Zer­stör­te Städ­te als Mahn­mal

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM -

Zum Jah­res­tag der Pforz­hei­mer Zer­stö­rung: Ha­ben wir ge­lernt, wann im­mer nö­tig, laut und ver­nehm­lich Nein zu sa­gen, zu ge­schür­tem Miss­trau­en, Aus­schluss und Ver­fol­gung? Nicht nur für die Ver­gan­gen­heit, son­dern auch heu­te, wann im­mer wir Zeu­gen und Be­tei­lig­te sind? Am 23. Fe­bru­ar stellt sich mir die­se Fra­ge mit be­son­de­rem Nach­druck.

An vie­len Stel­len häu­fen sich heu­te an­ti­de­mo­kra­ti­sche Ten­den­zen. Nicht im­mer wer­den kri­ti­sche Stim­men ge­hört, oder sie wer­den mund­tot ge­macht. Zer­stör­te Städ­te gibt es auch jetzt, aber ob wir von ih­nen wis­sen hängt von vie­lem ab. Wer hat von Ciz­re und Diyarba­k­ir/ Sur ge­hört? Wie­so fand die­ser Zer­stö­rungs­feld­zug von Er­do­gan und sei­ner Cli­que ge­gen gan­ze Städ­te und ih­re Be­woh­ner hier­zu­lan­de so we­nig Wi­der­hall? Par­al­lel da­zu wer­den von den neu­en rech­ten Strö­mun­gen hier­zu­lan­de (kri­ti­sche) Me­di­en ver­teu­felt und ge­gen­ein­an­der auf­wie­geln­de Be­dro­hungs­sze­na­ri­en ent­wor­fen und ver­brei­tet.

Kri­ti­sche Stim­men und Me­di­en sind grund­le­gend für ei­ne de­mo­kra­ti­sche Ge­sell­schaft. Um nicht ma­ni­pu­liert zu wer­den und freie Ent­schei­dun­gen tref­fen zu kön­nen, be­darf es Über­prü­fun­gen und Ge­gen­stim­men. Oh­ne freie und kri­ti­sche Mei­nungs­äu­ße­rung sind wir rei­ner Will­kür aus­ge­setzt. Für die ge­sell­schaft­li­che Wil­lens­bil­dung, die Auf­klä­rung von Un­ge­rech­tig­kei­ten und den Schutz ge­gen Ver­fol­gung sind freie, kri­ti­sche und un­ab­hän­gi­ge Me­di­en un­er­läss­lich. Als Bei­spiel möch­te ich hier die kürz­lich ge­gen vie­le Wi­der­stän­de ins Le­ben ge­ru­fe­ne (Exil) Nach­rich­ten­platt­form #ÖZGÜRÜZ (“Wir sind frei”) nen­nen; sie kann in die­ser Hin­sicht für vie­le Men­schen in der Tür­kei und in Deutsch­land ei­nen Licht­blick dar­stel­len.

In we­ni­gen Wo­chen gibt es ein Re­fe­ren­dum, bei dem auch vie­le tür­ki­sche Pforz­hei­mer wer­den ent­schei­den müs­sen, ob sie Ja oder Nein sa­gen. Lie­be Pforz­hei­mer mit tür­ki­schem Pass, die ihr bald die Wahl habt: Ich bit­te euch, sagt nein zur Auf­he­bung der Ge­wal­ten­tei­lung; sie macht Re­gie­rungs­dar­stel­lun­gen und Han­deln un­über­prüf­bar, sie be­deu­tet wei­te­re Ver­fol­gung von kri­ti­schen Stim­men und ei­nen un­ein­ge­schränk­ten Ein­griff in Frei­hei­ten, auch in eu­re. Vie­le von euch wis­sen selbst zu gut um die zer­stör­ten Städ­te und die Ver­fol­gung von Sei­ten ei­nes Staa­tes, der euch nicht wohl­ge­son­nen ist; ob es der ist, dem ihr of­fi­zi­ell an­ge­hört oder der in dem ihr lebt. Wisst, dass vie­le Men­schen im Her­zen und – wenn auch nicht oft ge­nug – auf den Stra­ßen bei euch sind. Lie­be Pforz­hei­mer – Ur­al­t­ein­ge­ses­se­ne, Zu­ge­zo­ge­ne, Durch­zie­hen­de: Wir wis­sen was pas­sie­ren kann wenn wir uns an­hand von Na­tio­na­li­tät, Her­kunft oder Re­li­gi­on ge­gen­ein­an­der aus­spie­len las­sen. Nie­mand geht oh­ne Lei­den aus so ei­ner Ge­schich­te her­vor; ich hof­fe, dass wir dar­aus ge­lernt ha­ben.

Wir soll­ten uns ge­gen das ge­schür­te Miss­trau­en weh­ren, das uns durch Na­tio­na­lis­mus von­ein­an­der zu tren­nen sucht; egal ob der Na­tio­na­lis­mus ein is­la­mis­ti­scher oder an­ti­mus­li­misch ras­sis­ti­scher ist. Das Ge­den­ken an zer­stör­te Städ­te kann uns da­für ein Mahn­mal sein. Men­schen, die ein­an­der mit Wür­de und Re­spekt be­geg­nen, wer­den sich nichts ein­re­den und sich nicht ge­gen­ein­an­der aus­spie­len las­sen. Es braucht Stim­men, die Un­ge­rech­tig­keit und Ver­fol­gung be­nen­nen; es braucht auch Stim­men, die von der Hoff­nung auf Ver­trau­en über ge­zo­ge­ne Gren­zen hin­weg spre­chen. Die­se Stim­men müs­sen ge­hört wer­den, die­sen Stim­men soll­ten wir Ge­hör schen­ken und für sie ein­tre­ten. Lau­ra Ma­ria Kühn Pforz­heim

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