Von über­lan­gen Kra­wat­ten und teu­ren Maß­an­zü­gen

Po­li­ti­ker und die Op­tik: Jah­re­lang war Kanz­le­rin Mer­kels Fri­sur Stoff fürs Ka­ba­rett – jetzt sind die Män­ner dran

Pforzheimer Kurier - - FORUM - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Ca­ro­li­ne Bock

Ber­lin. Mar­tin Schulz wird in die­sen Ta­gen mit ei­ner haa­ri­gen For­de­rung kon­fron­tiert: Der Bart muss ab. „Sie wol­len das Ge­sicht Deutsch­lands wer­den, mit die­sem aus­ge­frans­ten Tep­pich im Ge­sicht. War­um ra­sie­ren Sie sich nicht?“, fragt „Bild“-Ko­lum­nist Franz Jo­sef Wa­gner. Auch der Ber­li­ner Pro­miF­ri­seur Udo Walz ist bei dem SPDKanz­ler­kan­di­da­ten im An­ti-Bart-La­ger. „Weil das jün­ger aus­sieht, ge­pfleg­ter. Das wür­de ihm hel­fen“, sagt Walz.

Jah­re­lang wa­ren An­ge­la Mer­kels Fri­sur und ih­re Mund­win­kel Stoff fürs Ka­ba­rett. Wahr­schein­lich wur­de bei ihr be­son­ders viel auf das Äu­ße­re ge­ach­tet, weil sie die ers­te Frau im Kanz­ler­amt ist. Nach elf Jah­ren mit ihr ist ein Ge­wöh­nungs­ef­fekt ein­ge­tre­ten. Die Deut­schen ken­nen Mer­kel und ih­re Bla­zer. Die Auf­re­gung um ihr tie­fes De­kol­le­té bei ei­nem Opern­be­such ist jetzt schon ein paar Jah­re her. Auch bei den Män­nern wird manch­mal ge­läs­tert. Hel­mut Kohl war die „Bir­ne“mit Strick­ja­cke, Frank-Wal­ter St­ein­mei­er frü­her we­gen sei­ner Bril­le die „Eu­le“. Bei Josch­ka Fi­scher, Sig­mar Ga­b­ri­el und Pe­ter Alt­mai­er wird ge­schaut, ob der An­zug gera­de straff oder lo­cker sitzt. Der FDP-Chef Christian Lindner be­kam von CDU-Ge­ne­ral­se­kre­tär Pe­ter Tau­ber zu hö­ren, er tra­ge über­teu­er­te Maß­an­zü­ge. Ka­na­da hat mit Jus­tin Tru­deau ei­nen so at­trak­ti­ven Pre­mier, dass das In­ter­net an man­chen Ta­gen durch­dreht. Die Grü­nen kön­nen mit ih­rem Schles­wig-Hol­stei­ner Ro­bert Ha­beck punk­ten: „Den Leu­ten fällt na­tür­lich auf, dass Ha­beck gut aus­sieht“, heißt es in der Par­tei. Die SPD kann mit Jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas da­ge­gen­hal­ten. Das Stil-Ma­ga­zin „GQ“kür­te ihn ver­gan­ge­nes Jahr zum be­stan­ge­zo­ge­nen Mann Deutsch­lands. Die Hoff­nung: „Mö­ge sein Bei­spiel im Bun­des­tag Schu­le ma­chen.“

