We­ni­ge rei­chen nicht für Wi­der­stand

Aus­ein­an­der­set­zung mit Ir­ra­tio­na­li­tä­ten bei Abend im Reuch­lin­haus zu Eh­ren Fritz Er­lers

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Bet­ti­na Geb­hard

„Vom Den­ken Ge­brauch ma­chen“– un­ter die­sem Wahl­kampf­slo­gan aus dem Jahr 1965 von Fritz Er­ler gab es am Mitt­woch im Schmuck­mu­se­um ei­ne Dis­kus­si­on im Reuch­lin­haus. Es be­tei­lig­ten sich die Toch­ter des vor 50 Jah­ren ver­stor­be­nen SPDPo­li­ti­kers, Staats­rä­tin Gi­se­la Er­ler, SPD-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Kat­ja Mast, Anja Dar­gatz vom Fritz-Er­lerFo­rum, Zeit­his­to­ri­ke­rin und Andrea Hof­fend. Es mo­de­rier­te Da­nie­la Harsch vom Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Ulm.

Bei der Be­grü­ßung stell­te Ober­bür­ger­meis­ter Gert Ha­ger „die bril­lan­ten Re­den“von Er­ler her­aus. De­mo­kra­tie, Frie­den und Frei­heit sei­en ihm das wich­tigs­te ge­we­sen. Er be­daue­re den viel zu frü­hen Tod Er­lers, des­sen Ver­mächt­nis ak­tu­el­ler denn je sei.

Anja Dar­gatz zeich­ne­te das Le­ben Er­lers in gro­ben Zü­gen nach, er­in­ner­te an ers­te po­li­ti­sche Ak­ti­vi­tä­ten im Al­ter von 15 Jah­ren, Mit­glied­schaft im Wi­der­stand „Neu Be­gin­nen“, sechs Jah­re in Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern und die po­li­ti­sche Lauf­bahn nach Kriegs­en­de. Den „Tri­umph“der SPD 1969, an dem Er­ler maß­geb­lich be­tei­ligt war, konn­te er nicht mehr mit­er­le­ben. Sei­ne Be­geis­te­rung für den Kom­mu­nis­mus ha­be sich ab­ge­schwächt, als ab­seh­bar wur­de, dass Frei­heit und De­mo­kra­tie in der So­wjet­uni­on stark ein­ge­schränkt wur­den. Heu­te wä­re ein sol­cher Rich­tungs­wech­sel pro­ble­ma­tisch. Da­mals je­doch sei es Ebert mög­lich ge­we­sen, sei­ne An­hän­ger mit­zu­neh­men und Kurs­kor­rek­tu­ren ver­ständ­lich und nach­voll­zieh­bar zu ma­chen. Die sei nicht zu­letzt durch sei­ne kla­re und nüch­ter­ne Spra­che ge­lun­gen, die den­noch mit­rei­ßend ge­we­sen sei. Der Va­ter ha­be Wert dar­auf­ge­legt, dass man sich ver­än­der­ten Be­din­gun­gen zu stel­len ha­be, sag­te Gi­se­la Er­ler.

Vom Den­ken Ge­brauch ma­chen möch­te auch Andrea Hof­fend, Pro­jekt­lei­te­rin von „Lern­ort Zi­vil­cou­ra­ge und Wi­der­stand“in Karls­ru­he. Sie will, dass dies auch die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on tut. Des­halb soll am KZ Kis­lau bei Min­gols­heim ein Lern­ort ent­ste­hen, wo ganz in der Nach­fol­ge Er­lers Ge­schich­te ver­ständ­lich und in kla­ren Wor­ten dar­ge­stellt wer­de. Po­li­tisch sei­en noch vie­le sei­ner The­sen und An­sich­ten ak­tu­ell. Vor dem Hin­ter­grund schwer zu durch­schau­en­der Nach­rich­ten und In­for­ma­ti­ons­quel­len, ha­be Er­lers An­sicht, dass ein frei­er Zu­gang zu ob­jek­ti­ven In­for­ma­tio­nen für al­le grund­le­gend wich­tig für ei­ne de­mo­kra­ti­sche Ent­schei­dungs­fin­dung sei, be­son­de­re Ak­tua­li­tät.

