Aus vol­ler Brust Die Karls­ru­her Oper ist um ein En­sem­ble rei­cher: der Hän­del-Fest­spiel­chor

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

A star is born! Sei­ne Ge­burts­spra­che ist Eng­lisch, er hat 25 Zun­gen, lei­den­schaft­li­ches Tem­pe­ra­ment und er­zeugt schmel­zen­de Tö­ne. Der neu ge­grün­de­te Hän­del-Fest­spiel­chor ist ein spät ge­bo­re­nes Wunsch­kind. Bis­her sind die In­ter­na­tio­na­len Hän­del­fest­spie­le in Karls­ru­he oh­ne ei­nen ei­ge­nen Chor aus­ge­kom­men. Sind es doch im Ba­rock vor­nehm­lich schil­lern­de Kastra­ten und Di­ven ge­we­sen, die in Re­zi­ta­ti­ven und Ari­en mit oft hals- be­zie­hungs­wei­se stimm­band­bre­che­ri­schen Ko­lo­ra­tu­ren die Stof­fe und Ge­füh­le in Ge­org Fried­rich Hän­dels Opern ver­han­del­ten. Chö­re spiel­ten erst dann ei­ne tra­gen­de Rol­le, als Hän­del be­griff, dass eng­lisch­spra­chi­ge Ora­to­ri­en wie sein „Mes­siah“aus dem Jahr 1742 beim von ita­lie­ni­schen Opern über­sät­tig­ten Lon­do­ner Pu­bli­kum rei­ßen­den Ab­satz fan­den. Der ge­schäfts­tüch­ti­ge Kom­po­nist und Un­ter­neh­mer ka­pri­zier­te sich fort­an auf die­se Gat­tung. So schuf er auch mit „Se­me­le“ei­ne Oper mit dem Hin­weis „in der Art ei­nes Ora­to­ri­ums“. Sie konn­te sze­nisch auf­ge­führt wer­den, aber auch kon­zer­tant und so­mit güns­ti­ger.

Lum­pen las­sen woll­te sich das Ba­di­sche Staats­thea­ter aus­ge­rech­net zu den 40. Hän­del-Fest­spie­len na­tür­lich nicht. Für die Neu­in­sze­nie­rung die­ser ora­to­ri­schen Oper um ei­nen Stoff aus der rö­mi­schen My­tho­lo­gie be­sorg­te das Haus un­ter der Ägi­de des Re­gis­seurs Flo­ris Vis­ser ei­ne auf­wen­di­ge, glei­cher­ma­ßen stil­vol­le wie flot­te Ins­ze­nie­rung mit viel Esprit, Witz, gro­ßem Ge­spür für zwi­schen­mensch­li­che Span­nun­gen und nicht zu­letzt: mit ei­nem Chor, der das Ge­sche­hen ganz an­ders als in Hän­dels Opern kom­men­tiert und so­wohl mu­si­ka­lisch wie auch sze­nisch maß­geb­lich be­feu­ert. Das für die­se Auf­ga­ben frei­lich her­vor­ra­gend ge­eig­ne­te haus­ei­ge­ne En- sem­ble, der Ba­di­sche Staats­opern­chor, hät­te da­für schlicht­weg kei­ne Zeit ge­habt ne­ben dem fort­lau­fen­den Opern­be­trieb und den Vor­be­rei­tun­gen zur Urauf­füh­rung von „Wahn­fried“knapp ei­nen Mo­nat vor den Fest­spie­len. Gleich­wohl war ein pro­fes­sio­nel­ler Chor von­nö­ten, kei­ne kurz­fris­tig zu­sam­men­ge­trom­mel­te Grup­pe: Zehn Chor­num­mern sind in „Se­me­le“vor­ge­se­hen, da­mit ge­hen vie­le sze­ni­sche Pro­ben ein­her.

