Un­ge­mein ton­schön

Fran­co Fa­gio­li singt Hel­den-Ari­en von Ros­si­ni

Pforzheimer Kurier - - KULTUR - Foto: pr

Der Ti­tel muss nicht ir­ri­tie­ren. Mit Ros­si­ni be­kennt sich Fran­co Fa­gio­li, seit 2006 ge­fei­er­ter Dau­er­gast bei den Hän­del-Fest­spie­len in Karls­ru­he, nach zahl­lo­sen Ba­rock­par­ti­en qua­si zu sei­nen An­fän­gen und sei­ner Aus­bil­dung in Ar­gen­ti­ni­en, wo er sich mit Ros­si­ni und Do­ni­zet­ti be­schäf­tig­te. Aber Fa­gio­li re­kla­miert auf sei­ner ak­tu­el­len CD nicht die ex­trem hoch­lie­gen­den Ten­or­par­ti­en Ros­si­nis für sich, die in den erns­ten Opern meist den Vä­tern zu­fie­len, son­dern die Hel­den, Krie­ger und ju­gend­li­chen Lieb­ha­ber, die über ein jahr­hun­dert lang das an­ge­stamm­te Ter­rain der Kastra­ten wa­ren und die Ros­si­ni den Mez­zo­so­pra­nis­tin­nen und Al­tis­tin­nen zu­teil­te.

Nach­dem die Kastra­ten um 1800 auf der Opern­büh­ne aus­ge­dient hat­ten (be­zie­hungs­wei­se von Na­po­le­on da­von ver­bannt wur­den), tra­ten die Frau­en in ih­re Fuß­stap­fen. Und eben­je­ne Ho­sen­rol­len, die Hel­den in Ros­si­nis Se­ri­aOpern, in­ter­pre­tiert Fa­gio­li – da­bei be­wusst nicht den Ar­sace in dem 1813 an der Mai­län­der Sca­la ur­auf­ge­führ­ten „Au­re­lia­no in Pal­mi­ra“, die ein­zi­ge Par­tie, die Ros­si­ni noch für ei­nen Kastra­ten ge­schrie­ben hat. Statt­des­sen stellt er den im glei­chen Jahr ent­stan­de­nen Tan­credi vor, al­ler­dings nicht mit „Di tan­ti pal­pi­ti“, ei­ner der be­rühm­tes­ten Num­mern des frü­hen 19. Jahr­hun­derts, son­dern mit der al­ter­na­ti­ven, von Ma­ri­lyn Hor­ne re­sti­tu­ier­ten Sze­ne „O so­s­pi­ra­to li­do“, den Si­veno aus Ros­si­nis ers­ter Se­ria „De­me­trio e Po­li­bio“, den Edo­ar­do aus „Ma­til­de di Sha­b­ran“so­wie in meh­re­ren Sze­nen den Ot­to­ne aus „Ade­lai­de di Bor­go­na“; und den Ar­sace aus „Se­mi­ra­mi­de“, letz­ter Hö­he­punkt ei­ner an der ba­ro­cken Zier­kunst des Kastra­ten­zeit­al­ters ori­en­tier­ten vo­ka­len Zier­kunst.

An­de­re sind ihm vor­aus­ge­gan­gen, dar­un­ter Jo­chen Ko­wal­ski, der Nes­tor der deut­schen Coun­ter­ten­ö­re, doch Fa­gio­li singt mit un­ge­mei­ner Ton­schön­heit und Klang­lich­keit, die die Ge­schlech­ter­gren­zen auf­hebt und kaum dar­an den­ken lässt, dass man ei­nem Mann lauscht, ein Ein­druck, der vor al­lem in den he­roi­schen Atta­cken und der ver­blüf­fend rei­chen Tie­fe des Ot­to­ne und Edu­ar­do zu pa­cken­der Wir­kung führt, an der auch die glän­zen­de (im Vor­jahr bei den Hän­delFest­spie­len zu er­le­ben­de) Ar­mo­nia Ate­nea un­ter Ge­or­ge Pe­trou und die zahl­rei­chen So­lo­in­stru­men­ta­lis­ten An­teil ha­ben. Lu­pen­rein die Ko­lo­ra­tu­ren, klar der An­satz, eben­mä­ßig die Mes­sa di vo­ce, das Auf- und Ab­schwel­len der Tö­ne, ge­schmei­dig das nur ge­le­gent­lich et­was top­fi­ge Tim­bre, die Re­gis­ter gut ver­bun­den.

Trotz der Be­seelt­heit sei­nes Sin­gens, et­wa als Ar­sace, kann Fa­gio­lis aus­ge­zeich­ne­te Auf­nah­me sei­ne weib­li­chen Vor­gän­ge­rin­nen und Kon­kur­ren­tin­nen wie Hor­ne, Va­len­ti­ni-Ter­ra­ni, Bar­cel­lo­na und Pod­les al­ler­dings kei­nes­falls ver­ges­sen las­sen. Ni­ko­laus Schmidt

Fran­co Fa­gio­li: Ros­si­ni. Ar­mo­nia Ate­nea un­ter Ge­or­ge Pe­trou. Deut­sche Gram­mo­phon, CD 479 5681. FRAN­CO FA­GIO­LI: zu­rück zu den An­fän­gen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.