Hof­fend be­klagt, dass selbst vor dem ak­tu­el­len Hin­ter­grund de­mo­kra­tie­feind­li­cher Be­we­gun­gen Chan­cen ver­tan wür­den und nur die we­ni­gen Be­kann­ten im Wi­der­stand ge­gen das NSRe­gime ge­nannt wür­den: Die Ge­schwis­ter Scholl, die zu jung wa­ren, um schon vor der Macht­er­grei­fung als Geg­ner der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Be­we­gung zu agie­ren, oder von St­auf­fen­berg, der sich erst spät zum Wi­der­stand ent­schlos­sen ha­be. Po­li­tisch Ak­ti­ve wie Fritz Bau­er aus Stutt­gart, Al­bert Ein­stein oder zahl­rei­che an­de­re, die ver­folgt und teil­wei­se ge­tö­tet wur­den, fän­den da­ge­gen viel zu we­nig Be­ach­tung. Die Ge­fah­ren sei­en da­mals für vie­le Men­schen er­kenn­bar ge­we­sen, die „vom Den­ken Ge­brauch ge­macht hät­ten“und viel­leicht auch et­was hät­ten er­rei­chen kön­nen, „wenn es nur mehr ge­we­sen wä­ren“.

Im Mit­tel­punkt der Dis­kus­si­on stand, wie man Men­schen, die „Ir­ra­tio­na­li­tä­ten“ver­brei­ten oder pau­schal über „Lü­gen­pres­se“schimpf­ten an Po­li­tik und so­mit an der Ent­schei­dungs­fin­dung teil­ha­ben las­sen könn­te. Die größ­te Her­aus­for­de­rung scheint es zu sein, Men­schen, die ge­hört wer­den sol­len, zu po­li­ti­schen Ver­an­stal­tun­gen oder zu Ge­sprä­chen zu be­kom­men. Denn nur so kön­ne man ver­ste­hen „wo der Schuh drückt“, sag­te Kat­ja Mast. Es ge­he dar­um, De­mo­kra­tie zu stär­ken. Bei Volks­ent­schei­den sei die Fra­ge, die auf dem Zet­tel steht, span­nen­der, als das ja oder nein. Um In­ter­es­se schon in den Schu­len zu we­cken, soll­ten Po­li­ti­ker nicht nur Fra­gen be­ant­wor­ten, son­dern Schü­ler sol­len auch Auf­ga­ben lö­sen, an de­nen sie et­was ler­nen könn­ten und durch die sie neu­gie­rig auf mehr wür­den.

Für jun­ge Men­schen macht sich auch Gi­se­la Er­ler stark. Die ach­ten Klas­sen hält sie für am ehes­ten in­ter­es­siert und so ha­be man den Ach­ter-Rat ins Le­ben ge­ru­fen, in dem Schü­ler Po­li­tik üben kön­nen und sich so leich­ter da­für be­geis­tern las­sen. Trump sei da­bei so et­was wie ein Weck­ruf ge­we­sen. Sie wür­de au­ßer­dem ger­ne er­rei­chen, dass Ju­gend­li­che schon ab 16 wäh­len kön­nen. Auf kei­nen Fall dür­fe man sa­gen, Po­li­tik kön­ne bei ei­nem Pro­blem nichts ge­stal­ten. Da­ge­gen müs­se man Zie­le, Wer­te und Hal­tun­gen dar­le­gen und po­li­ti­sche Er­fol­ge trans­pa­rent ma­chen, er­klärt Kat­ja Mast und rief da­zu auf, „vom Den­ken Ge­brauch zu ma­chen“.

ZUM FRITZ-ER­LER-ABEND wa­ren Anja Dar­gatz, die Kin­der Gi­se­la Er­ler, Hans Er­ler und Wolf­gang Er­ler mit Ehe­frau Anja Er­ler und Andrea Hof­fend ge­kom­men. Fo­to: Wa­cker

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.