93. Fort­set­zung

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

„Al­so, Ro­sa. Wes­halb willst du mit mir re­den?“Er stell­te die Fra­ge bei­läu­fig, steu­er­te im nächs­ten Mo­ment auf ei­ne Gast­stät­te zu und führ­te sie in ei­nen düs­te­ren Schank­raum, in dem Män­ner und ei­ni­ge we­ni­ge Frau­en vor ei­nem Bier oder ei­nem Schop­pen Wein sa­ßen.

„Ein kal­tes Bier“, rief er dem Wirt hin­ter dem Aus­schank zu. „Ro­sa?“„Auch ein Bier.“Er di­ri­gier­te sie zu ei­nem Tisch vor ei­nem der nied­ri­gen Fens­ter, wisch­te mit dem Arm­rü­cken ein paar Brot­krü­mel von dem blan­ken Holz und rück­te ihr den Stuhl zu­recht. Sie spür­te, wie al­le sie an­starr­ten. „Frau­en von Welt“mie­den sol­che Or­te.

„Hier ver­keh­ren die Di­enst­bo­ten und Kut­scher, die Zim­mer­mäd­chen und Kell­ner“, er­klär­te er. „Es tut gut, hier zu sein, wenn man vor der Haute­vo­lee ge­spielt hat.“Er be­dank­te sich für das Bier, das der Wirt ih­nen ser­vier­te, und nahm ei­nen kräf­ti­gen Schluck. „Oz hat mich her­ge­schickt.“„Oz!“Ein Schluck Bier schwapp­te über den Rand sei­nes Gla­ses. „Steht be­stimmt weit oben im neu­en Staat Is­ra­el. Ist er schon Ge­ne­ral?“

Oz und Nat­han, der Kraft­mei­er und der Künst­ler, die zwei konn­ten sich nie aus­ste­hen. Po­li­tisch nie ei­ner Mei­nung, in All­tags­din­gen erst recht nicht. Oz, der schnell ent­schie­de­ne Ma­cher, Nat­han, der ewi­ge Zweif­ler. Nach Mög­lich­keit wa­ren sie sich aus dem Weg ge­gan­gen, aber wenn sie auf­ein­an­der­tra­fen, herrsch­te ent­we­der Ei­ses­käl­te, oder sie be­schimpf­ten sich wie die Kes­sel­fli­cker.

„Hast du von der Brief­bom­be in Mün­chen ge­hört?“, frag­te sie.

„Si­cher“, nick­te er. „Es gibt gro­ßen Wi­der­stand ge­gen die­ses Wie­der­gut­ma­chungs­ge­setz. Ei­gent­lich will es kei­ner: die al­ten Na­zis so­wie­so nicht, die Ver­trie­be­nen ge­nau­so we­nig und na­tür­lich auch all die nicht, die sich als Op­fer und Ver­lie­rer füh­len, und so füh­len sich in Deutsch­land die meis­ten. Es kann al­so qua­si je­der ge­we­sen sein.“

Ro­sa schüt­tel­te den Kopf. „Der Mossad, bei dem Oz jetzt ar­bei­tet, ist si­cher, dass Beg­ins Ir­gun die Brief­bom­be ge­schickt hat.“

„Ra­di­ka­le Zio­nis­ten?“Jetzt blitz­te in sei­nen Au­gen die ver­trau­te De­bat­tier­lust auf. „Hab ich nicht im­mer ge­sagt, dass die Staats­grün­dung der fal­sche Weg ist? Zum Glück hat­ten die­se na­tio­na­lis­ti­schen Hitz­köp­fe kei­nen Er­folg mit ih­rer Ak­ti­on.“

„Mit die­ser nicht.“Und dann er­zähl­te Ro­sa von ih­rem Auf­trag, von der GCPS, dem Un­fall des Kanz­ler­wa­gens, von Aris Ver­dacht, dass nur ein Ju­de der At­ten­tä­ter sein kön­ne.

„Da ist die Auswahl hier nicht be­son­ders groß“, spot­te­te Nat­han.

Ro­sa sah, wie Nat­han den Fa­den im Kopf fortspann und dann un­gläu­big den Kopf schüt­tel­te.

„Er­zähl mir nicht, dass du hier bist, um her­aus­zu­fin­den, ob ich der Wahn­sin­ni­ge bin, der auf den Kanz­ler schie­ßen will! Bist du me­schug­ge? Hast du dich von Oz oder die­sem Ari mit der Pa­ra­noia an­ste­cken las­sen, dass die Fein­de Is­ra­els über­all lau­ern? Von we­gen die ge­fähr­lichs­ten sind die ei­ge­nen Leu­te? Für Oz grenz­te ja schon ei­ne kri­ti­sche Be­mer­kung zum is­rae­li­schen Grenz­ver­lauf an Hoch­ver­rat. Wo­mit soll ich denn auf den Kanz­ler los­ge­hen? Mit mei­ner Gei­ge? Schie­ßen kann ich näm­lich nicht, wie du ja weißt.“

Er trank sein Bier in has­ti­gen Schlu­cken aus und wisch­te sich noch has­ti­ger über den Mund. Ihr ei­ge­ner Mund war aus­ge­trock­net, ih­re Zun­ge kleb­te am Gau­men fest. Sei­ne Em­pö­rung traf sie völ­lig un­vor­be­rei­tet.

