„An­ar­chie ist ei­ne Uto­pie“

An­ti­lo­pen Gang

Pforzheimer Kurier - - MUSIK-SZENE - DIE PUNKS DES RAP: An­ti­lo­pen Gang. Foto: Ro­bert Ei­kel­poth

Kol­jah, Dan­ger Dan und Pa­nik Pan­zer sind die An­ti­lo­pen Gang. Das lin­ke Rap-Trio aus Düs­sel­dorf und Aa­chen hat sich auf die Fah­nen ge­schrie­ben, die Gren­zen der deut­schen Hip-Hop-Mu­sik zu ver­schie­ben – in Rich­tung Punk. In ih­rem neu­es­ten Werk „An­ar­chie und All­tag“las­sen Kol­ja Pod­ko­wik, Da­ni­el Pon­gratz und To­bi­as Pon­gratz klas­si­schen Hip-Hop auf ech­te In­stru­men­te wie E-Gi­tar­re und Kla­vier tref­fen und spa­ren nicht an Kri­tik an der Ge­sell­schaft – und an sich selbst. Die De­lu­xe-Ver­si­on kommt mit ei­nem Bo­nusal­bum da­her. Da­rin in­ter­pre­tie­ren Punk-Pio­nie­re wie Cam­pi­no, Be­la B und Pe­ter Hein mit der An­ti­lo­pen Gang zwölf „Klas­si­ker“aus de­ren Re­per­toire neu.

Sie zi­tie­ren in Ih­ren Songs im­mer wie­der Deutsch-Punk- und -ro­ckPio­nie­re wie die Fehl­far­ben, Ton St­ei­ne Scher­ben und Ina De­ter. Mö­gen Sie, wie die mit Spra­che um­ge­hen?

Dan­ger Dan: Neu­lich woll­te ich ei­ne Spo­ti­fy-Play­list ma­chen und da­für ein paar gei­le Lie­der raus­su­chen, die ich gera­de gern hö­re. Aber vie­le Lie­der gibt es gar nicht auf Spo­ti­fy, weil sie of­fen­bar zu alt sind. Die Band Ide­al zum Bei­spiel war lan­ge vor mei­ner Zeit da, aber sie klingt krass ak­tu­ell.

Kol­jah: Die frü­hen 80er wa­ren mu­si­ka­lisch span­nend, weil die deut­sche Spra­che in der Zeit so rich­tig zu rol­len be­gann. 1980 kam die ers­te Plat­te der Fehl­far­ben her­aus. Sie ist für mich bis heu­te un­er­reicht.

„An­ar­chie und All­tag“ist ei­ne An­spie­lung auf die Fehl­far­ben-Plat­te „Mon­ar­chie und All­tag“. Sie gilt als Klas­si­ker des deut­schen Punk. Wel­che Be­deu­tung hat das Wort Punk für Sie?

Kol­jah: Wir ha­ben al­le drei ei­ne Pun­kSo­zia­li­sa­ti­on und kom­men mit un­se­rer Band aus ei­nem Au­to­no­me-Zen­trenUm­feld. Wir wer­den heu­te im­mer als die Pun­ker im Rap ge­se­hen, aber frü­her war das ge­nau um­ge­kehrt. Da­mals wa­ren Hip-Hop-Ver­an­stal­tun­gen in au­to­no­men Zen­tren noch et­was Un­ge­wöhn­li­ches. Es kommt al­so im­mer auf die je­wei­li­ge Um­ge­bung an, da­bei sind wir im­mer die­sel­ben!

Ist die Idee von Punk heu­te im­mer noch die­sel­be wie 1977? Dan­ger Dan: Die Idee von Punk kann man ei­gent­lich nicht über 40 Jah­re kon­ser­vie­ren. 1977 wur­den die­se gan­zen auf­ge­bla­se­nen Rock­stars mit ih­ren sie­ben­mi­nü­ti­gen Gi­tar­ren­so­li von der Punk-Wel­le auf ein­mal weg­ge­fegt und je­der konn­te sich qua­si ein In­stru­ment schnap­pen und los­le­gen. Mitt­ler­wei­le ist Punk selbst ein alt­ein­ge­ses­se­nes Mu­sik­gen­re. Von da­her kann die Idee heu­te nicht mehr die glei­che sein. Heu­te müss­te es ei­gent­lich dar­um ge­hen, den ar­ri­vier­ten Punk­rock­bands in den Arsch zu tre­ten. Aber man kann na­tür­lich im­mer noch sub­ver­siv sein, Al­tes in­fra­ge stel­len und Neu­es schaf­fen. Gera­de Hip-Hop ist ei­ne Mu­sik­rich­tung, in der sich je­der aus­drü­cken kann.

Was ha­ben An­ar­chie und All­tag ge­mein­sam? Kol­jah: Das ist ei­gent­lich ein Wi­der­spruch. Es kommt im­mer drauf an, was man un­ter An­ar­chie ver­steht. Das kann z.B. ei­ne herr­schafts­lo­se Ge­sell­schaft sein. Man könn­te auch sa­gen, wir als Band le­ben An­ar­chie und All­tag, weil wir im ei­nen Mo­ment auf Büh­nen durch­dre­hen und im nächs­ten sind wir wie­der zu Hau­se. Aber ei­gent­lich ist An­ar­chie ei­ne Uto­pie.

