Von un­er­träg­li­cher Leich­tig­keit i

Small Talk macht vie­len Men­schen Angst

Pforzheimer Kurier - - FAMILIE UND GESELLSCHAFT -

Small Talk ge­nießt kein gu­tes Image: ober­fläch­li­ches Ge­plau­der oder nichts­sa­gen­de Ge­sprä­che, die nur der Kar­rie­re die­nen. Nicht nur in­tro­ver­tier­te Men­schen emp­fin­den den be­lang­lo­sen Small Talk im Trep­pen­haus, im Fahr­stuhl oder auf Par­tys als an­stren­gend. Das ist nicht ver­wun­der­lich, sa­gen For­scher vom nie­der­län­di­schen Max-PlanckIn­sti­tut für Psy­cho­lin­gu­is­tik: „Un­ter­hal­tun­gen sind ei­ne der an­spruchs­volls­ten ko­gni­ti­ven Auf­ga­ben in un­se­rem All­tag.“Hau­fen­wei­se Rat­ge­ber hal­ten Tipps be­reit, wie der Small Talk mü­he­los prak­ti­ziert wer­den kann.

Doch war­um ist das über­haupt nö­tig – ge­hört das Spre­chen mit An­de­ren nicht grund­sätz­lich zur mensch­li­chen Na­tur? „Die Leu­te sind es auf der Be­zie­hungs­ebe­ne nicht mehr ge­wohnt, zu kom­mu­ni­zie­ren“, meint da­zu Jörg Zitt­lau, Hoch­schul­do­zent für Psy­cho­lo­gie und Kom­mu­ni­ka­ti­on in Düs­sel­dorf. Trotz feh­len­den Tief­gangs hat der Schwatz, das Ge­plän­kel, die Plauderei mit Un­be­kann­ten aber sei­nen Sinn. Schließ­lich sind zwi­schen­mensch­li­che Kon­tak­te und Ge­sprä­che das „so­zia­le Schmier­mit­tel“ei­ner je­den Ge­sell­schaft und kön­nen der Be­ginn ei­ner neu­en tief­grün­di­gen Be- kannt­schaft sein.