Ein neu­es „Kind“wur­de da­her be­reits im Som­mer ge­plant: die Grün­dung des Hän­del-Fest­spiel­chors. Das Thea­ter wand­te sich da­für an den Kir­chen­mu­sik­di­rek­tor Cars­ten Wie­busch. Der Kan­tor an der Chris­tus­kir­che Karls­ru­he ist be­kannt für sein fun­dier­tes mu­sik­his­to­ri­sches Wis­sen und man weiß, dass es ihm beim Ein­stu­die­ren grö­ße­rer Chor­und Orches­ter­wer­ke mit den qua­li­ta­tiv be­acht­li­chen Chö­ren sei­nes Kan­to­rats nicht al­lein um Schön­klang geht. Zu­sam­men mit dem Chor­lei­ter des Thea­ters, Ul­rich Wa­gner, mach­te sich Wie­busch auf Su­che nach gu­ten Sän­ge­rin­nen und Sän­gern, die auch dar­stel­le­risch be­gabt sind. „Wir sind plan­voll vor­ge­gan­gen und ha­ben im Som­mer aus­ge­schrie­ben“, be­rich­tet Wie­busch. „Da­durch hat­ten wir aus­rei­chend Zeit.“Aus den Be­wer­bun­gen ha­ben er und Wa­gner 25 Stim­men aus­ge­sucht: un­ge­fähr ein Drit­tel sind Stu­die­ren­de der Mu­sik­hoch­schu­le Karls­ru­he, au­ßer­dem Sän­ger aus dem Ex­tra­chor des Staats­thea­ters, zwei Män­ner­stim­men aus dem Karls­ru­her Chor „Can­tus Ju­venum“so­wie wei­te­re freie Sän­ge­rin­nen und Sän­ger aus Karls­ru­he, Stutt­gart und Frei­burg. Dass al­le stimm­lich her­vor­ra­gend aus­ge­bil­det sind, durf­te das Pu­bli­kum in den bis­her drei Vor­stel­lun­gen der Oper er­le­ben. Eben­so die Tat­sa­che, dass die Teil­neh­mer auch sze­nisch ein­ge­spannt sind. Je­de Per­son hat ih­re ein­zel­ne Rol­le. In fünf mu­si­ka­li­schen Pro­ben be­rei­te­te Wie­busch die Sän­ger auf die sze­ni­schen Pro­ben vor und die Ein­stu­die­rung mit dem mu­si­ka­li­schen Lei­ter der Ins­ze­nie­rung, Chris­to­pher Moulds. Für Wie­busch, der bei Auf­füh­run­gen et­wa von Pas­sio­nen oder Ora­to­ri­en in sei­ner Kir­che stets dar­auf ach­tet, dass sie mit ei­nem Quänt­chen Dra­ma­tik rü­ber­kom­men, war das ei­ne span­nen­de Auf­ga­be. Die „Se­me­le“, sagt Wie­busch, „ist kein ,Mes­si­as‘. Der Chor singt kei­ne lo­cke­ren Ko­lo­ra­tur­chö­re. Es han­delt sich um kur­ze, dra­ma­tisch mar­kan­te Pas­sa­gen“, be­tont er. „Man muss das ganz an­ders ein­stu­die­ren“, so Wie­busch.

Das Er­geb­nis ist fa­mos. Wie sich die Sän­ge­rin­nen und Sän­ger von Sze­ne zu Sze­ne wan­deln und in die je­wei­li­ge Stim­mung hin­ein­ver­set­zen, kommt in der Tat „über die Ram­pe“. Auf die flin­ke und bis ins kleins­te De­tail aus­ta­rier­te Per­so­nen­füh­rung von Flo­ris Vis­ser und sei­nen Ide­en­reich­tum beim Ver­la­gern des my­tho­lo­gi­schen Stof­fes in die Ge­gen­wart tref­fen dar­stel­le­risch be­gab­te Mu­si­ker. So darf man sich nicht nur auf die Wie­der­auf­nah­me der Se­me­le im nächs­ten Jahr freu­en, son­dern auch über den zwei­ten Ein­satz des neu­en Cho­res in der Neu­in­sze­nie­rung von Hän­dels „Al­ci­na“. Dann geht es laut Li­bret­to für den Chor in der Rol­le von Geis­tern hin­ab in die Un­ter­welt. Aber zu­nächst: Will­kom­men in der Welt! Isa­bel Step­peler

Foto: Falk von Trau­ben­berg

EI­NE ROL­LE FÜR JE­DE UND JE­DEN: Im Ora­to­ri­um „Se­me­le“ist je­de Fi­gur im Chor ein­zeln durch­in­sze­niert. Da­für gab es 20 sze­ni­sche Pro­ben.

Foto: Ben­ja­min Cor­tez

STRAH­LEN­DE STIM­MEN: Der neue Hän­del-Fest­spiel­chor wäh­rend der Pro­ben hin­ter der Büh­ne am Ba­di­schen Staats­thea­ter Karls­ru­he.

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