Kämp­fer für die Men­schen­rech­te

Har­ry Bel­a­fon­te wird 90

Pforzheimer Kurier - - LÄNDER UND LEUTE - UNER­MÜD­LICH: Har­ry Bel­a­fon­te hat am 1. März Ge­burts­tag.

Har­ry Bel­a­fon­te wird am 1. März 90 Jah­re alt. Ob­wohl der New Yor­ker Sän­ger, Schau­spie­ler und Bür­ger­recht­ler in bit­ter­ar­me Ver­hält­nis­se hin­ein­ge­bo­ren wur­de, ge­lang ihm ei­ne un­ver­gleich­li­che Kar­rie­re.

„Mir ist be­wusst, dass wir heu­te in ei­ner Welt le­ben, die über­quillt vor Grau­sam­keit und Zer­stö­rung. Un­se­re Er­de fällt aus­ein­an­der, un­ser Geist stumpft ab, un­se­re mo­ra­li­schen Zie­le und un­se­re schöp­fe­ri­schen Vi­sio­nen kom­men uns ab­han­den. Und doch glau­be ich fest dar­an, dass un­se­re bes­te Zeit noch vor uns liegt“.

Als Har­ry Bel­a­fon­te in sei­ner Au­to­bio­gra­fie „My Song“die­ses glei­cher­ma­ßen pes­si­mis­ti­sche wie op­ti­mis­ti­sche State­ment schrieb, gab es we­der den Bür­ger­krieg in Sy­ri­en noch ei­nen US-Prä­si­den­ten na­mens Do­nald Trump. Heu­te, sechs Jah­re spä­ter, sagt der fast 90-Jäh­ri­ge: „Die­ser letz­te Ab­schnitt mei­nes Le­bens fas­zi­niert mich. Ich ha­be das Ge­fühl, als blick­te ich von au­ßen auf mich selbst, auf mei­ne ei­ge­ne Ge­schich­te. Und ich ha­be nicht die ge­rings­te Ah­nung, was auf der nächs­ten Sei­te ste­hen wird.“

Ha­rold Ge­or­ge Bel­an­fan­ti, jr. er­blick­te am 1. März 1927 im New Yor­ker Stadt­teil Har­lem das Licht der Welt. Auf­ge­wach­sen ist der Sohn ei­nes Ma­tro­sen aus Mar­ti­ni­que und ei­ner Hilfs­ar­bei­te­rin aus Ja­mai­ka al­ler­dings im Hei­mat­land der Mut­ter in ei­nem Schwarz­ein­get­to. Zu­rück in New York wur­de er vom Thea­ter­vi­rus in­fi­ziert durch sei­nen schau­spie­len­den Freund Paul Ro­be­son und den deut­schen Re­gis­seur Er­win Pis­ca­tor. Auf ein­mal stand Be- ge­mein­sam mit Sid­ney Poi­ter auf ei­ner Büh­ne. 1954 spiel­te er un­ter der Re­gie des Ös­ter­rei­chers Ot­to Pre­min­ger sei­ne ers­te Ki­no-Haupt­rol­le in der OpernVer­fil­mung „Car­men Jo­nes“. 1957 lan­de­te er mit sei­ner Ver­si­on des ja­mai­ka­ni­schen Ca­lyp­so-Volks­lieds „Bana­na Boat Song (Day-O)“ei­nen Welt­hit. Ähn­li­che Er­fol­ge be­scher­ten ihm „Ma­til­da“und „Is­land In The Sun“. Auf­grund sei­ner wach­sen­den Po­pu­la­ri­tät in den USA be­kam das All­roun­dta­lent so­gar ei­ne ei­ge­ne Fern­seh­show („To­night with Bel­a­fon­te“). Da­für wur­de ihm – als ers­tem Schwar­zen – 1960 ein Em­my ver­lie­hen.

Har­ry Bel­a­fon­te dreh­te in sei­ner bei­spiel­lo­sen Kar­rie­re dut­zen­de Fil­me in Hol­ly­wood. Er spiel­te un­zäh­li­ge Kon­zer­te auf der gan­zen Welt und ver­kauf­te Mil­lio­nen Plat­ten. 1985 in­iti­ier­te er das Be­ne­fi­zBand­pro­jekt „USA for Af­ri­ca“. Da­für wur­de er mit ei­nem Gram­my aus­ge­zeich­net. 2013 grün­de­te der Os­car-Preis­trä­ger die Platt­form San­ko­fa.org. Dar­auf spre­chen sich ein­fluss­rei­che Künst­ler ge­gen Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen aus. Seit 2008 ist der vier­fa­che Va­ter in drit­ter Ehe mit Pa­me­la Frank ver­hei­ra­tet und lebt mit ihr in ei­nem 21-Zim­mer-Apart­ment in Man­hat­tan.

