Buh­ler­ho­he

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

Sie hör­te Nat­hans Vio­li­ne schon, als ih­re Schu­he beim Aus­stei­gen im Kies knirsch­ten. Sie er­kann­te das Stück. Beet­ho­vens „Geis­ter­trio“, Nat­han hat­te es beim Pes­sach­fest 1945, als der Krieg in Europa zu En­de war, mit zwei an­de­ren Mu­si­kern ge­spielt. Im Lar­go gab es ei­ne Stel­le, die ei­nem fast das Herz zer­riss. Ro­sa er­in­ner­te sich an die an­däch­ti­ge Stil­le un­ter den Oli­ven­bäu­men. Vie­len der Kib­buz­ni­kim wa­ren bei die­ser Stel­le die Trä­nen ge­kom­men.

Trä­nen sah sie in den Au­gen der Ba­den-Ba­de­ner Kon­zert­be­su­cher kei­ne, aber an­däch­ti­ge Stil­le herrsch­te auch hier. Die Stuhl­rei­hen vor der Kon­zert­mu­schel wa­ren gut be­setzt, doch es gab durch­aus noch freie Plät­ze. Ro­sa setz­te sich nicht. Mit Nat­hans Vio­li­ne im Ohr um­run­de­te sie die Kon­zert­mu­schel in wei­tem Bo­gen. Vor dem Künst­ler­ein­gang auf ih­rer Rück­sei­te blieb sie ste­hen. Ei­ne Holz­tür, de­ren wei­ße Far­be an we­ni­gen Stel­len ab­blät­ter­te. Dort hör­te sie das Stück zu En­de, lausch­te dem Ap­plaus und war­te­te ge­dul­dig.

Als Ers­tes schob sich das brei­te Cel­lo, dann der Cel­list aus der Tür. „Gu­ten Tag“, schnauf­te er über­rascht. „Mein Na­me ist Ro­sa Sil­ber­mann. Ich möch­te zu Nat­han Na­gel­stein.“Es wun­der­te sie, dass sie nicht auf­ge­regt war. Wahr­schein­lich hat­te sie ein mög­li­ches Wie­der­se­hen zu oft durch­ge­spielt. Von ei­nem er­lö­sen­den Sich-in-dieAr­me-Fal­len bis zu völ­li­ger Sprach­lo­sig­keit war al­les da­bei ge­we­sen. Die Va­ri­an­te, dass sie ihn an ei­nem Hin­ter­ein­gang ab­fing, al­ler­dings nicht.

„Ro­sa!“Nat­han mit sei­ner Gei­ge war der Nächs­te.

„Die Ro­sa?“Der Pia­nist mit der No­ten­map­pe un­ter dem Arm. „Die Ro­sa?“, echo­te der Cel­list. Zwei Au­gen­paa­re starr­ten sie neu­gie­rig an, auch Nat­han starr­te, aber sei­ne Ge­füh­le konn­te sie nicht ein­schät­zen.

„Du warst es wirk­lich“, stam­mel­te er. „Ich ha­be es für Ein­bil­dung ge­hal­ten, aber du hast bei der De­mons­tra­ti­on ge­gen den Veit-Har­lan-Film nach mir ge­ru­fen.“

„Hast du das da­von?“Sie deu­te­te auf ei­ne vio­lett ge­färb­te Beu­le an sei­nem Kopf. „Ha­ben sie dich ein­ge­sperrt?“

Er nick­te. „Ein paar St­un­den. Am Abend muss­ten sie uns wie­der frei­las­sen.“

Er steck­te wie auch die bei­den an­de­ren in ei­nem ele­gan­ten grau­en An­zug, dar­un­ter ein wei­ßes Hemd mit ei­ner schma­len Kra­wat­te. Nie hat­te sie ihn in so vor­neh­mer Klei­dung ge­se­hen. Sei­ne Haa­re wa­ren seit­lich ge­schei­telt und streng nach hin­ten ge­kämmt, die wi­der­spens­ti­ge Lo­cke war ver­schwun­den, wahr­schein­lich mit Haar­was­ser ge­bän­digt. Es er­leich­ter­te Ro­sa, dass er ihr so fremd schien. Kurz blick­te sie in sei­ne blau­en Au­gen hin­ter den Bril­len­glä­sern. Sie wa­ren von ei­ner Eis­schicht über­zo­gen und auf Arg­wohn ge­polt.

