Re­geln für Rich­ter

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ar­bei­tet an ei­nem Ver­hal­tens­ko­dex

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN -

Karls­ru­he. Bei gro­ßen Un­ter­neh­men wie dem Volks­wa­genkon­zern ist so et­was längst gang und gä­be: ein Ko­dex, der Leit­plan­ken zieht, wie sich die Mit­ar­bei­ter ver­hal­ten sol­len. Nun soll es das auch für die Rich­te­rin­nen und Rich­ter des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ge­ben. Ei­ne Ar­beits­grup­pe lo­tet der­zeit Mög­lich­kei­ten aus, was in ei­nem sol­chen Re­gel werk fest­ge­schrie­ben wer­den könn­te .„ Wir ha­ben ei­nenDis kuss ions pro­zess an­ge­sto­ßen und ver­su­chen, uns ei­ge­ne Re­geln zu­ge­ben “, er­klär­te Ge­richts­prä­si­dent Andre­asVoß­kuh­le beim Jah­res pres­se­emp­fang in Karls­ru­he. Da­bei soll es es et­wa um Ne­ben­ein­künf­te oder Vor­trä­ge ge­hen. Gel­ten soll der Ko­dex nicht nur für die am­tie­ren­den, son­dern auch für die ehe­ma­li­gen Rich­ter.

Für Auf­se­hen sorgt der­zeit der Fall der ehe­ma­li­gen Ver­fas­sungs rich­te­rin Chris­ti­ne Hoh­mann-Denn­hardt. Die 66-Jäh­ri­ge war von 1999 bis 2011 Rich­te­rin des Ers­ten Se­nats, nach ih­rem Aus­schei­den über­nahm sie ei­nen Job beim Au­to­bau­er Daim­ler, bei dem sie den da­mals neu ge­schaf­fe­nen Pos­ten „In­te­gri­tät und Recht“be­setz­te. An­fang 2016 wech­sel­te Hoh­mann-Denn­hardt zum Vor­stand bei Volks­wa­gen und soll­te den Ab­gas­skan­dal auf­ar­bei­ten. Doch be­reits ein gu­tes Jahr spä­ter teil­te der Kon­zern die Tren­nung mit und be­grün­de­te dies mit „un­ter­schied­li­chen Auf­fas­sun­gen“. Für Auf­re­gung sorg­te da­bei die Ab­fin­dung: Hoh­man­nDenn­hardt soll an­geb­lich zwölf Mil­lio­nen Eu­ro so­wie ei­ne Ren­te von bis zu 8 000 Eu­ro be­kom­men. Das ent­facht Dis­kus­sio­nen – ge­ra­de auch vor dem Hin­ter­grund, dass der Au­to­rie­se in ar­gen Schwie­rig­kei­ten steckt. Aus dem Ver­fas­sungs­ge­richt ist zwar zu hö­ren, dass der Fall für die ak­tu­el­len Über­le­gun­gen kei­ne Rol­le ge­spielt ha­be, zu­mal es die Idee ei­nes Ver­hal­tens­ko­dex schon län­ger ge­be. Dass man im Karls­ru­her Ge­richt al­ler­dings über Schlag­zei­len wie „Ex-Ver­fas­sungs­rich­te­rin kas­siert ab“nicht ge­ra­de glück­lich sein dürf­te, da­zu braucht es nicht viel Fan­ta­sie. Bei der Aus­ar­bei­tung der Re­geln, die noch in die­sem Jahr ver­öf­fent­licht wer­den sol­len, will die Ar­beits­grup­pe auch ehe­ma­li­ge Rich­te­rin­nen und Rich­ter mit­ein­be­zie­hen. In dem Ko­dex soll es auch um das Ver­hal­ten der Ehe­ma­li­gen in der Öf­fent­lich­keit ge­hen. Der frü­he­re Prä­si­dent des Ver­fas­sungs­ge­richts Hans-Jür­gen Pa­pier bringt sich bei­spiels­wei­se im­mer wie­der in ak­tu­el­le po­li­ti­sche De­bat­ten ein oder wirkt bei Gut­ach­ten zu ver­fas­sungs­recht­li­chen Fragen mit. Pa­pier, zwi­schen 2002 und 2010 an der Spit­ze des Ge­richts, at­ta­ckier­te un­ter an­de­rem den Kurs von Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel in der Flücht­lings­kri­se und sah ein „ekla­tan­tes Po­li­tik­ver­sa­gen“.

Wel­che Punk­te ge­nau in den Ver­hal­tens­ko­dex für Ver­fas­sungs­rich­ter auf­ge­nom­men wer­den, steht noch nicht fest. Ein Aspekt könn­te sein, wel­che Auf­ga­ben ein Rich­ter nach dem Aus­schei­den aus dem Amt über­neh­men darf. Es wird aber wohl auch um die Zu­sam­men­ar­beit mit der Presse ge­hen und in­wie­weit sich Rich­ter und Ehe­ma­li­ge mit Äu­ße­run­gen in der Öf­fent­lich­keit zu­rück­hal­ten soll­ten. Bei Jobs nach dem Aus­schei­den aus dem Rich­ter­amt wä­re et­wa ei­ne Ka­renz­zeit denk­bar, wenn es bei­spiels­wei­se um ei­ne An­stel­lung in ei­ner Kanz­lei geht. Aus­ge­stal­tet wer­den soll das Re­gel­werk als ei­ne Art frei­wil­li­ge Selbst­ver­pflich­tung. Je­der Rich­ter sol­le frei sein, sich dar­an zu ori­en­tie­ren. Wie ge­nau die­ses Re­gel­werk Bin­dungs­wir­kung ent­fal­tet oder wer bei­spiels­wei­se die Ein­hal­tung der Re­geln über­wacht – all das ist noch un­klar. Voß­kuh­le be­ton­te, als Ver­fas­sungs­rich­ter un­ter­lie­ge man kei­ner Di­enst­auf­sicht. „Das Re­gel­werk, das uns ein­hegt, ist dünn.“Das hat gu­te Grün­de, schließ­lich müs­sen Deutsch­lands obers­te Rich­ter wei­test­ge­hend frei und un­ab­hän­gig ar­bei­ten.

Der Ko­dex zielt da­her auch eher auf die Fra­ge: Was ist dem Amt an­ge­mes­sen? Letzt­lich soll ein sol­ches Werk vor al­lem Ori­en­tie­rung bie­ten und ist nicht zu ver­wech­seln mit ei­ner ge­setz­li­chen Re­ge­lung. Auch das wird am Bei­spiel Volks­wa­gen deut­lich. Im VW-Ver­hal­tens­ko­dex wird ex­pli­zit das The­ma „Schutz der Um­welt“be­han­delt. Der Kon­zern ste­he für ein ehr­li­ches und re­gel­kon­for­mes Ver­hal­ten, heißt es am En­de der über 20 Sei­ten. Un­ter­zeich­net sind die­se Leit­li­ni­en üb­ri­gens auch von Mar­tin Win­ter­korn. To­bi­as Roth

Mil­lio­nen-Ab­fin­dung sorgt für Dis­kus­sio­nen

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