„Un­er­träg­li­che He­xen­jagd auf den Die­sel“

KIT-Pro­fes­sor Tho­mas Koch sieht spar­sa­me Selbst­zün­der-Mo­to­ren zu Un­recht am Pran­ger

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO -

Karls­ru­he/Stutt­gart. Tho­mas Koch lei­tet das In­sti­tut für Kol­ben­ma­schi­nen am Karls­ru­her In­sti­tut für Tech­no­lo­gie (KIT) und gilt als in­ter­na­tio­na­ler Ex­per­te auf dem Ge­biet der Au­to-Ab­gas­tech­nik. In der ak­tu­el­len De­bat­te um Fe­in­staub und blaue Pla­ket­te, die ges­tern die Deut­sche Um­welt­hil­fe noch zu­sätz­lich mit der For­de­rung nach ei­nem kom­plet­ten Die­sel­ver­bot in der In­nen­stadt be­feu­ert hat, sieht der Pro­fes­sor das spar­sa­me Mo­to­ren­prin­zip zu Un­recht am Pran­ger, wie ge­gen­über BNN-Re­dak­teur Wolf­gang Voigt deut­lich macht.

Die Lan­des­re­gie­rung will die Fe­in­staub­be­las­tung in Stutt­gart da­durch sen­ken, dass nur noch Au­tos fah­ren dür­fen, die der Ab­gas­norm Eu­ro6 ent­spre­chen. Was ist da­von zu hal­ten?

Koch: Hier liegt of­fen­sicht­lich ein gro­ßes Miss­ver­ständ­nis vor. Ein Er­satz von Eu­ro-5-Die­sel­fahr­zeu­gen, die al­le ei­nen Par­ti­kel­fil­ter ha­ben, durch Eu­ro6-Die­sel oder auch rei­ne Elek­tro­fahr­zeu­ge hat kei­nen mess­ba­ren Ein­fluss auf die Fe­in­staub­situa­ti­on.

Wor­in be­steht der we­sent­li­che Un­ter­schied zwi­schen der er­laub­ten Ab­gas­norm Eu­ro6 und der fort­an aus­ge­schlos­se­nen Norm Eu­ro5?

Koch: Die größ­te Her­aus­for­de­rung der Die­sel­ent­wick­lung war die Re­du­zie­rung der Stick­oxi­de. Die im Fo­kus ste­hen­de Kom­po­nen­te NO2 wird, zum Bei­spiel in Stutt­gart am Neckar­tor, noch we­sent­lich vom Die­sel ver­ur­sacht. Das The­ma ist je­doch mit der neu­es­ten, nach ,Eu­ro6d­temp’ zer­ti­fi­zier­ten Fahr­zeug­gene­ra­ti­on ge­löst. Die NO2-Be­las­tun­gen in Stutt­gart sind er­höht, die Si­tua­ti­on ent­spannt sich; von 2015 auf 2016 ist die Stick­oxid­be­las­tung um fast zehn Pro­zent trotz Alt­fahr­zeu­gen ge­sun­ken. Die letz­te Flan­ke des Die­sels ist da­mit ge­schlos­sen. Wir wer­den zu­dem ei­ne schnel­le­re Ver­bes­se­rung be­ob­ach­ten als von Ex­per­ten pro­gnos­ti­ziert. Ein Ver­bot von Eu­ro-5-Fahr­zeu­gen fin­de ich nicht so­zi­al und aus wis­sen­schaft­li­cher Sicht auch un­nö­tig. Sehr wohl se­he ich die rein ver­wal­tungs­tech­ni­schen Rand­be­din­gun­gen, die die Po­li­tik nö­ti­gen. Ich hät­te, wenn über­haupt not­wen­dig, als Kom­pro­miss für ein Ver­bot der äl­te­ren Eu­ro-4-Fahr­zeu­ge plä­diert, von de­nen man­che zu­dem kei­nen Par­ti­kel­fil­ter ha­ben.

Wel­chen An­teil ha­ben über­haupt Ver­bren­nungs­mo­to­ren an der Fe­in­staub­be­las­tung und wel­ches sind an­sons­ten die wich­tigs­ten Fe­in­staub-Emit­ten­ten?

