Aus „Not“ent­stand der „Sau­stall“

Seit 50 Jah­ren trifft sich Lan­gen­stein­ba­cher Kreis zum Stamm­tisch

Pforzheimer Kurier - - ENZKREIS -

Karls­bad-Lan­gen­stein­bach (jcw). Von elf, die einst ihn grün­de­ten, sind noch neun da­bei. Nur der Tod konn­te sie bis­lang schei­den: Seit 50 Jah­ren gibt es den „Sau­stall“, kein Ver­ein, aber mehr als das, ein Zu­sam­men­schluss von Freun­den, die mit­ein­an­der durch dick und dünn ge­hen; ein­fluss­reich in Karls­bad. Al­les be­gann, wie Karl Würth, ein Spre­cher der Trup­pe, En­de der 50er Jah­re. Da­mals tra­fen sich die noch jun­gen Ker­le, vie­le sind Klas­sen- oder Schul­ka­me­ra­den, fast al­le sport­lich ak­tiv, die Hälf­te wa­ren Fuß­bal­ler, die an­de­re Hälf­te Hand­bal­ler, re­gel­mä­ßig in der ört­li­chen Fest­hal­le, in der Ei­sen­bahn­stra­ße di­rekt beim Lan­gen­stein­ba­cher Bahn­hof, um „ein oder zwei Bier zu trin­ken“. Das Be­kla­gens­wer­te

Frau­en grün­de­ten als „Frisch­lin­ge“ei­ge­ne Run­de Fast 30 Jah­re lang den Mai­baum ins Dorf ge­tra­gen

da­bei, spä­tes­tens um Mit­ter­nacht war zur da­ma­li­gen Zeit Sperr­stun­de und da­mit Schluss mit dem ge­müt­li­chen Bei­sam­men­sein. Zu we­nig Zeit nach dem abend­li­chen Ver­eins­trai­ning, um den Durst rich­tig zu lö­schen. Der Wirt der Fest­hal­le soll so­gar Ein­se­hen mit der „Not“der jun­gen Ker­le ge­habt ha­ben. Sein Sohn, der eben­falls zu der Cli­que ge­hör­te, un­ter­brei­te­te den Vor­schlag, im zur Fest­hal­le an­gren­zen­den land­wirt­schaft­li­chen Öko­no­mie­ge­bäu­de ei­nen „Sau­stall“, den sie zu ei­nem Auf­ent­halts­raum aus­bau­en könn­ten und so­dann nach Mit­ter­nacht, wenn die Fest­hal­le schlös­se, für ih­re Zu­sam­men­künf­te zu nut­zen.

Die Idee schlug voll ein. Schnell ver­ein­bar­ten die elf Ka­me­ra­den ei­ne Um­la­ge von zehn Mark. Das Geld ver­ein­nahm­te Kas­sier Wer­ner Bach und dien­te zur An­schaf­fung von Bau­ma­te­ri­al zum Aus­bau des Sau­stalls. In­ner­halb kür­zes­ter Zeit gab es „im Sau­stall“ei­nen ge­müt­li­chen Raum mit The­ke, ein Re­gal für Fla­schen und Glä­ser so­wie ei­nen rie­si­gen Tisch, des­sen Plat­te zu­nächst auf Bier­fäs­sern stand. Bald gab es ei­nen „Auf­nah­me­stopp“in den „Nicht-Ver­ein“. Der Na­me für die Grup­pe war selbst­re­dend „Sau­stall“, im Fe­bru­ar 1967 war er mit der Er­öff­nung des Raums of­fi­zi­ell ge­bo­ren. Seit­dem tra­fen sich die 15 „Mit­glie­der“an­fangs wö­chent­lich. Doch mit dem Äl­ter­wer­den war der wö­chent­li­che Treff selbst für die Trink­fes­tes­ten zu viel. Spä­tes­tens als die meis­ten der „Sau­stal­ler“ih­re Fa­mi­li­en grün­de­ten, wur­de zeit­lich re­du­ziert. Seit Jahr­zehn­ten trifft man sich min­des­tens ein­mal am letz­ten Frei­tag im Mo­nat im „Sau­stall“. Wer dann aber nicht an­we­send ist oder auch nur ei­ne Mi­nu­te zu spät kommt, muss ei­nen Obo­lus an den Kas­sier ent­rich­ten. Das Glei­che gilt, wer vor Mit­ter­nacht geht. Für je­den der 15erG­rup­pe ist An­we­sen­heit „hei­li­ge Pflicht“. Vor we­ni­gen Jah­ren muss­te der al­te „Sau­stall“ei­nem Neu­bau wei­chen. Der Treff der Grup­pe blieb in der glei­chen Stra­ße. Man zog ein Haus wei­ter und bau­te ei­nen frü­he­ren Öl­kel­ler zum neu­en „Sau­stall“aus.

