Das Un­be­ha­gen fährt mit

Ret­tungs­kräf­te wer­den an­ge­pö­belt und im­mer wie­der at­ta­ckiert / Ein­sät­ze un­ter Po­li­zei­schutz

Pforzheimer Kurier - - KARLSRUHE - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied Gün­ther Kopp

Wenn Ret­tungs­teams aus­rü­cken – ganz gleich ob von ASB, DRK oder ProMe­dic – , fährt im­mer auch ein Ge­fühl von Un­be­ha­gen mit. Die Ret­tungs­kräf­te wüss­ten nie, was sie am Ein­satz­ort er­war­tet, sagt Mat­thi­as Ei­tel, Be­reichs­lei­ter Ret­tungs­wa­chen beim Ar­bei­ter-Sa­ma­ri­terBund (ASB) in Karls­ru­he. In me­di­zi­ni­scher Hil­fe sind die Män­ner und Frau­en bes­tens aus­ge­bil­det. Doch wie kön­nen sie sich schüt­zen, wenn sie bei ih­rer Ar­beit ver­bal und – lei­der zu­neh­mend – auch kör­per­lich an­ge­grif­fen wer­den?

Vor­über­ge­hend dienst­un­fä­hig

Erst vor kur­zem sei ein Team des ASB in ei­nen hand­greif­li­chen Streit ver­wi­ckelt wor­den, be­rich­tet Mat­thi­as Ei­tel. Der Mann und sei­ne Kol­le­gin hat­ten ge­ra­de ei­nen Pa­ti­en­ten zu Hau­se ab­ge­lie­fert und wa­ren auf dem Weg zu­rück zu ih­rem Fahr­zeug, als sie von Pas­san­ten auf ei­nen ran­da­lie­ren­den Mann auf­merk­sam ge­macht wur­den. Sie woll­ten de­es­ka­lie­ren und schlich­ten, doch der Ran­da­lie­rer ging auf sie los, be­spuck­te sie und schlug auf sie ein. Der Ret­tungs­as­sis­tent konn­te die Schlä­ge ab­weh­ren, sei­ne Kol­le­gin er­litt ei­ne Prel­lung am Hand­ge­lenk und war vor­über­ge­hend dienst­un­fä­hig.

Ei­tel, der 1986 als Zi­vil­dienst­leis­ten­der zum Karls­ru­her ASB kam, ist für das Qua­li­täts­ma­nage­ment zu­stän­dig. Re­gel­mä­ßig fährt er bei Ein­sät­zen mit, ein­fach weil er wis­sen will, was drau­ßen ab­geht. Sein Ein­druck: Vie­le Ein­sät­ze lau­fen rei­bungs­los ab, aber ins­ge­samt gibt es mehr Ag­gres­si­on, ins­be­son­de­re wenn Al­ko­hol im Spiel ist. „Frü­her wur­de auch Al­ko­hol ge­trun­ken, aber die Leu­te hat­ten ganz über­wie­gend gu­te Lau­ne und wa­ren fröh­lich“, sagt Ei­tel. Heu­te sei ein ho­her Pro­zent­satz der al­ko­ho­li­sier­ten Men­schen, auf die die Ret­tungs­kräf­te tref­fen, feind­se­lig und hem­mungs­los.

Vor ei­nem Jahr er­leb­te er dies am ei­ge­nen Leib. Ein Kol­le­ge und er sei­en zu ei­nem Mann in ei­ner Dis­co mit an­geb­li­chen Herz-Kreis­lauf-Pro­ble­men ge­ru­fen wor­den. „Wir knien über ihm, wol­len Blut­druck mes­sen und ein EKG ma­chen. Plötz­lich greift er nach uns, will uns ins Ge­sicht tre­ten“, er­in­nert sich Ei­tel. Im letz­ten Mo­ment kön­nen er und sein Kol­le­ge aus­wei­chen.

Bei Ret­tern ging die Angst um

Beim Ro­ten Kreuz kennt man das Pro­blem mit be­rausch­ten Pa­ti­en­ten eben­falls. „Pö­be­lei­en gibt es öf­ter“, be­rich­tet DRK-Kreis­ge­schäfts­füh­rer Jörg Bier­mann, von kör­per­li­chen Atta­cken sei­en sei­ne Leu­te in letz­ter Zeit zum Glück weit­ge­hend ver­schont wor­den. Vor drei, vier Jah­ren ha­be es ei­ne Rei­he von An­grif­fen auf Ret­tungs­kräf­te ge­ge­ben. Bei den DRK-Leu­ten ging die Angst um. „Wir ha­ben Selbst­ver­tei­di­gungs­kur­se an­ge­bo­ten und so­gar ei­ne Psy­cho­lo­gin be­schäf­tigt“, be­tont Bier­mann. Da­nach sei es ru­hi­ger ge­wor­den. Micha­el Kraus, Ge­schäfts­füh­rer bei ProMe­dic be­stä­tigt die Er­fah­run­gen sei­ner Kol­le­gen und fin­det: „Die Zei­ten sind an­ders ge­wor­den, da­mit müs­sen wir uns ab­fin­den.“Ret­tungs­teams müss­ten heu­te mit wa­chem Blick ei­ne Si­tua­ti­on ana­ly­sie­ren und sich ge­ge­be­nen­falls zu­rück­zie­hen bis die Po­li­zei kommt.