Dan­ger Dan: Wir stell­ten uns vor, wie ei­ne Al­ter­na­ti­ve zum Ka­pi­ta­lis­mus aus­se­hen könn­te: In die­ser schö­nen Welt lie­gen wir al­le am Strand, füt­tern En­ten und es­sen Eis. Der Song ist ei­ne kon­kre­te po­li­ti­sche For­de­rung, wie man das um­set­zen kann. Und zwar mit ei­nem ato­ma­ren Erst­schlag der Ver­nunft: die­ses Land weg­bom­ben und es an­schlie­ßend flu­ten! Dort rich­tet man dann ein Er­ho­lungs­ge­biet ein, das für al­le frei zu­gäng­lich ist. Und ge­nau das möch­ten wir im Lau­fe des Jah­res um­set­zen. Ein Song heißt „Lob der Lü­ge“. Sind Sie schon mal be­lo­gen oder ab­ge­zockt wor­den?

Kol­jah: Als ich noch Kif­fer war, wur­de ich re­gel­mä­ßig ab­ge­zockt beim Ver­such, mir Gras zu kau­fen. Ich ha­be al­les ge­glaubt und bin auf je­den Un­sinn rein­ge­fal­len. Als Ju­gend­li­cher ha­be ich schon für 20 D-Mark Brenn­nes­seln ge­kauft.

Das Lied „Pa­ti­en­ten­kol­lek­tiv“han­delt von De­pres­sio­nen. Was in­ter­es­siert Sie als jun­ge Men­schen ei­gent­lich an die­ser Krank­heit?

Dan­ger Dan: Wir ha­ben sel­ber in un­se­rer Band-Ge­schich­te ei­nen To­des­fall durch Sui­zid, das hat­te na­tür­lich et­was mit De­pres­sio­nen zu tun. Über 600 Min­der­jäh­ri­ge neh­men sich je­des Jahr das Le­ben, weil sie De­pres­sio­nen ha­ben. Um die­ses The­ma kommt man nicht her­um. Pha­sen­wei­se bin ich da­von selbst be­trof­fen, ob­wohl ich das nicht pa­tho­lo­gisch se­hen wür­de.

2013 brach­te sich Ihr da­ma­li­ger Band­kol­le­ge Ja­kob Wich ali­as NMZS (ne:me:sis) im Al­ter von 28 Jah­ren um. Wie se­hen Sie das rück­bli­ckend?

Dan­ger Dan: Man kann so was nicht ver­hin­dern, es ist im­mer die Ent­schei­dung der­je­ni­gen, die es ma­chen. Aber man kann da­für sen­si­bi­li­sie­ren. Wenn man De­pres­sio­nen ernst nimmt, kann man sich da­mit früh ge­nug aus­ein­an­der­set­zen, be­vor sie zu ei­ner töd­li­chen Krank­heit wer­den.

Ihr Hit „Beate Zschä­pe hört U2“führ­te zu ei­ner Kla­ge, die Sie ge­wan­nen. Füh­len sich von dem Lied noch im­mer Men­schen auf den Schlips ge­tre­ten?

Kol­jah: Wir ha­ben vie­le E-Mails und Kom­men­ta­re aus der rech­ten und der Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker-Sze­ne be­kom­men. Das ging bis hin zu wüs­ten Be­schimp­fun­gen und Mord­dro­hun­gen. Wir ha­ben da in ein We­s­pen­nest ge­sto­chen und sind zu ei­nem Feind­bild ge­wor­den für die Leu­te, die wir in „Beate Zschä­pe hört U2“an­ge­spro­chen ha­ben.

Dan­ger Dan: Aber nicht nur Na­zis ha­ben das Lied ge­hört. Die Ama­deo An­to­nio Stif­tung hat uns ex­pli­zit für die­ses Lied mit ei­nem Preis aus­ge­zeich­net. Vie­le ha­ben sich ge­freut, dass so et­was zur Spra­che kommt.

Wie ge­hen Sie mit Mord­dro­hun­gen um?

Kol­jah: Bis­lang war noch kei­ne Mord­dro­hung da­bei, die ich so ernst ge­nom­men ha­be, dass ich mir rich­tig Sor­gen ge­macht ha­be.

Pa­nik Pan­zer: So­bald man in der Öf­fent­lich­keit steht, muss man ler­nen, mit so was um­zu­ge­hen. Bei sehr ge­fäl­li­gen Künst­lern kommt das wahr­schein­lich sel­te­ner vor als bei ei­ner An­ti­lo­pen Gang. Aber mit der Zeit stumpft man da­ge­gen ab und es ist ei­nem egal.

Dan­ger Dan: Be­schimp­fun­gen von Leu­ten, die ich schei­ße fin­de, sind für mich eher ei­ne Aus­zeich­nung und ein Kom­pli­ment. Nichts­des­to­trotz darf man das nicht her­un­ter­spie­len. Es gibt ei­ne mi­li­tan­te rech­te Sze­ne. Men­schen, für die die rech­te Sze­ne ei­ne ernst­haf­te Be­dro­hung be­deu­tet, kön­nen sich die­se Rol­le nicht aus­su­chen, weil sie in den Au­gen der Rech­ten ein­fach die fal­sche Haut­far­be oder se­xu­el­le Ori­en­tie­rung ha­ben. In un­se­rem Fall ist es eher ein Lu­xus, in de­ren Fa­den­kreuz zu ge­ra­ten. In­ter­view: Olaf Ne­u­mann

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