Ein blin­der Fleck wird mit Le­ben ge­füllt

Der Prix-Gon­court-Preis­trä­ger Ma­thi­as Enard wird in Leip­zig für sei­nen Ro­man „Kom­pass“aus­ge­zeich­net

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Der Le­ser tau­melt: scharf­zün­gi­ge Ana­ly­se, Gro­tes­ke, schwar­zer Hu­mor, ein Schwel­gen. Kaum, dass der Le­ser sich sacht im Opi­um­rausch der ers­ten Zei­len wiegt und Me­lan­cho­lia ihn sanft um­hüllt, bricht die Wirk­lich­keit ein: Ein Kö­ter, sein Herr­chen, Wi­en trost­los im Re­gen, die Tram rum­pelt Rich­tung Schot­ten­tor und Franz Rit­ter, Prot­ago­nist, Mu­sik­wis­sen­schaft­ler und Hy­po­chon­der vor dem Herrn, hat doch schon wie­der Ru­mi, den gro­ßen Dich­ter im Ohr und mit ihm Per­si­en und die Welt der Mys­tik vor Au­gen. Bous­so­le, Kom­pass, nennt Ma­thi­as Enard sein Werk, das vir­tu­os, in atem­be­rau­ben­den Sprün­gen und Be­zü­gen – auch – eu­ro­päi­sche Geis­tes­ge­schich­te er­zählt. In Frank­reich hat das buch­stäb­lich mo­nu­men­ta­le Werk mit 428 Sei­ten dem Au­tor den Gon­court, den be­deu­tends­ten Li­te­ra­tur­preis be­schert. In Leip­zig wird Enard nun auf der Buch­mes­se mit dem Preis zur Eu­ro­päi­schen Ver­stän­di­gung aus­ge­zeich­net.

Ei­ne lan­ge, schlaf­lo­se Nacht be­glei­tet der Le­ser Franz Rit­ter. Der glaubt sich tod­krank und lässt sein Le­ben Re­vue pas­sie­ren. Wi­en, das ver­meint­li­che, tat­säch­li­che Tor zum Ori­ent ist sei­ne durch­aus ne­kro­phi­le Ba­sis­sta­ti­on, die er, auf den Spu­ren Sa­rahs, sei­ner gro­ßen Lie­be und ewig Su­chen­den, im­mer wie­der ver­lässt. Enard ent­fal­tet ein Panorama: Von Frank­reich und Europa, das bis heu­te spür­ba­re ko­lo­nia­le Er­be im Ge­päck, bis in den Na­hen Os­ten, den Ori­ent. Zu­gleich geht Enard ins De­tail, zeigt viel­fäl­ti­ge Ver­bin­dungs­li­ni­en auf, die ein dich­tes Netz zwi­schen Ost und West spin­nen. Von An­fang an ist klar: Es geht um Al­te­rité, das An­ders­sein, aber nicht um kon­fron­ta­ti­ve Darstel­lung, die heu­te sinn­fäl­lig oder viel­fach op­por­tun er­scheint, son­dern um Ver­flech­tun­gen, lust­vol­le oder wi­der­sprüch­li­che, auch höchst über­ra­schen­de Ein­ver­lei­bun­gen.

„In den 1990er Jah­ren ha­be ich in Sy­ri­en ge­lebt. Nie­mand konn­te sich da­mals vor­stel­len, was dort pas­sie­ren wür­de“, er­zählt Ma­thi­as Enard. Der 1972 ge­bo­re­ne Au­tor hat Ara­bisch und Per­sisch stu­diert. Er hat in Da­mas­kus, Beirut und Te­he­ran ge­lebt. Jen­seits von Drohsze­na­ri­en, Flücht­lings­zah­len oder Schlag­zei­len gibt der Au­tor Te­he­ran und Alep­po, den Men­schen ein Ge­sicht. Der Schock sitzt tief. Enard füllt ei­nen blin­den Fleck mit Le­ben: Der Le­ser be­ginnt zu ah­nen, was Ori­ent auch heißt und was der Krieg an ur­al­ten Be­zie­hun­gen und Kul­tu­ren aus­löscht.

Mu­sik und Literatur sind die we­sent­li­chen Ele­men­te, die Enard ein­setzt. Die An­spie­lun­gen und Re­fe­ren­zen sind un­zäh­lig. Balz­ac, Proust, Jörg Fau­ser oder Hein­rich Hei­ne mi­schen mit. Das mu­si­ka­li­sche Spek­trum, An­ti­se­mi­tis­mus der Kom­po­nis­ten in­be­grif­fen, und ge­ra­de der Fo­kus auch auf den Os­ten, ist Wun­der­tü­te und Of­fen­ba­rung.

Enard kreist um exis­ten­ti­el­le Fragen: Le­ben, Tod, Lie­be und die mensch­li­che Zer­stö­rungs­wut und Ge­walt. Al­lein die di­ver­sen Va­ri­an­ten, über die Ge­schich­te ge­wach­sen, Men­schen zu tö­ten oder zu ent­haup­ten, spre­chen Bände. Und wie­der und wie­der taucht der Ori­ent als Sehn­suchts­ort, und wie für Sa­rah und ei­ne Men­ge au­ßer­ge­wöhn­li­cher Frau­en vor ihr, als Flucht­punkt auf. Ein Flucht­punkt, der heu­te in eu­ro­päi­schen Ge­sell­schaf­ten zu ei­nem va­ge-mo­di­schen Bud­dhis­mus oder ge­le­gent­lich-yo­gi­schen Om ver­dampft.

Enard jon­gliert zwi­schen See­le und Kör­per­lich­keit. Er fei­ert die Spra­che. Mit kur­zen, mit­un­ter ci­ne­ma­to­gra­fi­schen Sze­nen un­ter­hält er den Le­ser aufs Schöns­te. Er be­herrscht das Hoch und Tief der Spra­che und zupft, hier und da, sti­lis­tisch ver­siert, an ei­nem neu­en, en­zy­klo­pä­di­schen Strang. Bis­sig, sar­kas­tisch, ent­lar­vend und doch auch hu­mor­voll schrabbt Enard an Kli­schees vor­bei. Der Au­tor se­ziert den Wie­ner Schmäh und setzt den Ori­en­ta­lis­ten und Eth­no­gra­phen, schon his­to­risch teils aufs Engs­te mit der Po­li­tik ver­quickt, nach. Ja, Enard wid­met sein Buch den Sy­rern. Er rich­tet sei­nen Blick auf ei­ne, in Europa, meist ste­reo­typ wahr­ge­nom­me­ne, miss­ach­te­te Welt. Aber er schenkt Franz Rit­ter auch Hoff­nung – auf Sa­rahs Lie­be und auf Le­ben: „Er ist, glau­be ich, nicht so krank, wie er glaubt“, sagt Enard. Gi­se­la Jan­sen

Ma­thi­as Enard, Kom­pass, Han­ser Berlin, 428 Sei­ten, 25 Eu­ro.

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