Be­am­ten meist ruck­zuck da

Es ge­be Si­tua­tio­nen, da fah­re ein Ret­tungs­wa­gen nur in Be­glei­tung von Po­li­zei zum Ein­satz­ort, sagt der ASBRet­tungs­wa­chen­chef. Bei­spiels­wei­se wenn die Ret­tungs­leu­te zu ei­nem Fa­mi­li­en­streit ge­ru­fen wer­den, bei dem dann viel­leicht auch noch mit ei­nem Mes­ser han­tiert wird. Oder wenn es ir­gend­wo ei­ne Schlä­ge­rei gibt. „Wenn wir Po­li­zei an­for­dern, sind die Be­am­ten meist ruck­zuck da“, be­tont Ei­tel. Bier­mann sagt, beim DRK gel­te die Re­gel „Ei­gen­schutz geht vor“. Wenn sei­ne Leu­te ge­fähr­det sei­en, such­ten sie Schutz bei der Po­li­zei. „Die Zu­sam­men­ar­beit ist op­ti­mal“, so der Kreis­ge­schäfts­füh­rer.

Als Ver­ant­wort­li­cher für die Ret­tungs­wa­chen beim Karls­ru­her ASB un­ter­nimmt Ei­tel gro­ße An­stren­gun­gen, „sei­ne“Leu­te best­mög­lich zu schüt­zen. Im ver­gan­ge­nen Früh­jahr gab es erst­mals ei­ne ASB-Ta­ges­fort­bil­dung „Selbst­schutz für Ret­tungs­kräf­te“, ge­lei­tet von Pro­fis auf dem Ge­biet der Ge­walt­prä­ven­ti­on. In die­sem Früh­jahr soll die Schu­lung wie­der­holt wer­den. Dann will Ei­tel ein Vi­deo dre­hen las­sen, das da­nach als Lehr­vi­deo ein­ge­setzt wer­den soll.

Här­te­re Stra­fe schreckt kaum

Zur ak­tu­el­len Dis­kus­si­on über bes­se­ren Schutz für Ret­tungs­kräf­te, in­dem tät­li­che An­grif­fe här­ter be­straft wer­den sol­len, be­merkt DRK-Kreis­ge­schäfts­füh­rer Bier­mann: „Ich glau­be nicht, dass dies viel bringt.“Wer be­rauscht sei, kön­ne gar nicht die Fol­gen sei­nes Tuns ab­schät­zen. Auch ASB-Mann Ei­tel glaubt kaum, dass här­te­re Be­stra­fung ab­schreckt. Na­tür­lich er­stat­te er An­zei­ge, wenn es zu Tät­lich­kei­ten ge­kom­men sei, aber er ha­be kei­nen Über­blick, was letzt­lich dar­aus wer­de. ProMe­dicGe­schäfts­füh­rer Kraus zeigt sich eben­falls pes­si­mis­tisch. Zu glau­ben, dass sich oft­mals ver­wirr­te Per­so­nen von här­te­ren Stra­fen ab­schre­cken lie­ßen, er­schei­ne ihm welt­fremd.

ASB-Mann Ei­tel wünscht sich für Leu­te im Ret­tungs­dienst mehr Rück­halt in der Be­völ­ke­rung. Oft wür­de es schon rei­chen, wenn Pas­san­ten mit Zi­vil­cou­ra­ge ag­gres­si­ven Pa­ti­en­ten oder An­ge­hö­ri­gen klar ma­chen könn­ten, dass die Leu­te vom Ret­tungs­dienst da sind, um zu hel­fen und sonst nichts. In der neu­en Aus­bil­dung zum Not­fall­sa­ni­tä­ter spie­le die Kom­mu­ni­ka­ti­on und da­mit auch die Fra­ge „Wie spre­che ich ei­nen Pa­ti­en­ten an?“ei­ne grö­ße­re Rol­le. Das fin­de er gut, sagt Ei­tel.

RET­TUNGS­TEAMS tref­fen bei ih­ren Ein­sät­zen oft­mals auf pö­beln­de Pas­san­ten und wer­den im­mer wie­der auch von ver­meint­li­chen Pa­ti­en­ten, de­nen sie hel­fen wol­len, an­ge­grif­fen. Meist sind Al­ko­hol oder Rausch­gift die Ur­sa­che. Die Ret­tungs­or­ga­ni­sa­tio­nen müs­sen weit mehr als frü­her auf ih­re ei­ge­ne Si­cher­heit ach­ten. Fo­to: jo­do

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