Buh­le­r­o­he

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

An die Ba­de­wan­ne, die es nun ne­ben den Du­schen gab und die er sich im­mer ge­wünscht hat­te. An den Duft der Oran­gen­blü­ten, den er so lieb­te. Und vor al­lem an sei­nen Sohn Ben, der sie­ben Mo­na­te nach sei­nem Weg­gang zur Welt ge­kom­men war.

„Die Pres­se über­häuft die­ses jun­ge Trio mit Lob“, schnarr­te Bras­sel ne­ben ihr. „Der Vio­li­nist hat üb­ri­gens beim gro­ßen Adal­bert Schwei­zer ge­lernt. Den ha­be ich vor dem Krieg ein­mal Men­dels­sohn spie­len hö­ren. Un­ver­gess­lich!“

Ro­sa nick­te wie­der und kehr­te in Ge­dan­ken zu dem Ge­spräch mit Nat­han zu­rück. Vom ers­ten Au­gen­blick an war er ihr in Hab­t­acht­stel­lung be­geg­net. Aber hät­te sie an­ders re­agiert, wenn er über­ra­schend in Oma­rim vor ihr ge­stan­den hät­te? Wie hat­ten sie ih­re Lie­be so zu Trüm­mern schla­gen kön­nen? Oder wa­ren es gar nicht sie ge­we­sen, son­dern der ver­fluch­te Lauf der Ge­schich­te, der ih­nen ein ge­mein­sa­mes Le­ben un­mög­lich mach­te?

„Was un­se­re klei­ne Wet­te be­trifft, ha­be ich ein paar Neu­ig­kei­ten“, wech­sel­te Bras­sel das The­ma. Sein Ton wur­de ver­trau­lich. „Noch weiß ich nichts über die Ver­bin­dung zwi­schen Pfis­ter und von Dros­te, da­für et­was mehr zu der von uns we­nig ge­schätz­ten Haus­da­me. Als sie ges­tern Abend das Ho­tel ver­ließ, bin ich ihr ge­folgt und war sehr froh, dass sie lang­sam ging und ihr Weg sie zur Jagd­hüt­te beim Plät­tig führ­te. Viel wei­ter hät­te ich näm­lich mit mei­nem Holz­bein nicht lau­fen kön­nen.“

Ro­sa woll­te nichts mehr hö­ren, sie woll­te kei­nen neu­en Spe­ku­la­tio­nen mehr nach­ge­hen, die wie­der, wie bis­her im­mer, im Sand ver­lau­fen wür­den. Sie woll­te gar nichts mehr hö­ren.

„Nun, die zwei sind ein Paar und wer­den bald hei­ra­ten“, fuhr Bras­sel un­be­irrt fort. „Al­so sie und Pfis­ter. Als Mor­gen­ga­be muss Ma­dame Rei­sacher al­ler­dings ei­ne Fal­sch­aus­sa­ge in die Ehe ein­brin­gen, was ihr, so wie wir sie ken­nen, nicht schwer­fal­len wird.“Er räus­per­te sich, um Ro­sas ma­xi­ma­le Auf­merk­sam­keit zu er­re­gen.

Die An­zei­ge in der Zü­ri­cher Zei­tung, Pfis­ter war doch mit die­ser Schwei­ze­rin ver­lobt, dach­te Ro­sa. Und jetzt soll­te er auch der Haus­da­me die Ehe ver­spro­chen ha­ben. „Sind Sie si­cher?“, frag­te sie. „Aber ja“, be­stä­tig­te Bras­sel. Ro­sa nick­te. Pfis­ter spiel­te auch hier ein dop­pel­tes Spiel. Doch da­von woll­te sie Bras­sel noch nichts er­zäh­len.