Ja­na Ni­ki­tin, die schon seit vie­len Jah­ren am Psy­cho­lo­gi­schen In­sti­tut der Uni­ver­si­tät Zü­rich zum so­zia­len Ver­hal­ten jün­ge­rer und äl­te­rer Men­schen forscht, be­ur­teilt so­zia­le Be­zie­hun­gen als le­bens­wich­tig für den Men­schen. „Quan­ti­tät und Qua­li­tät so­zia­ler Be­zie­hun­gen be­ein­flus­sen das psy­chi­sche und phy­si­sche Wohl­be­fin­den und ste­hen so­gar im Zu­sam­men­hang mit Mor­ta­li­tät. So­zia­le Be­zie­hun­gen knüp­fen und auf­recht­er­hal­ten zu kön­nen, ist da­her der zen­tra­le Fak­tor er­folg­rei­cher Ent­wick­lung über die ge­sam­te Le­bens­span­ne.“Dar­aus lässt sich fol­gern, dass der Mensch Ge­sprä­che mit an­de­ren braucht, um po­si­ti­ve Ef­fek­te für das ei­ge­ne Wohl­be­fin­den zu er­rei­chen. Dass Ge­sprä­che mit Frem­den so­gar glück­lich ma­chen, das ha­ben wie­der­um bri­ti­sche Psy­cho­lo­gen der Uni­ver­si­tä­ten Co­lum­bia und Cam­bridge her­aus­ge­fun­den: Dem­nach wa­ren Pro­ban­den, die ge­be­ten wur­den, im Zug mit an­de­ren Ge­sprä­che zu füh­ren, an­schlie­ßend viel zu­frie­de­ner als die Men­schen, die still und oh­ne Kon­takt zur Ar­beit fuh­ren. Die Rea­li­tät sieht je­doch an­ders aus: Der Small Talk be­schränkt sich meist nur auf das Ar­beits­um­feld. Be­ob­ach­tet man Jun­ge wie Al­te im Zug, Bus oder an öf­fent­li­chen Or­ten, so wird deut­lich, dass kaum noch Plau­de­rei­en zwi­schen Frem­den statt­fin­den. Vor al­lem die her­an­wach­sen­de Ge­ne­ra­ti­on spricht kaum noch. Sie tex­tet lie­ber. Ei­ner Stu­die des bri­ti­schen Of­fice of Com­mu­ni­ca­ti­on zu­fol­ge, greift die Ge­ne­ra­ti­on der so­ge­nann­ten „Di­gi­tal Na­ti­ves“sel­ten und un­gern zum Te­le­fon­hö­rer: Nur drei Pro­zent der ge­sam­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on von heu­te Zwölf- bis Fünf­zehn­jäh­ri­gen fin­det noch über Te­le­fon­an­ru­fe statt. Ein Small Talk aber ist wie ein Te­le­fo­nat, näm­lich Kom­mu­ni­ka­ti­on in Echt­zeit. Ver­passt die­se Ge­ne­ra­ti­on al­so die Mög­lich­keit, die per­sön­li­che Kon­ver­sa­ti­on zu üben? Es ist an­zu­neh­men, dass die heu­te Jun­gen, wenn sie dann ins Be­rufs­le­ben ein­tre­ten, den Hun­der­ten von Rhe­to­rik­trai­nern und Small Talk-Coa­ches ein gu­tes Ge­schäft brin­gen wer­den. Denn schließ­lich geht es im Be­rufs­all­tag nicht oh­ne Small Talk und zwi­schen­mensch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on. Die Hem­mun­gen sind oft groß, da­zu die Angst, das Fal­sche zu sa­gen oder den An­de­ren gar un­ge­wollt zu be­lei­di­gen – das macht den Small Talk mit­un­ter so un­be­liebt. Die ty­pi­sche Si­tua­ti­on bei ei­ner Par­ty oder ei­nem Emp­fang ist da­her fast je­dem ver­traut: Der Raum ist vol­ler Men­schen, al­le un­ter­hal­ten sich, doch die ei­ge­ne Zun­ge ist schwer wie Blei. Ner­vös tip­pelt man auf der Stel­le oder be­wegt sich ziel­los im Raum, am liebs­ten oh­ne Au­gen­kon­takt. Schweiß steigt hoch und der Griff ums Wein­glas ver­krampft. Der ein­zi­ge Ge­dan­ke dann: „War­um kann ich nicht, was al­le an­de­ren kön­nen?“

War­um ist der Small Talk für den ei­nen so un­er­träg­lich und für an­de­re ei­ne Leich­tig­keit? Es steht fest, dass ex­tro­ver­tier­ten Men­schen die Kon­ver­sa­ti­on mit An­de­ren na­tur­ge­mäß leich­ter fällt. Aber die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­fis sind sich ei­nig: Small Talk ist für je­den er­lern­bar. Wie al­le so­zia­len Vor­gän­ge sei Small Talk Übungs­sa­che. „Und üben kön­nen wir übe­r­all dort, wo es sich lohnt, die At­mo­sphä­re auf­zu­lo­ckern“, sagt Zitt­lau. Denn wer in un­ver­fäng­li­chen Si­tua­tio­nen übt, – al­so beim Zahn­arzt, im Ta­xi oder mit den Nach­barn – ist für den Ernst­fall ge­wapp­net!

Der „Ernst­fall“fin­det dann oft in un­be­kann­ter ge­sell­schaft­li­cher Run­de statt. Hier­zu gibt der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­psy­cho­lo­ge Frank Nau­mann in sei­nem Buch „Die Kunst des Small Talks“den fol­gen­den Ein­stiegs­tipp: „Set­zen Sie ein Lä­cheln auf und fra­gen Sie, wo­her Ihr Ge­gen­über den/die Gast­ge­ber kennt. Oder ob er/sie das ers­te Mal hier ist. Jetzt müs­sen Sie nur noch sa­gen, wie es bei Ih­nen aus­sieht – al­so war­um Sie da sind. Dann stel­len Sie sich vor.“

