal um­ging oder wie schlecht er die­ses Haus führ­te? Geis­ti­ge Ge­sprä­che: nun ja. Te­le­fo­ne auf den Zim­mern: ame­ri­ka­nisch. Aber ein Auf­zug und die Re­no­vie­rung der Bä­der in der zwei­ten Eta­ge: bit­ter nö­tig.

„Ma­dame Rei­sacher.“Von Dros­te traf zur glei­chen Zeit an der Re­zep­ti­on ein wie sie. Er wirk­te ge­hetzt und er­schöpft.

„Herr Haupt­mann. Darf ich Sie in mein Bü­ro bit­ten? Ei­nen Kaf­fee?“

„Nicht nö­tig. Ich woll­te Sie an un­se­re fran­zö­si­schen Gäs­te er­in­nern. Sie kom­men mor­gen zum Kon­zert auf der Hirsch­ter­ras­se. Da­nach wünscht der Kanz­ler ein klei­nes Di­ner mit den Her­ren in sei­ner Sui­te. Ins­ge­samt sechs Per­so­nen. Ar­ran­gie­ren Sie das mit der Kü­che?“

Bri­an­court! Sie schloss für ei­nen Au­gen­blick die Au­gen und sah wie­der das lo­dern­de, wild knis­tern­de Feu­er. „Ma­dame Rei­sacher?“Sie zwang sich, die Au­gen zu öff­nen. „Selbst­ver­ständ­lich, Herr von Dros­te.“ Mit dem Groß­va­ter wa­ren sie mehr­fach in Baden-Baden ge­we­sen. Ro­sa er­in­ner­te sich dar­an, dass die Blu­men in den Parks wie Sol­da­ten in Reih und Glied stan­den und Kin­der nie­mals vom Weg ab­kom­men durf­ten. Das Be­tre­ten des Ra­sens war über­all strengs­tens ver­bo­ten. Der Groß­va­ter lieb­te die al­te Bä­der­stadt, aber ihr Va­ter konn­te sie ge­nau­so we­nig lei­den wie Ra­chel und Ro­sa. Er är­ger­te den al­ten Mann ge­le­gent­lich mit ei­nem Bon­mot von Mark Twain: „Es ist ei­ne geist­lo­se Stadt, voll von Schein und Schwin­del und mi­cke­ri­gem Be­trug und Auf­ge­bla­sen­heit, aber die Bä­der sind gut.“

Nat­han, der in Baden-Baden auf­ge­wach­sen war, wuss­te um die sol­da­ti­schen Blu­men und den ver­bo­te­nen Ra­sen, aber sie hat­ten ihn nie ge­stört. Er hat­te sel­ten drau­ßen ge­spielt. Er lieb­te sein Zim­mer über dem Er­ker mit dem St­ein­en­gel in der Lui­sen­stra­ße, in dem Karl May und die Bio­gra­phi­en be­rühm­ter Mu­si­ker ne­ben­ein­an­der in den Re­ga­len stan­den, ei­ne elek­tri­sche Ei­sen­bahn über schwe­re Holz­die­len surr­te und un­ter Bett und Schrank hin­durch­fuhr. Hier spiel­te er täg­lich bei of­fe­nem Fens­ter Gei­ge und hör­te im­mer erst auf, ein Stück zu üben, wenn die Leu­te auf der Stra­ße ste­hen blie­ben und lausch­ten.

Ro­sa konn­te es nicht fas­sen, dass sich sei­ne Kind­heit und Ju­gend in­ner­halb der Gren­zen die­ses Zim­mers, der Woh­nung sei­nes Gei­gen­leh­rers Adal­bert Schwei­zer und der Schu­le ab­ge­spielt hat­ten und ihn nichts so in­ter­es­siert hat­te wie sein In­stru­ment, sei­ne Bü­cher und ge­le­gent­lich sei­ne elek­tri­sche Ei­sen­bahn. Für sie war es un­vor­stell­bar, dass er nie­mals Blin­de­kuh, Him­mel und Höl­le oder Eins, zwei, drei, vier Eck­stein ge­spielt hat­te, und sie ver­stand nicht, dass er das Al­lein­sein der Ge­mein­schaft vor­zog.

Im Ge­gen­satz zu ihr war Nat­han nicht frei­wil­lig nach Oma­rim ge­kom­men. Er hass­te das ar­chai­sche Land­le­ben, den Gestank von Zie­gen­mist, Dis­teln und ver­kohl­ter Glut und die wö­chent­li­chen Kib­buz-Ver­samm­lun­gen. Wäh­rend Ra­chel und sie sich selbst­ver­ständ­lich an al­len De­bat­ten über Neu­an­schaf­fun­gen, Ar­beits­plä­ne und Auf­ga­ben be­tei­lig­ten, saß Nat­han stumm in ei­ner Ecke oder las de­mons­tra­tiv in den Schrif­ten des So­zia­lis­ten Ja­kob Mo­ne­ta, dem der zio­nis­ti­sche Na­tio­na­lis­mus ein Graus war und der auf ei­ne so­zia­lis­tisch-in­ter­na­tio­na­le jü­di­sche Po­li­tik setz­te. Des­sen The­sen brach­te er dann ger­ne in die hit­zi­gen Dis­kus­sio­nen ein, die sie in der Run­de über das bal­di­ge En­de des bri­ti­schen Man­dats und den zu­künf­ti­gen Staat Israel führ­ten.