„Ich fas­se es nicht, dass du dich so blind vor de­ren Kar­ren span­nen lässt“, drosch er wei­ter auf sie ein. „In un­se­rer ge­mein­sa­men Zeit hat dir je­den­falls kei­ner vor­ma­chen kön­nen, dass ei­ner, nur weil er Ju­de und Mu­si­ker ist und vor dem Kanz­ler spielt, ir­gend­wel­che fie­sen Ab­sich­ten hat. Du hast dich an­ste­cken las­sen mit der Ab­scheu und dem Miss­trau­en all de­nen ge­gen­über, die nach Deutsch­land zu­rück­keh­ren. Bes­se­re Sün­den­bö­cke gibt es in Is­ra­el wahr­schein­lich nicht.“

„Was meinst du, war­um ich dir das al­les …“Müh­sam lös­te sie ih­re Zun­ge, je­des Wort ei­ne Schwer­ge­burt. Aber Nat­han, nicht zu brem­sen, ließ sie nicht aus­re­den.

„Be­vor du fragst: Ja, es ist vie­les ganz schreck­lich hier in Deutsch­land. Der An­ti­se­mi­tis­mus wird wei­ter­hin ge­hegt und ge­pflegt, in der Re­gie­rung sit­zen al­te Na­zis, die West­ori­en­tie­rung ist ein Feh­ler, al­le sind Meis­ter im Ver­ges­sen. Aber es ge­fällt mir, dass man, im Ge­gen­satz zu Is­ra­el, nicht mehr nur im ei­ge­nen Saft schmort und ei­ne freie Pres­se ver­hin­dert, dass man sich wie­der ein­lul­len lässt. Ver­que­res Den­ken ist er­laubt. Aber du denkst nicht kreuz und quer, du di­enst dei­nem Land wie ein bra­ver Sol­dat und tust, was man dir sagt. Wo bleibt dein kri­ti­scher Geist? Da kennst du die­sen Ari ge­ra­de mal ein paar Ta­ge und traust ihm mehr als mir?“

Er ver­stumm­te. Sein Pul­ver war ver­schos­sen, nun feu­er­ten sei­ne Bli­cke spit­ze Pfei­le auf sie ab. Da­bei lag sie doch schon am Bo­den. „Herr Wirt! Die Da­me zahlt.“Der Stuhl schramm­te über den St­ein­bo­den, als Nat­han ihn beim Auf­ste­hen zu­rück­schob. Sie sah ihm nicht nach, hör­te nur die Wut in sei­nen har­ten, schnel­len Schrit­ten und dann die Tür, die hin­ter ihm zu­fiel. Mit zitt­ri­gen Fin­gern fisch­te sie ein paar Mün­zen aus dem Porte­mon­naie und leg­te sie auf den Tisch. Als sie den Schank­raum ver­ließ, rich­te­te sich je­des Au­gen­paar im Raum auf sie. Sie spür­te die gie­ri­ge Sen­sa­ti­ons­lust hin­ter den Bli­cken, aber die konn­te ihr nach die­sem Ge­spräch mit Nat­han nichts mehr an­ha­ben.

Vor der Tür traf sie die Hit­ze wie ein wei­te­rer Schlag. Wie ei­ne Krank­heit hat­te sie die Stadt im Griff. Über al­lem lag ei­ne läh­men­de Stil­le. Ab­wei­send die Häu­ser mit ih­ren ge­schlos­se­nen Fens­ter­lä­den, kein Mensch auf der Stra­ße, nicht ein­mal die Tau­ben gurr­ten.

Ro­sa schlepp­te sich zum Kur­haus zu­rück und sah sich dort ge­ra­de nach ei­nem Ta­xi um, als plötz­lich der ein­bei­ni­ge Bras­sel ne­ben ihr stand. Ei­lig steck­te er das sorg­sam ge­fal­te­te Ta­schen­tuch weg, mit dem er sich die Schweiß­per­len von der Stirn ge­tupft hat­te, und reich­te ihr die Hand.

„Un­er­träg­lich, die Hit­ze, nicht wahr? Wie schön, dass oben auf der Büh­ler­hö­he im­mer ein küh­les Lüft­chen weht! Sie wol­len auch zu­rück, ver­mu­te ich. Neh­men wir ge­mein­sam ein Ta­xi? Ich ha­be Ih­nen In­ter­es­san­tes zu be­rich­ten.“

Nein, Ro­sa woll­te sich kein Ta­xi tei­len, ihr war über­haupt nicht nach Ge­sell­schaft, aber ihr fehl­te die Kraft zu wi­der­spre­chen. Wie ge­lähmt sah sie Bras­sel ei­nen Wa­gen her­bei­win­ken, dann den Fah­rer aus­stei­gen und die Tür auf­hal­ten. Bras­sel muss­te sie stup­sen, da­mit sie sich in Be­we­gung setz­te.

„Ha­ben Sie sich auch den Beet­ho­ven an­ge­hört?“, frag­te Bras­sel, kaum dass sie sa­ßen.

Ro­sa nick­te und dach­te an all die Fra­gen, die sie Nat­han nicht ge­stellt hat­te: „Wie hast du Karl und Frie­del ken­nen­ge­lernt? Spielt ihr schon lan­ge zu­sam­men? Wie ist es, wie­der zu Hau­se zu sein? Warst du bei den Kup­fer­mül­lers? Wie ist es, wenn man tag­täg­lich in Ge­sich­ter blickt und nicht weiß, wel­che Ge­schich­te sich hin­ter ih­nen ver­birgt? Bist du jetzt glück­li­cher als in Oma­rim? War dei­ne Wahl rich­tig?“Dass es bei ih­rer Ver­traut­heit nicht mehr mög­lich war, dies al­les zu fra­gen, schmerz­te am meis­ten. Mit Bit­ter­keit dach­te sie an all das, was sie ihm nicht er­zählt hat­te: An die Kin­der, die im­mer noch sei­ne Lie­der san­gen.

Fort­set­zung folgt

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