Bei den Män­nern wird das Äu­ße­re jetzt häu­fi­ger zum The­ma, wie der Ber­li­ner Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­ler Joa­chim Treb­be sagt. Bei Be­mer­kun­gen über die Klei­dung von Frau­en sieht Treb­be in­zwi­schen ver­gleichs­wei­se mehr Zu­rück­hal­tung. „Hier gibt es mehr jour­na­lis­ti­sche Sen­si­bi­li­tät und Angst vor dem fe­mi­nis­ti­schen Shits­torm.“„Man guckt bei den Män­nern zwar mehr auf Äu­ßer­lich­kei­ten als frü­her, aber nach wie vor nicht mit der Ge­häs­sig­keit wie bei Frau­en“, sagt der Mo­de-Ex­per­te und Au­tor Bern­hard Roet­zel („Der Gen­tle­man“). Män­nern in der Po­li­tik wer­de pa­ra­do­xer­wei­se an­ge­las­tet, wenn sie zu gut an­ge­zo­gen sei­en. Das sei den Deut­schen ver­däch­tig, sagt Roet­zel. Die­se Ent­wick­lung ha­be 1998 mit Ger­hard Schrö­der, dem „Kasch­mir-Kanz­ler“, be­gon­nen. Die­sem wur­de sei­ne ed­le Gar­de­ro­be an­ge­krei­det. Was Roet­zel als Un­sit­te bei deut­schen Po­li­ti­kern auf­fällt: Die Äl­te­ren tra­gen grund­sätz­lich zu wei­te An­zü­ge, die Jun­gen zu en­ge. „Die Po­li­ti­ker sind in der Re­gel so schlecht an­ge­zo­gen wie ih­re Wäh­ler.“Ei­ne der löb­li­chen Aus­nah­men war für ihn Richard von Weiz­sä­cker, von 1984 bis 1994 deut­sches Staats­ober­haupt. Seit­dem ha­be es kei­nen gut an­ge­zo­ge­nen Bun­des­prä­si­den­ten mehr ge­ge­ben, sagt Roet­zel.

Und Do­nald Trump? Der Düs­sel­dor­fer Kar­ne­vals­wa­gen­bau­er Jac­ques Til­ly nann­te ihn mal ein „Göt­ter­ge­schenk für Ka­ri­ka­tu­ris­ten“. Das In­ter­net und die US-Fern­seh­shows sind vol­ler Wit­ze und Par­odi­en, et­wa von Alec Bald­win. Der neue US-Prä­si­dent ist als Ko­s­tüm leicht nach­zu­ma­chen. Ei­ne blon­de Pe­rü­cke und ei­ne ex­tra lan­ge ro­te Kra­wat­te rei­chen. Roet­zel macht beim all­ge­mei­nen Trump-Läs­tern nicht mit. „Trump wird zu hart kri­ti­siert.“Der Re­pu­bli­ka­ner pflegt dem­nach seit den 80er Jah­ren den New Yor­ker Bu­si­ness-Look, das „Po­wer Dres­sing“. Auch heu­te sei­en die An­zü­ge bei ame­ri­ka­ni­schen Män­nern et­was wei­ter ge­schnit­ten. Trumps Kra­wat­te sei zu lang, ja. Aber we­nigs­tens sei sie mit ei­nem hal­ben Wind­sor-Kno­ten or­dent­lich ge­bun­den. Und Schulz? Der sei „okay“an­ge­zo­gen – bes­ser als Ga­b­ri­el vom Ge­samt­stil her und auch bes­ser als Mer­kel. Bei Schulz’ Gar­de­ro­be sei aber nichts span­nend. Man mer­ke ihm an, dass ihm die Aus­strah­lung re­la­tiv wurscht sei, sagt Roet­zel. „Schulz sieht aus wie ein deut­scher Po­li­ti­ker.“Die Bart-Fra­ge? Die hat be­reits SPD-Frak­ti­ons­chef Tho­mas Op­per­mann be­ant­wor­tet. Er fin­det: Schulz soll­te nicht auf die Bart-Geg­ner hö­ren. „Ich ra­te ab. Er soll­te so blei­ben, wie er ist.“

Fotos: dpa

HEF­TI­GER GE­GEN­WIND: Do­nald Trump stößt nicht nur auf po­li­ti­scher Ebe­ne auf Ge­gen­wehr. Über die ex­tra lan­gen Kra­wat­ten und die spe­zi­el­le Föhn­fri­sur des neu­en US-Prä­si­den­ten wur­de schon viel ge­scherzt.

EI­NE PAR­TEI, ZWEI GE­SICH­TER: SPD-Kanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz setzt auf Bart, Au­ßen­mi­nis­ter Ga­b­ri­el auf glat­te Haut.

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