Die Ehe­frau­en der „Sau­stal­ler“pro­tes­tier­ten nicht ge­gen die re­gel­mä­ßi­ge Ab­we­sen­heit ih­rer Män­ner, son­dern grün­de­ten ih­rer­seits ei­nen ei­ge­nen „Club“. Die Grup­pe exis­tiert bis heu­te un­ter dem Na­men „Frisch­lin­ge“. Da­mit nicht ge­nug: Als die Kin­der von „Sau­stal­lern“und „Frisch­lin­gen“in das ent­spre­chen­de Al­ter ka­men, setz­ten sie ih­rer­seits die Tra­di­ti­on fort und schlos­sen sich zu ei­nem ei­ge­nen Kreis zu­sam­men. Die­ser Nach­wuchs, er fir­miert un­ter „Sau­ban­de“, gra­tu­lier­te jüngst in fröh­li­cher Run­de beim run­den Ju­bi­lä­um mit ei­nem zünf­ti­gen, selbst ge­tex­te­ten Lied ih­ren Vä­tern.

Der Ge­sang kam nicht von un­ge­fähr, weil das Sin­gen von Volks­lie­dern von An­fang an – so er­zäh­len es Karl, Pe­ter, Man­fred, Lug­gi, Al­f­red, Ger­hard, Hans, Wer­ner, Fried­bert – ein wich­ti­ger Be­stand­teil des Stamm­ti­sches war. Ga­ran­ten da­für sind Rai­ner Küh­nel am Ak­kor­de­on und Hein­rich Brauch­ler, die an der Mund­har­mo­ni­ka in­stru­men­tal be­glei­ten. So wer­den die Gra­tu­lan­ten gleich noch mit der aus der Wei­ma­rer Re­pu­blik kom­men­den und vom Volks­bar­den Hei­no re­gel­mä­ßig in­to­nier­ten Me­lo­die – ein Art Hym­ne der Grup­pe – „In Jun­kers Kn­ei­pe … Ja, wenn die Klamp­fen klin­gen, und die Bur­schen sin­gen, und die Ma­del fal­len ein, was kann das Le­ben schö­ne­res ge­ben, wir wol­len glück­lich sein“emp­fan­gen.

Bei vie­len Ver­an­stal­tun­gen lo­cker­te die Grup­pe „Sau­stall“mit ih­ren Volks­und Shan­ty­lie­dern die Pro­gram­me auf. So bei­spiels­wei­se bei der Lan­des­gar­ten­schau 1988 in Ett­lin­gen. Stolz wa­ren die „Sau­stal­ler“dar­auf, dass sie in Lan­gen­stein­bach 29 Jah­re lang den Mai­baum für die Fest­hal­le auf­stell­ten. „Nach­dem die­ser im Wald ge­fällt war, wur­de er mit Ge­sang und Mu­sik auf un­se­ren Schul­tern am 30. April je­den Jah­res durch un­ser Dorf ge­tra­gen und an sei­nem Stand­ort auf­ge­stellt“, er­zählt Kurt Würth.

Dass die „Sau­stal­ler“ei­ne rich­ti­ge In­sti­tu­ti­on sind, lässt sich nicht nur an vie­len tau­send Farb­bil­dern ab­le­sen, die Aus­flü­ge, Wan­de­run­gen und Be­sich­ti­gun­gen fast über­all im Länd­le und dar­über hin­aus do­ku­men­tie­ren.

Schon nach den ers­ten 25 Stamm­tisch­jah­ren gab es ein Buch über den „Sau­stall“in ge­druck­ter Form und aus An­lass des 50-Jäh­ri­gen soll bald ein Zwei­tes er­schei­nen.

Schließ­lich prangt noch ei­ne per­sön­lich Wid­mung von Franz Josef Strauß se­lig im Kn­ei­pen­raum, wo die­ser hand­schrift­lich sei­ne ka­me­rad­schaft­li­che Ver­bun­den­heit mit dem „Sau­stall“kund­tut.

Fo­to: jcw

SEIT 50 JAH­REN tref­fen sich die „Sau­stal­ler“in ih­rem ei­ge­nen Re­fu­gi­um. Un­ser Bild ent­stand an dem Tag, als das run­de Ju­bi­lä­um in lo­cke­rer Run­de ge­fei­ert wur­de.

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