„Wir ha­ben uns noch gar nicht be­kannt ge­macht.“Der Pia­nist reich­te ihr die Hand. „Frie­del Zit­ter­b­art.“

„Karl Traut­wein.“Der Cel­list. „Ent­schul­di­gen Sie un­se­re Neu­gier, aber wir ha­ben Sie uns ganz an­ders vor­ge­stellt.“

„Kur­ze Ho­sen, Kha­ki­hemd, Kib­buz­hut?“, frag­te Ro­sa und sah die bei­den er­rö­ten.

„Was tust du hier in Deutsch­land?“Nat­han hielt sei­nen Gei­gen­kof­fer wie ei­nen Schutz­schild vor sei­nem Kör­per und starr­te sie im­mer noch mit die­sem ei­si­gen Blick an. Kei­nes­wegs er­freut, sie wie­der­zu­se­hen, eher als wä­re sie die bö­se Schnee­kö­ni­gin aus dem Mär­chen­buch. „Ich muss mit dir re­den.“„Aber na­tür­lich“, ant­wor­te­te Frie­del Zit­ter­b­art an Nat­hans Stel­le, und Traut­wein nick­te be­stä­ti­gend. „Sol­len wir dei­ne Vio­li­ne mit ins Ho­tel­zim­mer neh­men?“, frag­te er Nat­han.

„Um acht Uhr ha­ben wir un­se­ren nächs­ten Auf­tritt. Es reicht, wenn du um sie­ben im Kon­zert­saal bist.“Mit sanf­ter Ge­walt ent­wen­de­te er Nat­han sein In­stru­ment, und Traut­wein griff nach sei­nem Cel­lo, das er an die Wand ge­lehnt hat­te.

„Du wohnst hier in dei­ner Hei­mat­stadt im Ho­tel?“, frag­te Ro­sa. „Ja“, be­schied Nat­han knapp. „Hat uns sehr ge­freut, Ro­sa Sil­ber­mann.“Die Mu­si­ker reich­ten ihr bei­de die Hand und lie­fen schnell da­von.

„Go­jim?“, frag­te Ro­sa, nach­dem sie ver­schwun­den wa­ren.

„Mu­si­ker“, er­wi­der­te er trot­zig. Er hat­te es im­mer ge­hasst, die Welt in Ju­den und Nicht­ju­den auf­zu­tei­len. „Frie­del ist ein Pro­tes­tant aus Wi­en, Karl ein Ka­tho­lik aus Ham­burg. Was da­ge­gen?“

Ro­sa schüt­tel­te den Kopf. „Ich woll­te es nur wissen.“„Und jetzt? Wo willst du hin?“„Es ist dei­ne Stadt. Du ent­schei­dest.“„Mei­ne Stadt!“Sein La­chen klang bit­ter. Dann mus­ter­te er sie von Kopf bis Fuß.

Hat­te Nat­han sie je in ei­nem Kleid ge­se­hen? In ei­nem so ele­gan­ten auf kei­nen Fall. In Oma­rim trug sie fast nur Pio­nier­klei­dung. Sie muss­te ihm so fremd vor­kom­men wie er ihr. Das half viel­leicht.

„Ganz gro­ße Da­me. Du wirst auf­fal­len“, mein­te er, und sie konn­te nicht her­aus­hö­ren, ob er dies spöt­tisch oder be­wun­dernd mein­te. Dann setz­te er sich in Be­we­gung.