Wür­de er rück­bli­ckend ir­gend­et­was an sei­nem Le­ben än­dern wol­len? „Ja“, sagt er und lacht. „Ich hät­te mei­ne letz­te Frau zu­erst ge­hei­ra­tet! Ich ha­be schon sehr früh ge­lernt, dass mei­ne per­sön­li­che Her­aus­for­de­rung da­rin be­stand, ein Le­ben oh­ne Mög­lich­kei­ten ins Ge­gen­teil zu dre­hen. Denn ich wur­de in Ar­mut hin­ein­ge­bo­ren. Ich woll­te da raus, ich woll­te im­mer ein er­folg­rei­ches Le­ben. Aber ich to­le­rie­re kei­ne Un­ge­rech­tig­kei­ten. Das ist prak­tisch in mei­ner DNA ver­an­kert. Wenn man mit of­fe­nen Au­gen durch die Welt geht, ist es un­mög­lich, ru­hig zu blei­ben. Das wa­ren die Vor­aus­set­zun­gen, dass ich in mei­nem Le­ben Leu­te wie Dr. Mar­tin Lu­ther King, Nel­son Man­de­la, Ma­dame Roo­se­velt, Mar­lon Bran­do und Rod Stei­ger be­geg­net bin. An all die­sen Er­fah­run­gen wür­de ich nichts än­dern wol­len.“

Dr. Mar­tin Lu­ther King über­zeug­te ihn schon früh da­von, wie wich­tig es sei, als Schwar­zer ge­gen das von Wei­ßen do­mi­nier­te Sys­tem zu kämp­fen. Der furcht­lo­se Bap­tis­ten­pas­tor, Bür­ger­recht­ler und Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger lehr­te ihn, so­gar den ei­ge­nen Tod in Kauf zu neh­men. King wur­de 1968 tat­säch­lich bei ei­nem At­ten­tat in Mem­phis er­schos­sen. Bel­a­fon­te ist fest da­von über­zeugt, dass man es da­mals auch auf ihn ab­ge­se­hen hat­te. Aber mit die­sem Ge­dan­ken hat­te er sich ab­ge­fun­den. Für ihn er­gab es ein­fach kei­nen Sinn, den gan­zen Tag lang dar­auf zu war­ten, dass et­was pas­siert – oder nicht pas­siert.

Mar­tin Lu­ther Kings Ver­hält­nis zu John F. Ken­ne­dy, ei­ner an­de­ren ame­ri­ka­ni­schen Po­lit-Iko­ne des 20. Jahr­hun­derts, war be­kannt­lich kom­pli­ziert. Dass aber über­haupt ein Aus­tausch zwi­schen dem schwar­zen Bür­ger­recht­ler und dem wei­ßen Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten statt­fand, da­für hat­te Har­ry Bel­a­fon­te ge­sorgt. „Ich woll­te Ken­ne­dy auf kei­nen Falls als bil­li­ger Stim­men­fän­ger die­nen. Ich sag­te zu ihm: Wenn Sie ei­ne Richt­li­nie hin­sicht­lich der Bür­ger­rech­te für Schwar­ze er­ar­bei­ten und un­se­re Be­we­gung wirk­lich ver­ste­hen, dann wüss­te ich ei­ne Per­sön­lich­keit, die Sie gern un­ter­stützt. Und so nann­te ich ihm Mar­tin Lu­ther King. Ken­ne­dy hat­te die­sen Na­men zwar mal ge­hört, wuss­te aber nicht, wer Dr. King ei­gent­lich war. Ich glau­be, er hat­te kei­ne gu­ten Be­ra­ter. Mit der Zeit ge­lang es uns, den De­mo­kra­ten ein um­fas­sen­des Bild un­se­rer Be­we­gung zu ver­mit­teln. Spä­ter traf ich auch die Prä­si­den­ten John­son, Car­ter und Cl­in­ton“. Von Ba­rack Oba­ma war er ent­täuscht. Weil er sich nie ge­gen die Aus­beu­tung der Ar­men aus­ge­spro­chen ha­be.

Do­nald Trump, des­sen Re­gie­rung Bel­a­fon­te als „Vier­tes Reich“be­zeich­ne­te, sieht er als Fort­füh­rung der Ge­schich­te. Trotz ih­rer To­le­ranz und Groß­zü­gig­keit ha­be die ame­ri­ka­ni­sche Na­ti­on auch ei­ne ne­ga­ti­ve Kom­po­nen­te. Und an die­se Wer­te er­in­ne­re ihn der Prä­si­dent Trump.

