Aus­ge­schla­fen – und ab in die Schau

Karls­ru­her Ex­per­ten im Na­tur­kun­de­mu­se­um züch­ten höchst sel­te­ne Kro­ko­dils­chwan­z­ech­se

Pforzheimer Kurier - - KARLSRUHE - Von unserem Re­dak­ti­ons­mit­glied Kirs­ten Et­zold

Kaum grö­ßer als ein Ge­würz­gürk­chen ist die jun­ge Kro­ko­dils­chwan­z­ech­se. Auf streich­holz­dün­nen Bei­nen stemmt sich der Ba­by­dra­chen in die Hö­he. Han­nes Kirch­hau­sers Dau­men­bal­len bie­tet zwei­mal fünf ge­spreiz­ten Ze­hen üp­pig Platz. Der Chef der Aqua­ri­en und Ter­ra­ri­en im Staat­li­chen Na­tur­kun­de­mu­se­um am Fried­richs­platz packt vor­sich­tig noch zwei Ge­schwis­ter des Rep­tils in sei­ne Faust. Un­ten schie­ben sich drei dün­ne Schwän­ze durch sei­ne Fin­ger, oben reißt ein Jung­tier keck dro­hend den Ra­chen auf. „Wir ha­ben aus­pro­biert, ob wir sie bes­ser ge­trennt oder ge­mein­sam auf­zie­hen. Es gibt kei­nen Un­ter­schied“, be­rich­tet Kirch­hau­ser zu­frie­den.

Die Karls­ru­her Ex­per­ten kön­nen ih­ren Ech­sen­nach­wuchs zwar der­zeit nicht den Be­su­chern zei­gen, prä­sen­tie­ren ih­nen aber erst­mals die aus­ge­wach­se­nen El­tern­tie­re. Und mit dem Nach­wuchs punk­ten sie den­noch. In der Welt der wis­sen­schaft­lich ge­führ­ten Aqua­ri­en und Rep­ti­li­en­schau­häu­ser ist er ge­fragt. „Un­se­re Nach­zuch­ten sind alle heiß be­gehrt und schon ver­ge­ben“, er­klärt Kirch­hau­ser. Zu­dem sind die Karls­ru­her Jung­tie­re mög­li­cher­wei­se schon bald ein wich­ti­ger Fak­tor im Be­mü­hen um den Art­er­halt. Denn um die­se sehr sel­te­ne Ech­sen­art aus nur zwei be­kann­ten Ver­brei­tungs­ge­bie­ten in Chi­na und Viet­nam steht es schlecht. „In frei­er Na­tur gibt es viel­leicht nur noch 600 bis 800 Tie­re“, be­tont Kirch­hau­ser. Da­mit ist die schup­pi­ge Ech­se in Frei­heit ge­nau­so sel­ten und be­droht wie der Gro­ße Pan­da.

Di­rekt vor dem Ein­gang zum ers­ten Schau­saal des Na­tur­kun­de­mu­se­ums le­ben die El­tern der Ba­by­ech­sen. Ge­bo­ren 2012 in pri­va­ter Hal­tung in Nürn­berg, sind das Männ­chen und zwei Weib­chen be­reits seit 2014 in Ob­hut der Karls­ru­her Fach­leu­te. Hin­ter den Ku­lis­sen ge­hal­ten, fühl­ten sie sich of­fen­sicht­lich rund­um wohl: 2015 ka­men sechs, 2016 so­gar neun Jung­tie­re der le­bend ge­bä­ren­den Art zur Welt. Jetzt kön­nen Be­su­cher erst­mals ei­nen Blick auf die drei aus­ge­wach­se­nen Tie­re wer­fen. Der Va­ter zeigt im Pa­lu­da­ri­um – ei­ner Kom­bi­na­ti­on aus Aqua­ri­um und Ter­ra­ri­um – sei­nen leuch­tend bron­ze­far­be­nen Bauch und den schick oran­ge­far­ben und weiß ge­rin­gel­ten Schwanz, der mehr als die Hälf­te sei­ner Kör­per­län­ge aus­macht. Die Weib­chen sind schlich­ter ge­färbt. Ob­wohl alle drei von ei­nem El­tern­paar ab­stam­men, sei In­zucht noch kein The­ma, so Kirch­hau­ser. Auf­ge­frischt wer­de die Li­nie aber vor­sichts­hal­ber doch. Man tau­sche Jung­tie­re, et­wa mit Salzburg.

War­um rü­cken die Karls­ru­her ih­re so sel­te­ne Ech­sen­art erst jetzt ins Ram­pen­licht? Na­tur und Tech­nik ste­cken da­hin­ter. „Die­se Ech­se braucht rich­ti­gen Win­ter“, er­klärt der Ex­per­te. In ei­ner küh­len Ecke des Na­tur­kun­de­mu­se­ums hielt das Tier­pfle­ger­team ein Ter­ra­ri­um kon­stant auf zehn Grad Cel­si­us. Aus­ge­schla­fen wech­sel­te das kost­ba­re Trio in ei­nes der zwei Pa­lu­da­ri­en na­he dem Mu­se­ums­ein­gang, wo Kalt­luft von den Flü­gel­tü­ren des Alt­baus spür­bar ist.

Weil Tro­pen­tie­ren Karls­ru­hes Win­ter­luft nicht be­kommt, pla­nen die Mu­se­ums­ge­stal­ter, in bei­de Schau­käs­ten beim En­tree käl­t­e­lie­ben­de Rep­ti­li­en zu set­zen. Ein Cha­mä­le­on könn­te ein­zie­hen, Strumpf­band­nat­tern aus Nord­ame­ri­ka, Schönech­sen aus Asi­en. Noch ist nicht ent­schie­den, aber Kirch­hau­ser, träumt schon: „Viel­leicht kön­nen wir ge­eig­ne­te Ar­ten vor den Au­gen der Be­su­cher in den Win­ter schi­cken.“

Einst­wei­len hin­ter den Ku­lis­sen trai­nie­ren die Tier­fach­leu­te der­weil ihr Fin­ger­spit­zen­ge­fühl wei­ter an der Rep­ti­li­en­jung­schar mit dem kro­ko­dil­ar­ti­gen Schwanz. Die Klei­nen sind beim Fres­sen arg wäh­le­risch. Mit dem Bauch im­mer in ei­ner Pfüt­ze, bei­ßen sie nur zu, wenn ein In­sekt vor ih­rer Na­se auf dem Was­ser zap­pelt. Das Ge­dulds­spiel für die Pfle­ger lohnt sich, sagt Kirch­hau­ser: „Wenn das mal klappt, ist die Hal­tung ein­fach.“

SCHIL­LERND in Oran­ge- und Bron­ze­tö­nen – das Männ­chen der in Frei­heit höchst sel­te­nen Chi­ne­si­schen Kro­ko­dils­chwan­z­ech­se im­po­niert im Na­tur­kun­de­mu­se­um. Fo­tos: jo­do

GANZ SCHÖN KECK ist der Nach­wuchs, den die Ex­per­ten in den Ka­ta­kom­ben des Mu­se­ums her­an­zie­hen.

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