Mit dem Skal­pell ge­gen Hohn und Spott

Ab­ste­hen­de Oh­ren las­sen sich ope­ra­tiv an­le­gen

Pforzheimer Kurier - - MENSCH UND MEDIZIN -

Man hört nicht schlech­ter mit ab­ste­hen­den Oh­ren, sie ver­ur­sa­chen auch kei­ne Schmer­zen, aber gera­de Kin­der lei­den oft un­ter dem Spott, den sie mit ih­ren Se­gel­oh­ren auf sich zie­hen. Im Ex­trem­fall kann das bei den Be­trof­fe­nen Min­der­wer­tig­keits­kom­ple­xe oder De­pres­sio­nen aus­lö­sen. Das wol­len El­tern ih­rem Nach­wuchs meist er­spa­ren, in­dem sie mög­lichst noch vor der Ein­schu­lung die ab­ste­hen­den Oh­ren chir­ur­gisch kor­ri­gie­ren las­sen. Grund­sätz­lich ist ei­ne sol­che Ope­ra­ti­on auch im Er­wach­se­nen­al­ter mög­lich. Oh­ne Ri­si­ken ist sie aber nicht.

„Die ab­ste­hen­de Ohr­mu­schel zählt zu den häu­figs­ten Oh­ren­fehl­bil­dun­gen“, sagt Andreas Nau­mann von der Ge­sell­schaft für Hals-Na­senOh­ren­heil­kun­de, Kopf- und Hal­sChir­ur­gie. Et­wa ein Neu­ge­bo­re­nes pro 2 000 Ge­bur­ten kommt nach sei­nen An­ga­ben mit ab­ste­hen­den Ohr­mu­scheln zur Welt. War­um die­se Fehl­bil­dung über­haupt auf­tritt, ist noch nicht ganz er­forscht. Sie kann ver­erbt wer­den. In der me­di­zi­ni­schen Fach­welt wer­den auch Fak­to­ren wie Rau­chen, die Ein­nah­me von Schlaf­mit­teln oder ver­mehr­te Rönt­gen­be­strah­lung wäh­rend der Schwan­ger­schaft als mög­li­che Ur­sa­chen dis­ku­tiert.

„Idea­ler­wei­se er­folgt der Ein­griff bei Kin­dern zwi­schen dem fünf­ten und zehn­ten Le­bens­jahr“, sagt Nau­mann. Vor dem fünf­ten Le­bens­jahr sind die Oh­ren noch nicht voll­stän­dig aus­ge­wach­sen. „Die Er­war­tungs­hal­tung vor al­lem sei­tens der El­tern ist gi­gan­tisch“, sagt der Fach­arzt. Er hält es für wich­tig, schon beim ers­ten Ter­min mit dem Pa­ti­en­ten dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Ab­stand zwi­schen Oh­ren und Kopf oft nur ver­rin­gert wer­den kann. „Ob mit der OP al­le Er­war­tun­gen der El­tern oder des Pa­ti­en­ten be­frie­digt wer­den, ist nicht si­cher vor­her­zu­sa­gen“, sagt Nau­mann.

Wich­tig ist aber nicht nur der Wil­len der El­tern. „Auch das Kind selbst muss mit der Ope­ra­ti­on ein­ver­stan­den sein und den Ein­griff so­wie die mög­li­chen Ri­si­ken ver­ste­hen“, er­klärt Nau­mann. Ent­schei­det sich die Fa­mi­lie für den Ein­griff, steht als ers­tes ei­ne ge­naue Ana­ly­se des Pro­blems an. Ein Hals-Na­sen-Oh­ren­arzt ana­ly­siert un­ter an­de­rem die Knor­pel­stei­fig­keit und Knor­pel­di­cke. Auch da­von hängt die Wahl des Ope­ra­ti­ons­ver­fah­rens ab. „Bei Kin­dern im Al­ter bis zu zehn Jah­ren fin­det man häu­fig noch ei­nen wei­chen, elas­ti­schen be­zie­hungs­wei­se leicht ver­form­ba­ren Ohrk­nor­pel“, er­klärt Nau­mann.

In der Re­gel läuft das Oh­ren an­le­gen bei Kin­dern so: Mit ei­nem Schnitt hin­ter dem Ohr ge­langt der Arzt zum Ohrk­nor­pel und dünnt ihn mit­hil­fe ei­nes chir­ur­gi­schen In­stru­ments aus. An­schlie­ßend wird das Ohr in die ge­wünsch­te Po­si­ti­on ge­bracht und der Knor­pel mit durch­sich­ti­gen Näh­ten fi­xiert. Da­nach ver­näht der Arzt die Haut­stel­le.

„Bei Er­wach­se­nen hat der Ohrk­nor­pel häu­fig ei­ne fes­te­re Kon­sis­tenz“, sagt Nau­mann. Dann kann ei­ne Kom­bi­na­ti­on von Schnitt-, Ritz- und Naht­tech­ni­ken er­for­der­lich sein. Kin­der wer­den un­ter Voll­nar­ko­se ope­riert und blei­ben da­nach ei­ni­ge Zeit im Kran­ken­haus. Bei Er­wach­se­nen wird die Ope­ra­ti­on auch am­bu­lant vor­ge­nom­men.

Nach dem Ein­griff müs­sen Pa­ti­en­ten et­wa ei­ne Wo­che lang ei­nen Ver­band tra­gen, da­nach für wei­te­re vier bis sechs Wo­chen zu­min­dest nachts ein Stirn­band. „So soll ein ver­se­hent­li­ches Um­kni­cken der Ohr­mu­scheln ver­hin­dert wer­den“, er­klärt Nau­mann. Auch man­che Sport­ar­ten sind des­halb vor­läu­fig ta­bu. Bei der Su­che nach ei­nem ge­eig­ne­ten Arzt in der Nä­he soll­te man dar­auf ach­ten, dass er über ge­nü­gend Er­fah­run­gen ver­fügt und auch über OP-Ri­si­ken auf­klärt, rät Me­di­zi­ne­rin Na­dez­da Pam­pal­o­va von der Un­ab­hän­gi­gen Pa­ti­en­ten­be­ra­tung Deutsch­land (UPD). Da­zu ge­hö­ren et­wa Blut­er­güs­se, Nar­ben oder In­fek­tio­nen. Mög­lich ist auch, dass das Fa­den­ma­te­ri­al vom Kör­per ab­ge­sto­ßen wird – die Oh­ren kön­nen dann wie­der ab­ste­hen.

Die Kos­ten der Ope­ra­ti­on hän­gen von der Art des Ein­griffs ab und kön­nen nach Nau­manns An­ga­ben bei meh­re­ren tau­send Eu­ro lie­gen. Ob die ge­setz­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung für den Ein­griff auf­kommt, hängt vom Ein­zel­fall ab. „Die Kran­ken­kas­se wird da­bei prü­fen, ob es sich um ein me­di­zi­ni­sches oder äs­the­ti­sches Pro­blem han­delt“, sagt Ann Ma­ri­ni vom GKV-Spit­zen­ver­band. Die Kas­se zah­let nur, „wenn mit der Ope­ra­ti­on ein Funk­ti­ons­de­fi­zit be­ho­ben oder ei­ne er­heb­li­che Ent­stel­lung be­sei­tigt wird“, so Ma­ri­ni. Gera­de beim letz­ten Aspekt gibt es stren­ge Vor­ga­ben. Sabine Meu­ter

MASSARBEIT: Vor und nach dem Ein­griff wird der Ab­stand zwi­schen Ohr­mu­schel und Kopf ge­mes­sen. Ar­chiv­fo­to: dpa

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