Koch: Heu­te tra­gen die ver­bren­nungs­mo­to­ri­schen Ab­ga­se ins­ge­samt nur zu sechs bis sie­ben Pro­zent zum Fe­in­staub bei­spiels­wei­se in Stutt­gart bei. Sie rüh­ren je­doch im We­sent­li­chen von Al­tQu­el­len. fahr­zeu­gen oh­ne Par­ti­kel­fil­ter her. Die­sel­ab­ga­se von Au­tos mit Par­ti­kel­fil­ter ha­ben ei­ne ge­rin­ge­re Par­ti­kel­kon­zen­tra­ti­on als die Um­ge­bungs­luft. Sie kön­nen den Ka­len­der be­mü­hen: die Fe­in­staub­kon­zen­tra­ti­on steigt in der kal­ten Jah­res­zeit si­gni­fi­kant, ob­wohl et­wa gleich vie­le Fahr­zeu­ge wie im Som­mer fah­ren. Der Hö­he­punkt mit rund 15-fa­cher Grenz­wert­über­schrei­tung ist in­fol­ge des Feu­er­werks an Neu­jahr.

Ver­ur­sa­chen auch rein elek­trisch fah­ren­de Au­tos Fe­in­staub?

Koch: Ja, und zwar mehr als der Die­sel! Zum ei­nen sind die Fahr­zeu­ge bei glei­cher Reich­wei­te deut­lich schwe­rer, und das Fahr­zeug­ge­wicht ist für Fahr­bahn­ab­rieb und so­mit den Fe­in­staub­bei­trag ent­schei­dend. Zum zwei­ten lau­fen Koh­le­kraft­wer­ke bei Fe­in­stau­balarm wei­ter – auch in Stutt­gart – und die elek­tri­sche Ener­gie für die Fahr­zeu­ge kommt eben über­wie­gend aus fos­si­len Wer das ab­strei­tet, lügt sich in die Ta­sche, auch wenn die Elektromobilität na­tür­lich ei­ne sinn­vol­le Er­gän­zung zur heu­ti­gen Flot­te dar­stellt, wie auch ein funk­tio­nie­ren­der Nah­ver­kehr und Fahr­rad­we­ge.

Muss man von ei­ner He­xen­jagd auf den Die­sel spre­chen?

Koch: Es ist ei­ne un­er­träg­li­che He­xen­jagd. Zwei­fel­los sind Feh­ler bei der Die­sel­ent­wick­lung ge­macht wor­den. Je­doch wird die Luft seit zehn bis 15 Jah­ren kon­ti­nu­ier­lich und deut­lich bes­ser. Ei­ne Wan­de­rung im Schwarz­wald im Hoch­som­mer, das Gril­len ei­nes Steaks oder das Nut­zen der S-Bahn be­deu­tet ei­ne hö­he­re Im­mis­si­ons­be­las­tung als ein Auf­ent­halt am Neckar­tor in Stutt­gart. In den Ge­bäu­den ist die Be­las­tung üb­ri­gens deut­lich ge­rin­ger und übe­r­all in Deutsch­land un­ter­halb des Grenz­werts. Die an­geb­li­chen 10 000 To­ten durch Stick­oxid sind zu­dem sta­tis­tisch halt­los. Ich kann nicht ei­nen ein­zi­gen To­ten sta­tis­tisch er­ken­nen, da es gro­be Un­ge­reimt­hei­ten in der ent­spre­chen­den Stu­die der Eu­ro­päi­schen Um­welt­agen­tur (EEA) gibt. Hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand hat man mir ver­si­chert, dass die­se Stu­die zum Ver­gleich der Luft­qua­li­tä­ten ver­schie­de­ner Län­der her­an­ge­zo­gen wer­den kann, nicht zur ab­so­lu­ten Quan­ti­fi­zie­rung der Ster­be­ra­te.

Wie be­ur­tei­len Sie un­term Strich die De­bat­te aus wis­sen­schaft­li­cher Sicht?

Koch: Man­che Um­welt­schutz­ver­bän­de ver­ste­hen es ge­schickt, ei­ne Un­si­cher­heit und Angst zu er­zeu­gen. Dies ver­ur­tei­le ich sehr und se­he hier auch wirt­schaft­li­che In­ter­es­sen und an­de­re Be­weg­grün­de. Lun­gen­ärz­te se­hen kei­nen Zu­sam­men­hang zwi­schen Fe­in­stau­balarm und War­te­zim­mer­be­le­gung. Es ist ei­ne ideo­lo­gi­sche und kei­ne sach­li­che Dis­kus­si­on. Sie ge­fähr­det un­se­ren Wohl­stand. Wer den Die­sel be­kämpft, ver­sün­digt sich an den CO2-An­stren­gun­gen zur Be­kämp­fung des Kli­ma­wan­dels, und das ist die ei­gent­li­che Auf­ga­be un­se­rer Ge­ne­ra­ti­on.

EX­PER­TE: Tho­mas Koch lei­tet am KIT das In­sti­tut für Kol­ben­ma­schi­nen. Der Pro­fes­sor gilt als in­ter­na­tio­na­le Ko­ry­phäe beim The­ma Ab­gas­tech­nik. Foto: KIT

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