Der Sturm lässt die Lich­ter fla­ckern

Pforz­hei­mer set­zen Fa­ckel­marsch auf dem Markt­platz ein stil­les Ge­den­ken ent­ge­gen

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied An­ne Weiss

Nur we­ni­ge Lich­ter trotz­ten dem Sturm, und auch die ans Rat­haus pro­ji­zier­te Frie­dens­tau­be zit­ter­te hef­tig im Wind – doch sie war weit­hin sicht­bar, als die Bür­ger der Gold­stadt ges­tern auf dem Markt­platz dem Fa­ckel­marsch ein stil­les Ge­den­ken ent­ge­gen­set­zen. „Wir sind hier zu­sam­men, um mit un­se­ren Lich­tern zu zei­gen, dass wir uns nicht vom Hass der Fa­ckel­trä­ger und an­de­rer Dem­ago­gen lei­ten las­sen, son­dern von der Hoff­nung, dass wir nur ge­mein­sam die­se Welt ge­stal­ten kön­nen“, er­öff­ne­te De­ka­nin Chris­tia­ne Quincke die Kund­ge­bung „Fa­ckeln aus“.

So man­cher der be­trof­fe­nen Zeit­zeu­gen kön­ne bis heu­te – so vie­le Jah­re da­nach – nicht über die töd­li­che Bom­ben­nacht spre­chen, sag­te Ober­bür­ger­meis­ter Gert Ha­ger in sei­ner An­spra­che an die Pforz­hei­mer. „Die Hal­tung, die­sen Tag in der Er­in­ne­rung, im stil­len Ge­den­ken ver­brin­gen zu wol­len, ver­dient al­len Re­spekt, ge­ra­de von uns Nach­ge­bo­re­nen. Wir, die wir dies al­len­falls aus Er­zäh­lun­gen ken­nen oder viel­leicht nicht ein­mal ei­nen in­di­rek­ten Be­zug zu die­ser Schre­ckens­nacht ha­ben, wir müs­sen und wir wer­den die­sen Wunsch im­mer ach­ten.“72 Jah­re Schwei­gen der Waf­fen und Frie­den sei­en ein kost­ba­res Ge­schenk, das man sich im­mer wie­der be­wusst ma­chen müs­se in ei­ner Welt, die aus den Fu­gen zu ge­ra­ten schei­ne.

Gleich­zei­tig wand­te sich Ha­ger an die Men­schen, die Krieg und Zer­stö­rung am ei­ge­nen Leib er­lebt ha­ben und neu nach Pforz­heim ge­kom­men sind. „Die Men­schen in Alep­po oder in Mos­sul wür­den vie­les da­für ge­ben, um in Frie­den le­ben zu kön­nen.“Ein gu­tes Mit­ein­an­der sei wich­tig, ge­ra­de in Pforz­heim – ei­ner Stadt mit 143 Na­tio­nen, ho­hem Mi­gra­ti­ons­an­teil, ei­ner ho­hen Ver­mö­gens­dich­te bei zu­gleich höchs­ter Hartz-IV-Quo­te in Ba­den-Würt­tem­berg. Frie­den und Frei­heit sei­en schüt­zens­wer­te Gü­ter, die es zu be­wah­ren gel­te. „Das ru­fen wir de­nen auf dem Wart­berg zu. Was für ei­ne per­fi­de Er­in­ne­rung an die Macht­de­mons­tra­tio­nen der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten. Sie miss­brau­chen un­se­ren Ge­denk­tag, sie per­ver­tie­ren ihn auf das Schänd­lichs­te. Ich mei­ne, dass mit die­sem Fa­ckel­auf­marsch die Op­fer des 23. Fe­bru­ar ge­ra­de­zu ver­höhnt wer­den. Das hat in un­se­rer Stadt nichts zu su­chen“, sprach der OB deut­li­che Wor­te.

20 Mi­nu­ten dau­er­te der Bom­ben­an­griff 1945, 20 Mi­nu­ten hiel­ten Hun­der­te Pforz­hei­mer ges­tern Abend um kurz vor 20 Uhr un­ter dem Läu­ten der Glo­cken al­ler Pforz­hei­mer Kir­chen in­ne. Die Kund­ge­bung be­schlos­sen Se­gens­grü­ße, die sie­ben Ver­tre­ter der ver­schie­de­nen Re­li­gio­nen spra­chen. Sie be­ton­ten ihr Mit­ge­fühl für die Op­fer und rie­fen zum Zu­sam­men­halt in Zei­ten der Un­ru­he auf, wie et­wa Wa­hab Ghu­mon von der is­la­mi­schen Ge­mein­schaft Ah­ma­diy­ya be­ton­te: „Re­li­gi­on kann ei­ne Schlüs­sel­rol­le da­bei spie­len, Men­schen zu­sam­men­zu­füh­ren.“

EIN LICHTERMEER brach­ten die Pforz­hei­mer we­gen des Win­des in die­sem Jahr nicht zu­stan­de, auch wenn sich die Teil­neh­mer der Kund­ge­bung im­mer wie­der ge­gen­sei­tig die Ker­zen an­zün­de­ten. Fo­to: Wa­cker

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