Er­in­ne­rung an das an­de­re Russ­land

Vor zwei Jah­ren wur­de Bo­ris Nem­zow er­mor­det

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Klaus-Hel­ge Do­nath

Mos­kau. Die Ei­mer mit Blu­men auf der Gro­ßen St­ein­brü­cke di­rekt ge­gen­über vom Kreml sind im­mer prall ge­füllt. Die Pas­san­ten brin­gen meist Nel­ken und Ro­sen in rot oder weiß zu dem klei­nen Schrein, der an die Er­mor­dung des rus­si­schen Op­po­si­ti­ons­po­li­ti­kers Bo­ris Nem­zow vor zwei Jah­ren er­in­nern soll. Ei­ne Frau steckt gera­de zwei Ro­sen in ei­nen Kü­bel und bleibt kurz vor den Por­traits des Op­po­si­tio­nel­len ste­hen, be­vor sie wei­ter­läuft. Die Rent­ne­rin Ma­ri­na hält vor der pro­vi­so­ri­schen Ge­denk­stät­te Wa­che. Drei­mal die Wo­che bei Wind und Wetter steht sie ein­ge­mummt wie ei­ne Ark­tis­for­sche­rin auf der zu­gi­gen Brü­cke und passt auf, dass nie­mand Nem­zows Ge­den­ken schän­det. Die Be­hör­den lehn­ten es bis­her ab, die Brü­cke um­zu­be­nen­nen und am Tat­ort ei­ne Ge­denk­ta­fel für den be­kann­tes­ten rus­si­schen Op­po­si­tio­nel­len an­zu­brin­gen. Ma­ri­na ist ei­ne von zwan­zig Ak­ti­vis­ten, die die Stät­te seit zwei Jah­ren in je­weils ei­ner Tag- und be­treu­en. Wenn sie mal nicht auf­pass­ten, ver­schwän­den Blu­men und Fotos so­fort, meint Mit­strei­te­rin Ga­li­na. „Die Abräu­mer kom­men am liebs­ten nachts, wenn es kei­ne Zeu­gen gibt“, sagt die jun­ge Frau. Sie ge­hört kei­ner po­li­ti­schen Par­tei an, hält es je­doch für ih­re Pflicht, die Er­in­ne­rung an ein „an­de­res Russ­land“zu be­wah­ren. Ga­li­na zeigt auf ei­nen ro­ten Punkt 150 Me­ter ent­fernt über der Kremlmau­er. Von dort über­wacht ei­ne Ka­me­ra das Ge­sche­hen auf der Brü­cke. In der Tat­nacht wa­ren die Ka­me­ras in Mos­kaus höchs­ter Si­cher­heits­zo­ne ei­gen­tüm­li­cher Wei­se et­was stör­an­fäl­lig, wie sich her­aus­stell­te.

Die mut­maß­li­chen Mör­der und Hel­fers­hel­fer wur­den den­noch schnell ge­fasst. Fünf Ver­däch­ti­gen wird in Mos­kau der Pro­zess vor ei­nem Mi­li­tär­ge­richt ge­macht. Ei­ner der An­ge­klag­ten dien­te im Fe­bru­ar 2015 im Ba­tail­lon des tsche­tsche­ni­schen In­nen­mi­nis­te­ri­ums „se­ver“(Nor­den). Al­le An­ge­klag­ten sind Tsche­tsche­nen. In­zwi­schen ist es der 40. Ver­hand­lungs­tag. Die Cau­sa Nem­zow wird in der Öf­fent­lich­keit kaum wahr-

Die mut­maß­li­chen Mör­der ste­hen vor Ge­richt

ge­nom­men. Nur we­ni­ge Be­su­cher sind zu­ge­gen. Die meis­ten Be­ob­ach­ter ge­hen da­von aus, dass die mut­maß­li­chen De­lin­quen­ten die Tat oh­ne­hin nur aus­führ­ten. Hin­ter­män­ner und Auf­trag­ge­ber blei­ben wie so oft im Dun­keln. Vor al­lem, wenn die schwie­ri­gen Be­zie­hun­gen zum tsche­tsche­ni­schen Re­pu­blik­chef Ram­san Ka­dy­row be­trof­fen sind.

Das ist wohl auch der Grund, war­um ei­ner der ver­meint­li­chen Draht­zie­her, Rus­lan Ge­re­me­jew, stell­ver­tre­ten­der Kom­man­deur des Ba­tail­lons „se­ver“, we­der in der An­kla­ge­schrift ge­nannt wird noch als Zeu­ge vor Ge­richt er­schien. Lan­ge zöNacht­schicht ger­te der Rich­ter, den Kom­man­deur vor­zu­la­den. Als er sich da­zu durch­rang, er­schien Ge­re­me­jew nicht. Of­fi­zi­ell ist er zur­zeit flüch­tig, dürf­te in­des in Tsche­tsche­ni­en zu fin­den sein. Nem­zows Fa­mi­lie und Freun­de hal­ten ihn für den Or­ga­ni­sa­tor des Kom­plotts. Die An­ge­klag­ten sit­zen im Mi­li­tär­ge­richt in ei­nem Glas­kas­ten mit zwei Kom­mu­ni­ka­ti­ons­schlit­zen. Aquarium nennt es der Volks­mund. Die üb­li­chen Git­ter­kä­fi­ge hat­te der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof vor kur­zem erst als men­schen­ver­ach­tend ge­brand­markt. Noch ist nicht ab­zu­se­hen, wann das Ge­richt das Ur­teil fällt.

Foto: dpa

FOTOS VON BO­RIS NEM­ZOW er­in­nern auf der Brü­cke di­rekt ge­gen­über dem Kreml an die Er­mor­dung des rus­si­schen Op­po­si­ti­ons­po­li­ti­kers vor zwei Jah­ren.

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