Er führ­te sie in die Alt­stadt, aber nicht in die Lui­sen­stra­ße. Durch klei­ne Gäss­chen lots­te er sie berg­an in ein Vier­tel mit be­schei­de­nen Häu­schen und klei­nen Nutz­gär­ten, wo zwi­schen Kopf­sa­lat und Kohl­ra­bi Ka­pu­zi­ner­kres­se blüh­te. Nat­han lief stumm ne­ben ihr her, und auch sie schwieg, trotz der tau­send Fragen im Kopf, trotz der tau­send Din­ge, die sie ihm er­zäh­len könn­te. Um­so lau­ter klack­ten ih­re Schu­he auf dem Kopf­stein­pflas­ter. Die Son­ne stach un­barm­her­zig auf sie nie­der, so wie da­mals bei ih­rer An­kunft in Hai­fa. Zwi­schen den Häu­sern hing ei­ne kleb­ri­ge Hit­ze, kein Lüft­chen reg­te sich. Nat­han ent­le­dig­te sich der Kra­wat­te und des Ja­cketts und öff­ne­te den obers­ten Hemd­knopf. Ihr Kleid papp­te bei je­dem Schritt an der ver­schwitz­ten Haut fest, die Schu­he drück­ten.

„Ich neh­me an, du bist nicht mei­net­we­gen in Deutsch­land.“Kei­ne Fra­ge, ei­ne Fest­stel­lung. Die Ja­cke mit­tels Zei­ge­fin­ger jetzt über den Rü­cken ge­wor­fen.

„Das stimmt.“Dass sie ihm nach­reis­te, so­wie ei­ne Ar­beit und ei­ne Woh­nung gefunden wa­ren, so hat­te Nat­han sich ih­re ge­mein­sa­me Zu­kunft vor­ge­stellt. Für ihn war Deutsch­land ein bes­se­rer Ort zum Le­ben als ein auf Wüs­ten­sand ge­bau­ter Ju­den­staat. Er glaub­te an die so­zia­lis­ti­sche Idee, an die Völ­ker­ver­stän­di­gung und an ein bald in Frie­den und Frei­heit ver­ein­tes Europa. Sei­ne Ent­täu­schung dar­über, dass sie nicht mit ihm kam, war so groß wie ih­re, dass er nicht blei­ben woll­te. All die näch­te­lan­gen Dis­kus­sio­nen, die ver­geb­li­chen Ver­su­che, sich ge­gen­sei­tig zu über­zeu­gen. All die frü­hen Mor­gen, an de­nen sie dann doch im Bett lan­de­ten und sich mit der Ver­zweif­lung von Er­trin­ken­den lieb­ten. Auf kei­nen Fall woll­te sie die­se Gespräche noch ein­mal füh­ren. Sie hat­ten ih­re Ent­schei­dun­gen ge­trof­fen. Nat­han war zu­rück­ge­kehrt, weil er sein Geld als Mu­si­ker ver­die­nen woll­te und nicht als Kib­buz-Bauer. Und – sein wich­tigs­tes Ar­gu­ment für die Rück­kehr – weil ein ju­den­frei­es Deutsch­land ei­nem nach­träg­li­chen Sieg Hit­lers gleich­ge­kom­men wä­re. Vier Wo­chen nach sei­ner Abrei­se hat­te er ge­schrie­ben. Er hat­te in Mün­chen bei ei­nem klei­nen Orches­ter Ar­beit gefunden, wohn­te noch in ei­nem win­zi­gen Zim­mer, woll­te sich aber nach ei­ner grö­ße­ren Woh­nung um­se­hen. Sie hat­te zu­rück­ge­schrie­ben, dass dies nicht nö­tig sei. Da­nach Funk­stil­le. Sie wuss­ten bei­de, dass sie ih­re Lie­be auf dem Al­tar ih­rer Über­zeu­gung ge­op­fert hat­ten. Des­halb war Ben nie ins Spiel ge­kom­men. Und so soll­te es auch blei­ben. Fort­set­zung folgt

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