Har­ry Bel­a­fon­te be­zeich­net sich rück­bli­ckend nicht als ei­nen Künst­ler, der Ak­ti­vist ge­wor­den war. Son­dern als ei­nen Ak­ti­vis­ten, der Künst­ler ge­wor­den war. In sei­nen Au­gen ha­ben Künst­ler un­vor­stell­ba­re Macht. Be­deu­ten­der als die Macht ist für Bel­a­fon­te je­doch die Tats­al­a­fon­te che, dass „Künst­ler die Pfört­ner am Tor zur Wahr­heit sind. Ih­re ei­gent­li­che Mis­si­on ist, die Wahr­heit auf­zu­zei­gen und Men­schen emo­tio­nal zu be­rüh­ren.“Im Zu­ge sei­ner Ar­beit hat Bel­a­fon­te fest­ge­stellt, wie we­nig die wei­ßen Ame­ri­ka­ner über die schwar­zen wuss­ten und um­ge­kehrt. Um dem ab­zu­hel­fen, brach­te er 2002 die CD-Box „The Long Road To Free­dom: An Antho­lo­gy Of Black Mu­sic“her­aus – mit Lie­dern, die den lan­gen Weg in die Frei­heit je­ner Ame­ri­ka­ner nach­voll­zie­hen, die einst als Skla­ven aus Afri­ka ge­kom­men wa­ren. „Ich ha­be in der Welt der Pop-Mu­sik an­ge­fan­gen, aber sie war mir auf Dau­er zu ober­fläch­lich. Ich woll­te tie­fer ein­tau­chen und der Öf­fent­lich­keit auch die ver­bor­ge­ne Fol­kMu­sik Ame­ri­kas prä­sen­tie­ren. Mein ‚Bana­na Boat Song‘ ist ein Lied über Men­schen und ei­ne be­stimm­te Kul­tur. Als klei­ner Jun­ge ha­be ich in Ja­mai­ka be­ob­ach­tet, wie schwar­ze ka­ri­bi­sche Ar­bei­ter Boo­te mit Ba­na­nen be­lu­den. Und da­bei san­gen sie sol­che Lie­der. Das vor­herr­schen­de Kli­schee un­ter Wei­ßen war, dass Schwar­ze glück­lich und fröh­lich in ih­rer Ar­mut wa­ren. Die­ses Bild woll­te ich kor­ri­gie­ren und ein­mal die Wahr­heit er­zäh­len. Leu­te wie Woo­dy Gu­thrie und Le­ad­bel­ly ta­ten das üb­ri­gens auch.“

Und wie kam Har­ry Bel­a­fon­te ur­sprüng­lich nach Deutsch­land, wo er dann im­mer wie­der bei Frie­dens­de­mons­tra­tio­nen auf­ge­tre­ten ist? 1957 soll­te der Su­per­star aus Ame­ri­ka in Ber­lin ein Kon­zert ge­ben. Aber er hass­te die Vor­stel­lung, nach Deutsch­land zu kom­men. Im Krieg war er in der Na­vy ge­we­sen, sei­nem Band­lea­der hat­ten die Na­zis so­gar ei­nen Arm weg­ge­schos­sen – und nur we­ni­ge Jah­re da­nach soll­te er plötz­lich in Deutsch­land auf­tre­ten. Die­sen Ter­min woll­te Bel­a­fon­te ei­gent­lich aus sei­nem Ka­len­der strei­chen. „Der Boss von RCA Ös­ter­reich – ein Ju­de üb­ri­gens – rief mich dar­auf­hin an und mein­te, ich wür­de ei­nen Feh­ler be­ge­hen“, er­in­nert er sich. „Ers­tens sei Deutsch­land ein wich­ti­ger Markt für ei­nen Sän­ger wie mich. Zwei­tens müss­te Deutsch­land sich in ei­ne neue Rich­tung be­we­gen, weg von sei­ner un­rühm­li­chen Ver­gan­gen­heit. Er sag­te, Künst­ler könn­ten da­bei hel­fen, die Welt­sicht der jun­gen Deut­schen zu prä­gen. Ich soll­te doch hin­ge­hen und ih­nen mei­ne schwar­zen und ka­ri­bi­schen Wur­zeln prä­sen­tie­ren. Wir ha­ben lan­ge dar­über de­bat­tiert. Am En­de wil­lig­te ich ein, in Ber­lin im Ti­ta­nia-Pa­last auf­zu­tre­ten.“Der Rest ist Ge­schich­te. Olaf Ne­u­mann

IM­MER EIN LÄ­CHELN FÜR DIE MEN­SCHEN: der Sän­ger mit sei­ner Ehe­frau Pa­me­la. Fotos: dpa, Pa­me­la Bel­a­fon­te

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