Ca­rio­cas fei­ern wil­de Par­ty mit Ka­ter­stim­mung

In Rio ist der Kar­ne­val so po­li­tisch wie nie und gleich­zei­tig ei­ne Ablen­kung von all­täg­li­chen Pro­ble­men

Pforzheimer Kurier - - BLICK IN DIE WELT -

Rio de Janei­ro (dpa). Es ist fast un­mög­lich, den Über­blick zu be­hal­ten, wer beim Kar­ne­val wann wo durch Rio de Janei­ro zieht. Schon lan­ge vor dem of­fi­zi­el­len Start am Frei­tag mit der Über­ga­be des Stadt­schlüs­sels an Kö­nig Mo­mo gibt es seit Ta­gen Sam­ba-Um­zü­ge. Der Kar­ne­val ist die­ses Jahr auch ei­ne Ablen­kung von gro­ßen Pro­ble­men – er ist ei­ne Par­al­lel­welt.

Die Ca­rio­cas, die Be­woh­ner Ri­os, lie­ben das Fei­ern, aber der Ka­ter von der letz­ten gro­ßen Sau­se ist noch lan­ge nicht ver­klun­gen. Sinn­bild­lich dar­ge­stellt durch 9 000 Sol­da­ten, die schwer be­waff­net der­zeit pa­trouil­lie­ren, weil es im Po­li­zei­ap­pa­rat gärt. Die Stadt hat sich mit den Mil­li­ar­den­kos­ten der Olym­pi­schen Spie­le über­nom­men – Ge­häl­ter wur­den, wenn, oft erst sehr ver­zö­gert ge­zahlt, die Si­cher­heits­la­ge hat sich stark ver­schlech­tert. So sind das Fei­ern, die pracht­vol­len Sam­ba­pa­ra­den je­den Abend im Sam­bódro­mo auch ei­ne Art Flucht aus dem All­tag. Die für Olym­pia er­rich­te­ten Sport­stät­ten ver­fal­len, das Ma­ra­canã-Sta­di­on ist ge­schlos­sen, Kat­zen streu­nen her­um, der Ra­sen ist ver­trock­net, Sit­ze her­aus­ge­ris­sen.

In Rio gibt es die­ses Jahr 452 Blo­cos, das sind noch ein­mal 53 Um­zü­ge we­ni­ger als im Vor­jahr, als auch schon we­gen fi­nan­zi­el­ler Eng­päs­se bei vie­len Grup­pen ge­spart wer­den muss­te. Bra­si­li­en 2017, das ist ein Land in tie­fer Kri­se: Ei­ner­seits her­zens­gu­te Men­schen, hei­ße Rhyth­men, das pral­le Le­ben. Aber dann die­se Ge­walt; al­lein seit Ja­nu­ar gab es über 120 To­te bei Ge­fäng­nis­meu­te­rei­en, auch Er­geb­nis ei­nes ver­korks­ten Straf­voll­zugs. Im be­nach­bar­ten Bun­des­staat Espí­ri­to San­to wur­den we­gen der fra­gi­len Si­cher­heits­la­ge in 16 Städ­ten die Kar­ne­vals­um­zü­ge ab­ge­sagt. Aber die ers­ten Um­zü­ge in Rio zei­gen: Jetzt wird das al­les mal ver­ges­sen, in der Hoff­nung, dass die Ge­walt­wel­le nicht auch den Kar­ne­val dort er­reicht.

Es spielt nicht nur das Vor­ge­hen der Jus­tiz ge­gen Kor­rup­ti­on ei­ne Rol­le im Kar­ne­val. Er ist in die­sem Jahr po­li­tisch wie lan­ge nicht mehr. Ei­ni­ge all­zu frau­en­feind­li­che Lie­der wur­den ver­bannt und ein Fa­vo­rit auf den Ti­tel im Wett­streit der gro­ßen Sam­ba­schu­len, wird ei­ne satt­grü­ne Hom­mage an 17 be­droh­te in­di­ge­ne Eth­ni­en lie­fern.

Fo­to: AFP

FLUCHT AUS DEM ALL­TAG: Die Vor­be­rei­tun­gen auf den welt­be­rühm­ten Kar­ne­val in Rio de Janei­ro lau­fen je­den Abend im mit bis zu 70 000 Men­schen ge­füll­ten Sam­bódro­mo auf Hoch­tou­ren.

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