„Sie wird der Po­li­zei von ei­nem An­ruf ei­nes ge­wis­sen Nour­ri­di­ne be­rich­ten. Und hier kom­men Sie ins Spiel, lie­be Frau Gold­berg. Er soll näm­lich Sie an­ge­ru­fen ha­ben.“Bras­sel hielt kurz in­ne und tupf­te sich ver­hoh­len die Stirn ab, be­vor er sich zu ihr her­über­beug­te und mit noch lei­se­rer Stim­me, da­für um­so ein­dring­li­cher sag­te: „Nach die­sem zu­fäl­lig be­lausch­ten Ge­spräch muss ich Sie vor Pfis­ter war­nen. Er will Ih­nen Bö­ses. Sie ge­fähr­den sei­nen Auf­trag, das hat er wort­wört­lich ge­sagt. Er sprach nicht da­von, um was für ei­nen Auf­trag es sich han­delt, aber das wis­sen mög­li­cher­wei­se Sie.“Ro­sa hat­te kei­ne Ah­nung, was Pfis­ter ge­meint ha­ben könn­te. Er hat­te sie we­der be­merkt, als sie Nour­ri­di­ne zum Schwimm­bad folg­te, noch wuss­te er, dass sie sein Ge­spräch mit Frey und Fritsch be­lauscht hat­te. Oder hat­te et­wa Ag­nes doch ge­plau­dert? Schon wie­der dreh­te sich in ih­rem Kopf die­ses end­lo­se Fra­gen­ka­rus­sell, das sie so satt­hat­te.

Bras­sel räus­per­te sich um­ständ­lich, ent­schlos­sen, sich durch ihr merk­wür­di­ges Ver­hal­ten nicht ir­ri­tie­ren zu las­sen.

„Es steht mir nicht zu, mich in Ih­re An­ge­le­gen­hei­ten zu mi­schen, aber ich möch­te der Toch­ter von Adam Sil­ber­mann mei­ne be­schei­de­ne Hil­fe an­bie­ten.“

Der Na­me des Va­ters ein Stich in die Brust, Ro­sa mit ei­nem Schlag wie­der hell­hö­rig. „Wo­her wis­sen Sie …?“

„Der al­te Le­pold ist ein nie ver­sie­gen­der Qu­ell an In­for­ma­tio­nen. Wir plau­dern oft mit­ein­an­der, müs­sen Sie wis­sen. Ich ha­be ihn ge­fragt, ob er Sie kennt. So ha­be ich er­fah­ren, dass Sie ei­ne ge­bo­re­ne Sil­ber­mann sind. Ich ha­be Ih­ren Va­ter sehr ge­schätzt, mensch­lich und be­ruf­lich. Im­mer wenn er in Frank­furt oder ich in Köln zu tun hat­te, ha­ben wir uns auf ei­nen Co­gnac und ei­ne gu­te Zi­gar­re ge­trof­fen. Ent­we­der im Dom Ho­tel oder im Frank­fur­ter Hof. Ich weiß, dass er 1934 über­ra­schend ge­stor­ben ist. Bruck­ner hat sei­ne Kanz­lei über­nom­men und führt sie mei­nes Wis­sens im­mer noch.“Wie­der kam das Ta­schen­tuch zum Ein­satz. „Nach Ih­rer Fa­mi­lie wa­ge ich kaum zu fra­gen.“

„Mei­ne Schwes­ter und ich sind die ein­zi­gen Über­le­ben­den“, kürz­te Ro­sa die Ant­wort ab.

„Es ist ei­ne Schan­de, was mit den Ju­den ge­sche­hen ist.“Er sag­te den Satz so laut, dass sich der Ta­xi­fah­rer über­rascht um­dreh­te. „Ich schä­me mich für mein Land und vor al­lem für mei­ne Zunft. Sie wis­sen, wie vie­le jü­di­sche Ju­ris­ten es gab. Wir ha­ben es zu­ge­las­sen, dass un­se­re Kol­le­gen aus ih­ren Äm­tern und Po­si­tio­nen ent­fernt wur­den. Wir als Ver­tre­ter des Rechts ha­ben die­ses Un­recht ge­sche­hen las­sen. Und wenn ich se­he, wie vie­le Em­por­kömm­lin­ge aus die­ser Zeit noch in Amt und Wür­den sind, steigt mir die Gal­le hoch. Ich fürch­te aber, es wird noch lan­ge dau­ern, bis der un­se­li­ge Geist des Tau­send­jäh­ri­gen Rei­ches nicht mehr durch deut­sche Ge­rich­te weht.“

