Stahl­plat­ten und Streich­holz­schach­teln

Mi­ni­mal-Art-Meis­ter­wer­ke im MMK Frank­furt

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Das gro­ße Qua­drat setzt sich aus 144 klei­nen Qua­dra­ten zu­sam­men, alle fein säu­ber­lich ne­ben­ein­an­der auf dem Fuß­bo­den an­ge­ord­net. Die Stahl­plat­ten wur­den 1967 in­dus­tri­ell an­ge­fer­tigt – und die­nen seit­her als mo­der­ne Kunst. Der US-Ame­ri­ka­ner Carl And­re ord­ne­te die Qua­dra­te näm­lich zu ei­nem äs­the­ti­schen En­sem­ble und zu­gleich zu ei­nem Er­fah­rungs-Kunst­werk. Die Plat­ten dür­fen al­so be­tre­ten wer­den, um den Blick für Räu­me und Pro­por­tio­nen zu öff­nen. Das ist ty­pisch für die Mi­ni­mal Art der 1960er Jah­re, die der sub­jek­ti­ven Pop Art mit ih­ren markt­schreie­ri­schen Mo­ti­ven rein ob­jek­ti­ve Wer­ke ent­ge­gen­setz­te. Und doch gab es et­li­che Ge­mein­sam­kei­ten zwi­schen den ri­va­li­sie­ren­den Rich­tun­gen, da bei­de auf Mas­sen­pro­duk­te setz­ten und jeg­li­che künst­le­ri­sche Hand­schrift ver­mie­den.

Die­se Mas­sen­wa­re von einst zählt längst zu den jün­ge­ren Klas­si­kern der mo­der­nen Kunst. Die po­pu­lär ge­wor­de­ne Pop Art ist gut im Frank­fur­ter Mu­se­um für Mo­der­ne Kunst (MMK) ver­tre­ten, aber von der sprö­der da­her­kom­men­den Mi­ni­mal Art be­sitzt das Haus noch mehr – ei­ne kon­zen­trier­te und qua­li­tät­vol­le Samm­lung wie kein an­de­res Mu­se­um in Deutsch­land. Mit ent­spre­chen­den „Meis­ter­wer­ken der Mi­ni­mal Art“trumpft nun das MMK 2 auf, die Fi­lia­le des Mu­se­ums in ei­nem Hoch­haus, mit­ten im Ban­ken­vier­tel.

Beim Rund­gang fällt auf, dass sich vie­les um Kreis, Drei­eck und Qua­drat dreht, um die geo­me­tri­schen Grund­stuk­tu­ren, die „pri­ma­ry struc­tu­res“, so der Aus­stel­lungs­ti­tel. Un­ter den knapp 50 Skulp­tu­ren, Bil­dern, In­stal­la­tio­nen und Fil­men fin­den sich auch et­li­che neue­re Wer­ke, denn der Mi­ni­ma­lis­mus wird von der jun­gen Ge­ne­ra­ti­on wei­ter­ge­tra­gen. Frei­lich ist die Mi­ni­mal Art heu­te nur noch ei­ne von vie­len par­al­lel aus­ge­üb­ten Sti­len.

Doch das Prin­zip der Se­rie fas­zi­nier­te schon vor mehr als 50 Jah­ren die Künst­ler – und of­fen­bar auch die Be­trach­ter, Samm­ler und Mu­se­ums­leu­te. Sonst hät­te die Mi­ni­mal Art nicht solch ei­nen ra­san­ten Sie­ges­zug um die Welt an­ge­tre­ten seit ih­rer ers­ten Über­blicks­schau 1966 in New York. Frei­lich er­prob­ten da­mals deut­sche Künst­ler Ähn­li­ches, ohne das Mi­ni­mal-La­bel zu nut­zen. Pe­ter Ro­ehr et­wa kleb­te be­reits 1963 auf Holz ex­akt 165 Steich­holz­schach­teln, aber mit der un­be­schrif­ten Rück­sei­te nach vor­ne. So mach­te Ro­ehr aus ei­nem ba­na­len All­tags­ob­jekt ein äs­the­ti­sches Mus­ter, er er­zeug­te Rhyth­mus und Struk­tur, ähn­lich wie Carl And­re mit sei­nen 144 Stahl­plat­ten.

Vie­le Ob­jek­te sind al­so mehr „Seh­bar­rie­ren“als Skulp­tu­ren, um die Sin­ne auf den Raum zu len­ken. Das ge­lingt ein­mal mehr Carl And­re mit ei­ner 35 Me­ter lan­gen Holz­bal­ken-Li­nie. Zu Recht sprach Licht­künst­ler Dan Fla­vin nicht von Mi­ni­mal Art, son­dern von „Ma­xi­mal Art“, denn sie öff­net die Au­gen für ein neu­es Se­hen. Frei­lich ist sie auch sehr er­klä­rungs­be­dürf­tig, denn sie springt nicht in die Au­gen wie die far­ben­freu­di­ge Pop Art.

Auch Dan Fla­vin ist mit ei­ner Ar­beit von 1971 ver­tre­ten, be­ste­hend aus zwei ver­schie­den­far­bi­gen Leucht­stoff­röh­ren, die kreuz­för­mig in ei­ner Rau­me­cke an­ge­ord­net sind.Ein me­di­ta­ti­ver Raum mit ei­nem fas­zi­nie­ren­den Licht – von ei­nem Mas­sen­pro­dukt.

Der Künst­ler ist kein ge­nia­ler Schöp­fer mehr, er ar­ran­giert nur die All­tags­din­ge in neu­en Zu­sam­men­hän­gen. Et­wa die vier über­ein­an­der ge­sta­pel­ten Holz­kis­ten, an de­nen man fast acht­los vor­bei­geht. Doch wer das Be­su­cher­heft­chen zu Ra­te zieht, das auf 44 Sei­ten al­les kurz und bün­dig er­klärt, wird rasch frös­teln. Der Künst­ler An­dre­as Slomin­ski hat so­ge­nann­te Flug­kis­ten im MMK 2 ab­ge­stellt, grob ge­schrei­ner­te Holzsär­ge, die zur Über­füh­rung von ge­fal­le­nen Sol­da­ten in ih­re Hei­mat­län­der die­nen. Mit die­sem Ob­jekt von 2013 er­hält die sonst so ob­jek­tiv auf­tre­ten­de Mi­ni­mal Art ei­nen hoch­e­mo­tio­na­len In­halt.

Rhyth­mus und Struk­tur aus All­tags­ob­jek­ten

Da sieht man selbst die ty­po­lo­gi­schen Fo­tos von Bernd und Hil­la Be­cher aus den 1960er bis 90er Jah­ren wie­der neu. Die Be­chers mit ih­ren re­du­zier­ten, se­ri­el­len Fo­tos wur­den durch­aus auch vom Mi­ni­mal-Den­ken be­ein­flusst. Heu­te kün­den vie­le der Hoch­öfen und Hal­len, Koh­le­bun­ker und För­der­tür­me, die sie einst ab­ge­lich­tet ha­ben, von ei­ner längst (nach Asi­en) ver­schwun­de­nen In­dus­trie. Chris­ti­an Hu­ther

Fo­to: MMK

MEDITATIVES MAS­SEN­PRO­DUKT: Dan La­vins 1971 ent­stan­de­nes Werk aus zwei Leucht­stoff­röh­ren er­zeugt durch sei­ne An­ord­nung ei­ne fas­zi­nie­ren­de Licht­stim­mung.

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