Wie groß ist die Ge­fahr wirk­lich?

Bin­nen zwei Wo­chen schla­gen Ter­ror­fahn­der in Nie­der­sach­sen zum zwei­ten Mal zu

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Micha­el Evers

Han­no­ver. Erst ei­ne Groß­raz­zia in Göt­tin­gen mit zwei fest­ge­setz­ten Ter­ror­ver­däch­ti­gen, nun zwei Wo­chen spä­ter die Ver­haf­tung ei­nes deut­schen Sala­fis­ten mit kon­kre­ten An­schlags­plä­nen im na­hen Nort­heim: Beim Kampf ge­gen Is­la­mis­ten in Nie­der­sach­sen geht es plötz­lich Schlag auf Schlag. Zu­vor hat­ten die Si­cher­heits­be­hör­den trotz be­kann­ter Brenn­punk­te und Ge­fähr­der zö­ger­li­cher agiert.

Der Zu­griff in Nort­heim be­stä­tigt den neu­en Kurs. Der dort ver­haf­te­te 26-Jäh­ri­ge räum­te ein, er ha­be Po­li­zis­ten oder Sol­da­ten in ei­ne Fal­le lo­cken und mit ei­nem selbst ge­bau­ten Spreng­satz tö­ten wol­len. Kei­ne lee­re Dro­hung, denn in sei­ner Woh­nung fan­den Fahn­der Che­mi­ka­li­en und Bau­tei­le für ei­ne Fern­zün­dung. „Wir ha­ben es mit ex­trem dy­na­mi­schen Ent­wick­lun­gen im Be­reich des is­la­mis­ti­schen Ter­ro­ris­mus zu tun“, sagt Nie­der­sach­sens In­nen­mi­nis­ter Bo­ris Pis­to­ri­us (SPD). „Die Ver­läu­fe ei­ner an­fäng­li­chen Ra­di­ka­li­sie­rung hin bis zur Durch­füh­rung ei­nes An­schla­ges wer­den im­mer kür­zer.“Fast auf den Tag genau vor ei­nem Jahr hat­ten nie­der­säch­si­sche Ter­ror­fahn­der noch das Nach­se­hen, als die ra­di­ka­li­sier­te Ju­gend­li­che Sa­fia S. in Han­no­ver ei­nen Po­li­zis­ten nie­der­stach. Ob­wohl Be­am­te sie nach ei­ner ge­schei­ter­ten Sy­ri­en­aus­rei­se be­frag­ten, wur­de sie nicht un­ter Be­ob­ach­tung ge­stellt. Auch ih­re Han­dys und da­mit ihr Chat­ver­kehr mit Draht­zie­hern der Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat (IS) wur­den nicht recht­zei­tig aus­ge­wer­tet. Ein spä­ter als Mit­wis­ser Ver­ur­teil­ter konn­te 2016 zu­nächst von Nie­der­sach­sen nach Grie­chen­land flie­hen, ehe er ge­fasst wur­de. All dies, ob­wohl die Bun­des­an­walt­schaft schon da­mals ge­gen ihn auch we­gen ei­ner Ver­wick­lung in mög­li­che Ter­ror­plä­ne er­mit­tel­te, die zur Ab­sa­ge des Fuß­ball-Län­der­spiels in Han­no­ver führ­ten.

Der Raum Göt­tin­gen/Hil­des­heim, wo die Ter­ror­fahn­der jetzt zu­schlu­gen, ist den Be­hör­den schon län­ger als Sam­mel­punkt ra­di­ka­ler Sala­fis­ten be­kannt. 42 Pro­zent der aus Nie­der­sach­sen Rich­tung Sy­ri­en aus­ge­reis­ten Per­so­nen stam­men von dort. In Göt­tin­gen ist nach Er­kennt­nis des Ver­fas­sungs­schut­zes in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ei­ne jun­ge sala­fis­ti­sche Sze­ne ent­stan­den, die sich be­son­ders aus der An­hän­ger­schaft der ver­bo­te­nen is­la­mis­ti­schen Or­ga­ni­sa­ti­on „Ka­li­fat­staat“re­kru­tiert. Und be­vor es im ver­gan­ge­nen Som­mer erst­mals zu ei­ner Raz­zia in der Mo­schee des „Deutsch­spra­chi­gen Is­lam­krei­ses Hil­des­heim“kam, den In­nen­mi­nis­ter Pis­to­ri­us ver­bie­ten möch­te, be­ob­ach­te­ten Fahn­der dort schon viel frü­her brand­ge­fähr­li­che Be­su­cher. Der Ber­li­ner At­ten­tä­ter Anis Am­ri soll nach ei­nem Be­richt der „Han­no­ver­schen All­ge­mei­nen Zei­tung“dort zwei­fels­frei schon im Fe­bru­ar 2016 fo­to­gra­fiert wor­den sein. Jah­re­lang agier­te dort der im No­vem­ber 2016 ver­haf­te­te Hass­pre­di­ger Abu Wa­laa, der als sala­fis­ti­scher Chef­ideo­lo­ge und als mut­maß­li­cher Un­ter­stüt­zer des IS in Deutsch­land gilt.

Ist der neue, har­te Kurs der Er­mitt­ler nun Ak­tio­nis­mus, wie in der Op­po­si­ti­on ver­mu­tet wur­de, weil nach der Raz­zia vor zwei Wo­chen in Göt­tin­gen die Ge­ne­ral­staats­an­walt­schaft die Be­weis­la­ge für zu dünn hielt, um die bei­den Is­la­mis­ten we­gen Ter­rors zu ver­fol­gen. Mi­nis­ter Pis­to­ri­us ver­neint das. Die Raz­zia sei an­ge­mes­sen ge­we­sen. Und im neu­en Nort­hei­mer Fall er­ging ja auch be­reits ein Haft­be­fehl.

Er­mitt­ler fah­ren jetzt ei­nen har­ten Kurs

HIN­TER GIT­TER: Der fest­ge­nom­me­ne Sala­fist sitzt mitt­ler­wei­le in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt (JVA) Ros­dorf bei Göt­tin­gen in U-Haft. Der 26-Jäh­ri­ge soll ei­nen Spreng­stoff-An­schlag auf Po­li­zis­ten oder Sol­da­ten ge­plant ha­ben. Fo­to: dpa

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.