Si­cker­wald

Die Wal­burg, die konnt das! Sich auf ei­nen Baum­stamm ho­cken und stun­den­lang auf ein Am­sel­nest oder den Pan­zer ei­nes Hirsch­kä­fers stie­ren, als gäb’s nichts Wich­ti­ge­res auf der Welt. Für die Wal­burg war das wie Me­di­zin, die konn­te über­haupt nicht ver­ste­hen, dass das für an­de­re nicht so war. Für sie, Ag­nes, war das näm­lich gar nichts, sie mach­te das Rum­ho­cken ver­rückt, aber ge­nau da­zu hat­te die Wal­burg sie ver­don­nert. „Du rührst dich nicht vom Fleck, bis ich wie­der da bin!“

Ag­nes hat­te schon die Blech­kan­ne, in der Wal­burg den Tee koch­te, und die zwei Be­cher in dem klei­nen Bach ne­ben ih­rer Höh­le ge­wa­schen, die Schlaf­de­cke zum Lüf­ten über ei­nen Baum ge­hängt, neu­es Brenn­holz ge­sam­melt, Pfif­fer­lin­ge zum Trocknen auf­ge­fä­delt, Hei­del­bee­ren ge­pflückt und ge­ges­sen, aber jetzt gab es ein­fach nichts mehr zu tun. An­geln könnt sie noch. Aber ih­re Händ wa­ren nicht da­für ge­baut, die Fo­rel­len vom Ha­ken zu neh­men und tot­zu­schla­gen. Die Wal­burg konnt das im Schlaf.

Wie lang war die Schwes­ter jetzt weg? Ag­nes blin­zel­te durch das Blät­ter­dach in den Him­mel. Die Son­ne stand noch recht im Os­ten. Ei­ne St­un­de viel­leicht, län­ger nicht. Wal­burg hat­te ge­meint, ge­gen Mit­tag wär sie wie­der da. Ei­ne Ewig­keit! Schla­fen könnt sie noch. Mit Schlaf war in der Nacht nicht viel ge­we­sen. Aber dem Schlaf trau­te Ag­nes nicht. Der war ein Ge­vat­ter von Lu­zi­fer und Beel­ze­bub, der schick­te ei­nem Dä­mo­nen oder zeig­te ei­nem Sa­chen, die man nicht se­hen woll­te. Den Frey mit sei­nem Ge­wehr oder das fal­sche Lä­cheln von Mon­sieur Pfis­ter. Die zwei durft sie nim­mer in ih­ren Kopf las­sen. Sonst würd der noch zu­sam­men­schrum­peln wie ein Hut­zel­lai­b­le. Nim­mer­mehr könnt sie dann ei­nen ei­ge­nen Ge­dan­ken fas­sen. Jes­ses, in was für ei­ne Sach war sie da bloß rein­ge­ra­ten? Sie hätt nicht so wund­er­fit­zig sein dür­fen, nach­dem sie die zwei ent­deckt hat­te. Wär sie doch bloß so­fort zu­rück­ge­lau­fen und hätt dem Hart­mann und den Män­nern ge­sagt, dass der Pfis­ter mit dem Frey im Wald war. Dann wär das al­les gar nicht pas­siert. Und jetzt? Und jetzt? Dar­auf ver­trau­en sollt sie, dass die Ro­sa Gold­berg so schlau war, wie sie hoff­ten.

Sie setz­te sich doch auf den Baum­stumpf. Die Füß ta­ten ihr noch weh, der Arm auch. Fort­set­zung folgt

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