„Ka­ta­stro­pha­le Pan­nen“

Die Ab­schie­bun­gen nach Af­gha­nis­tan sor­gen für Auf­re­gung bei den Grü­nen

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Bet­ti­na Grach­trup

Stutt­gart. Der­Be schluss des V er wal tungs ge­richts­hofs Ba­den-Würt­tem­berg kommt auf den letz­ten Drü­cker: Kurz v or­der Sam­mel ab­schie­bung am Mitt­woch abend nach Af­gha­nis­tan ent­schei­den die Rich­te­rin Mann­heim, das sein Mann mit tür­ki­scher und af­gha­ni­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit zu­nächst nicht nach Ka­bul zu­rück­ge­bracht wer­den darf. Die Aus­wir­kung der Ab­schie­bung auf sei­ne zwei min­der­jäh­ri­gen Kin­der in Deutsch­land – dar­un­ter laut Ge­richt ein schwer be­hin­der­ter 14- Jäh­ri­ger–sei nicht aus­rei­chend ge­prüft wor­den.

In der bun­des­weit ein­zi­gen grün­schwar­zen Ko­ali­ti­on auf Lan­des­ebe­ne führt das zu Ver­wer­fun­gen. Grü­nen Par­la­ments­ge­schäfts­füh­rer Uli Sckerl hält Lan­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas Strobl (CDU) „ka­ta­stro­pha­le Pan­nen“bei der Auswahl ab­ge­lehn­ter Asyl­be­wer­ber für die Ab­schie­bung vor. Schles­wig-Hol­stein und an­de­re rot-grün re­gier­te Bun­des­län­der be­tei­li­gen sich der­zeit nicht an Ab­schie­bun­gen nach Af­gha­nis­tan. Die Grü­nen-Spit­zen­kan­di­da­tin zur Bun­des­tags­wahl, Ka­trin Gö­ring-Eckardt, lobt dies aus­drück­lich. Vie­le Grü­nen-Mit­glie­der sind in der Flücht­lings­ar­beit en­ga­giert – das The­ma ge­hört qua­si zur DNA der Par­tei.

Auch in der Grü­nen-Land­tags­frak­ti­on in Stutt­gart hat es For­de­run­gen ge­ge­ben, die Ab­schie­bung von Af­gha­nen aus­zu­set­zen. Dann hat sich die Frak­ti­on ent­schie­den, die Li­nie von Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann (Grü­ne) zu un­ter­stüt­zen, der die Bun­des­re­gie­rung auf­for­dert, die Si­cher­heits­la­ge in dem Land neu zu be­wer­ten. Die Bun­des­län­der kön­nen Ab­schie­bun­gen aus­set­zen, aber nicht auf Dau­er. Für Kret­sch­mann ist das kein The­ma. Er sagt, dass ein Bun­des­land ei­nen Spiel­raum bei der Auswahl der ab­zu­schie­ben­den Men­schen ha­be – nicht beim Zi­el­land, denn das sei Sa­che des Bun­des. Doch die­se Er­klä­rung ist für vie­le Men­schen an der Grü­nen-Ba­sis nicht nach­zu­voll­zie­hen. Es bleibt ei­ne Dis­kre­panz zwi­schen dem, was Re­gie­rungs-Grü­ne et­wa im Süd­wes­ten zu­sam­men mit der CDU ma­chen, und dem, was vie­le Mit­glie­der ei­gent­lich für ge­bo­ten hal­ten. Grü­nen­Spit­zen­leu­te räu­men ein, dass sich das auf Dau­er zum Pro­blem ent­wi­ckelt. Es bleibt das Bild, dass bei dem The­ma bei den Grü­nen quer durch Deutsch­land ein gro­ßes Durch­ein­an­der herrscht. Der SPD-Frak­ti­ons­vi­ze im Land, Sa­scha Bin­der, er­klär­te ges­tern, sei­ne Par­tei schlie­ße ei­nen ge­ne­rel­len, zeit­lich be­fris­te­ten Stopp von Rück­füh­run­gen aus Ba­den-Würt­tem­berg nach Af­gha­nis­tan nicht mehr aus. „Ei­ne kla­re Li­nie wä­re auch für Ba­den-Würt­tem­berg bes­ser als das jet­zi­ge Ko­ali­ti­ons-Hick­hack und die grü­ne Dop­pel­zün­gig­keit“, so Bin­der. Kret­sch­mann sol­le ei­nen recht­lich zu­läs­si­gen drei­mo­na­ti­gen Ab­schie­be­stopp ver­hän­gen.

Der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­ler Frank Brett­schnei­der er­in­nert dar­an, dass sich die Re­gie­rungs-Grü­nen in Ba­den-Würt­tem­berg bei der in­ne­ren Si­cher­heit ins­ge­samt prag­ma­ti­scher ver­hal­ten

Rot-grü­ne Län­der be­tei­li­gen sich nicht SPD im Land er­wägt Ab­schie­be­stopp

als ih­re Kol­le­gen im Bund. An­sons­ten könn­te ih­nen im Bun­des­tags­wahl­kampf leicht vor­ge­wor­fen wer­den, mit schuld an den Si­cher­heits­pro­ble­men in Deutsch­land zu sein. „Aber ein Pro­blem ist, dass es ei­ne Rie­sen­kluft gibt zwi­schen dem Ver­hal­ten der Grü­nen auf Bun­des­ebe­ne, die stär­ker ideo­lo­gisch ge­prägt sind, und dem Ver­hal­ten von Grü­nen in den Län­dern.“Im Bun­des­tags­wahl­kampf kön­ne das schwie­rig wer­den. „Die po­li­ti­schen Geg­ner könn­ten dar­auf ver­wei­sen, dass die Grü­nen bei dem The­ma nicht ein­heit­lich agie­ren und nicht wis­sen, wo­hin sie wol­len.“

Der is­la­mis­ti­sche An­schlag auf den Ber­li­ner Weih­nachts­markt im De­zem­ber mit zwölf To­ten ha­be die ge­sam­te po­li­ti­sche Agen­da ver­scho­ben – Si­cher­heits­the­men wer­den nach Brett­schnei­ders Ein­schät­zung den Bun­des­tags­wahl­kampf do­mi­nie­ren. Die in­ne­re Si­cher­heit samt Ab­schie­bun­gen sei zwar kein The­ma, bei dem die Grü­nen vie­le Wäh­ler­stim­men hin­zu­ge­win­nen könn­ten. „Aber sie müs­sen ver­hin­dern, dass es ein The­ma wird, we­gen dem sie ver­lie­ren.“

AN­KUNFT IN KA­BUL: Ins­ge­samt 18 ab­ge­lehn­te Asyl­be­wer­ber wur­den nach Af­gha­nis­tan zu­rück­ge­bracht, zwei Rück­füh­run­gen stopp­ten al­ler­dings Ge­rich­te. Fo­to: dpa

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