Nicht oh­ne Grund zählt die Fä­hig­keit zum Small Talk zur so­ge­nann­ten emo­tio­na­len In­tel­li­genz: „Denn man muss beim Small Talk in kür­zes­ter Zeit die emo­tio­na­le Be­find­lich­keit des Ge­gen­übers er­fas­sen“so der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ex­per­te Zitt­lau. Das hat nichts mit Ma­gie zu tun. Statt­des­sen ge­lingt das nach An­sicht al­ler Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­fis durch auf­merk­sa­mes Zu­hö­ren und Be­ob­ach­ten wie der An­de­re re­agiert. Auch soll­ten vor al­lem of­fe­ne Fra­gen ge­stellt und heik­le The­men ver­mie­den wer­den. Ganz falsch ist die An­nah­me, dass der­je­ni­ge am in­ter­es­san­tes­ten ist, der die meis­te Re­de­zeit für sich be­an­sprucht.

Je­doch ver­langt uns der Small Talk nicht nur ein sou­ve­rä­nes und selbst­be­wuss­tes Ge­spräch ab, auch die non-ver­ba­len Si­gna­le spie­len ei­ne gro­ße Rol­le und müs­sen kon­trol­liert wer­den. Die Kör­per­spra­che ver­rät oft mehr, als ei­nem lieb ist. Al­so fra­gen Sie sich: Ste­he ich auf­recht da? Ei­ne zu­sam­men­ge­knick­te Hal­tung si­gna­li­siert kei­ne Of­fen­heit. Ist mein Hän­de­druck kräf­tig und mei­ne Stim­me über­zeu­gend? Schließ­lich soll auch beim An­ge­spro­che­nen In­ter­es­se ge­weckt wer­den. Schaue ich mei­nem Ge­gen­über in­ter­es­siert in die Au­gen? Denn es nützt nichts, dass ich ei­ne Fra­ge stel­le und dann wo­mög­lich in ei­ne an­de­re Rich­tung schaue.

Schluss­end­lich muss die klei­ne Kon­ver­sa­ti­on dann ganz und gar nicht ober­fläch­lich oder lang­wei­lig ver­lau­fen. Bie­tet sie doch für bei­de Ge­sprächs­part­ner im­mer die Ge­le­gen­heit, Neu­es zu ler­nen. „Sprich mit den Leu­ten über das, was sie ver­ste­hen: mit dem Jä­ger über die Jagd, mit dem Fi­scher über den Fisch­fang, mit dem Win­zer über den Wein. Das gibt im­mer ein gu­tes Ge­spräch“, sag­te ein­mal der deut­sche Ly­ri­ker Fried­rich Ge­org Jün­ger. Es liegt al­so an je­dem selbst, aus ei­nem un­ver­fäng­li­chen ein tief­grün­di­ges Ge­spräch wer­den zu las­sen. Es gilt nur, den ers­ten Schritt zu wa­gen. Ant­je Ur­ban

Li­te­ra­tur

J. Zitt­lau: „ Small Talk: Was kann ich sa­gen? Wie ver­mei­de ich pein­li­che Si­tua­tio­nen? Wie überzeuge ich im Ge­spräch?“, Hum­boldt Ver­lag, 9,95 Eu­ro

Frank Nau­mann: „Die Kunst des Small Talks“, Ro­wohlt Ta­schen­buch Ver­lag, 9,99 Eu­ro

W. Mo­schitz­ky/F. Hartl: „Raus aus dem Schne­cken­haus – So­zia­le Ängs­te über­win­den“, Pat­mos Ver­lag, 14,90 Eu­ro

„Sprich’ mit dem Jä­ger über die Jagd“

Foto: Raw­pi­xel / Ado­be Stock

WIE EIN FISCH IM WAS­SER ODER FEHL AM PLATZ: Si­tua­tio­nen, in de­nen Small Talk ge­fragt ist, gibt es häu­fig. Man­chen Men­schen macht al­lein der Ge­dan­ke an die lo­cke­re, so­zia­le In­ter­ak­ti­on zu schaf­fen, an­de­re plau­dern mun­ter drauf los und füh­len sich sehr wohl da­bei.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.