Als sie im Mai 1948 die Un­ab­hän­gig­keit fei­er­ten, war Nat­han be­reits auf dem Weg zu­rück nach Deutsch­land. Heu­te wuss­te Ro­sa, dass er auf sei­ner Flucht vor den Na­zis nur zu­fäl­lig in Pa­läs­ti­na ge­stran­det war. Ih­re Lie­be hat­te ihn sei­ne Sehn­sucht nach Deutsch­land und Eu­ro­pa ei­ne Zeit lang ver­ges­sen las­sen, aber ei­gent­lich war er im­mer auf dem Sprung ge­we­sen.

Ro­sa straff­te die Schul­tern und ver­trieb die ver­damm­ten Er­in­ne­run­gen. Sie muss­te die rest­li­che Fahr­zeit nut­zen, um end­lich Eck­steins Post zu le­sen. Sie hat­te noch kei­ne Ge­le­gen­heit da­zu ge­habt. Nie war sie al­lein ge­we­sen.

Tan­ger, er­fuhr sie, war seit den 1920er Jah­ren in­ter­na­tio­na­le Frei­han­dels­zo­ne. For­mell herrsch­te der Sul­tan von Ma­rok­ko, aber ver­wal­tet und re­giert wur­de die Stadt von Fran­zo­sen, Spa­ni­ern, En­g­län­dern, Por­tu­gie­sen und Ita­lie­nern. Mehr als hun­dert Ban­ken und mehr als fünf­tau­send Brief­kas­ten­fir­men re­si­dier­ten in der Stadt, ein El­do­ra­do für il­le­ga­le Ge­schäf­te al­ler Art. Schmug­geln, das hat­te ihr Ra­chel er­zählt, ge­hör­te in die­ser Stadt im­mer schon zum gu­ten Ton. Xa­vier Pfis­ter, las sie in den Un­ter­la­gen, war in den letz­ten Kriegs­jah­ren zum ers­ten Mal nach Tan­ger ge­kom­men. In die­ser Zeit ar­bei­te­te er als Kurier für Gö­ring und sei­nen Dunst­kreis. Er schmug­gel­te Schmuck, Kunst, Gold und Geld, um es in Tan­ger an­zu­le­gen. In der Zeit la­ger­te in den Geld­in­sti­tu­ten in Tan­ger mehr Gold als auf al­len Schwei­zer Ban­ken zu­sam­men. Als nach Kriegs­en­de die So­wjet­uni­on be­gann, ei­nen gro­ßen Teil ih­rer Waf­fen­ex­por­te – zur Un­ter­stüt­zung der afri­ka­ni­schen Frei­heits­be­we­gun­gen – über Tan­ger ab­zu­wi­ckeln, sat­tel­te Pfis­ter, der flie­ßend Ara­bisch spre­chen lern­te, auf die­ses Ge­schäft um. Im Ge­gen­satz zu den Rus­sen kauf­te und ver­kauf­te Pfis­ter Waf­fen im­mer nur meist­bie­tend. So ver­schaff­te er auch seit Jah­ren der Ir­gun Waf­fen. Die­se Ge­schäf­te hat­te ein ge­wis­ser Nim­rod Wol­berg mit Pfis­ter ab­ge­wi­ckelt, der die­sen aus sei­ner Pa­ri­ser Zeit kann­te. Dies – ab hier war der Text un­ter­stri­chen – war die ein­zi­ge er­kenn­ba­re Ver­bin­dung zur Ir­gun. Über Wol­bergs Rol­le in­ner­halb der Ir­gun war nichts wei­ter be­kannt. Als si­cher galt aber, dass Ab­dul Nour­ri­di­ne, weil er sich in ei­nem Ge­schäft mit Pfis­ter be­tro­gen fühl­te, hin­ter des­sen Rü­cken ei­ne La­dung Sturm­ge­weh­re an den Mossad ver­kauft hat­te. Ro­sa blät­ter­te vor und zu­rück, be­merk­te erst bei ge­nau­em Le­sen, dass min­des­tens ei­ne Sei­te des Tex­tes fehl­te. Was soll­te sie nicht über Pfis­ter wis­sen?

Ro­sa sah vor dem Au­to­fens­ter die Tan­nen vor­bei­zie­hen und dach­te nach. Ein neu­er Na­me: Nim­rod Wol­berg. Ein Vor­na­me mit N. Es gab ei­ne Ver­bin­dung zwi­schen Pfis­ter und der Ir­gun. Das hat­te sie im­mer ver­mu­tet, und jetzt wur­de es be­stä­tigt. Der Kerl misch­te schon so lan­ge bei Drecks­ge­schäf­ten mit. Kurz frag­te sich Ro­sa, ob das Geld aus dem Ver­mö­gen ih­rer Fa­mi­lie mög­li­cher­wei­se durch Pfis­ters Hän­de ge­flos­sen war. An­ge­wi­dert leg­te sie das Schrei­ben zur Sei­te. Sie hät­te nie­mals nach Deutsch­land kom­men dür­fen. Zu vie­le al­te Wun­den, zu vie­le schmerz­haf­te Fra­gen.

„Wo ge­nau möch­ten Sie aus­stei­gen?“, frag­te der Ta­xi­fah­rer, der sie über die kur­ven­rei­chen Stra­ßen des Schwarz­wal­des nach Baden-Baden chauf­fier­te. „Am Kur­haus.“Der Wa­gen schlän­gel­te sich nun ei­nen stei­len Hang hin­un­ter, fuhr an ei­nem Klos­ter vor­bei auf ei­ne schnur­ge­ra­de, mit Lin­den be­pflanz­te Al­lee und hielt bald da­nach vor dem Kur­haus an.

Fort­set­zung folgt

Baden-Baden

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