Das neue so­zia­le Ver­ständ­nis

Sa­ti­re der Wo­che

Pforzheimer Kurier - - BUNTE SEITE -

„Ich ha­be ge­hört, Sie stel­len Leu­te ein?“Er­war­tungs­voll sah ich den Di­rek­tor im Per­so­nal­bü­ro des Au­to­mo­bil­kon­zerns an.

„Nun ja ...“, zö­ger­te er, „wir er­war­ten ei­nen leich­ten Auf­wärts­trend.“Er mus­ter­te mich. „Sie ha­ben Fach­kennt­nis­se?“

„Ich ha­be über zwan­zig Jah­re schon bei Opel am Band ge­ar­bei­tet“, nick­te ich, „bis zur drit­ten Neu­struk­tu­rie­rung und Um­schich­tung.“

„Hm ja“, blät­ter­te der Per­so­nal­di­rek­tor in mei­nen Un­ter­la­gen, „Sie sind Sing­le?“

„Ja, Sie stel­len kei­ne Sing­le ein?“, frag­te ich er­schro­cken. „So­gar be­vor­zugt, ha­ben wir be­schlos­sen“, be­ru­hig­te er mich, „un­ser neu­es so­zia­les En­ga­ge­ment.“

„Und ... was wür­de ich so ver­die­nen?“, woll­te ich wis­sen, nach Mei­nung des Per­so­nal­di­rek­tors si­cher viel zu früh.

Der Mann run­zel­te die Stirn: „Das hier ist un­ser Haus­ta­rif.“Er leg­te mir ei­nen Blan­ko-Ver­trag auf den Tisch.

„Oh ...“, at­me­te ich tief durch, „nicht gera­de vie l...“

„Wenn Sie es so se­hen“, er­wi­der­te mein Ge­gen­über, „wir ha­ben vie­le Be­wer­ber.“

„Aber Ihr Haus­ta­rif, er sieht so nach ei­nem por­tu­gie­si­schen Ta­rif aus“, schüt­tel­te ich den Kopf. Der Per­so­nal­di­rek­tor lach­te. „Nein, nein, Sie brau­chen nicht nach Por­tu­gal. Sie ar­bei­ten und wir zah­len hier.“Er sah mich nach­denk­lich an, flüs­ter­te dann. „Wis­sen Sie, für die Zu­kunft ... Wir ha­ben uns die Un­ter­la­gen aus Tsche­chi­en schi­cken las­sen. Und in den nächs­ten Ta­gen er­war­ten wir wel­che von Part­ner­be­trie­ben aus der Ukrai­ne. Ver­ste­hen Sie? Für die Ein­stel­lun­gen in den nächs­ten Wo­chen wer­den wir un­se­ren Haus­ta­rif noch ein­mal über­ar­bei­ten müs­sen.“

„Aber ich muss auch le­ben, Mie­te zah­len“, wehr­te ich mich.

„Da könn­te ich Ih­nen viel­leicht ent­ge­gen­kom­men“, über­leg­te der Per­so­nal­di­rek­tor, „wir stel­len Ih­nen ei­ne Wohn­mög­lich­keit, Ih­re Mie­te kön­nen Sie spa­ren. Wie schon ge­sagt, un­se­re So­zi­al­leis­tun­gen sind nicht oh­ne.“„Miet­frei?“, staun­te ich. „Güns­ti­ger“, nick­te der Per­so­nal­di­rek­tor, „di­rekt auf dem Werk­ge­län­de. Die La­ger­hal­len sol­len in den nächs­ten Jah­ren so­gar re­no­viert wer­den.“Er krit­zel­te ei­ni­ge Zah­len auf ein Blatt Pa­pier. „Se­hen Sie, wenn Sie Ih­re ge­spar­te Mie­te hin­zu­rech­nen, ha­ben Sie viel­leicht so­gar mehr als am Opel-Band.“

„Trotz­dem, bei dem Ge­halt“, ich zö­ger­te noch im­mer, „da kann ich mir ja nie mehr ein Au­to leis­ten.“

„Oh, aber da­von le­ben wir doch“, be­ton­te der Per­so­nal­di­rek­tor und deu­te­te auf den klein­ge­druck­ten Schluss­ab­satz des Ver­tra­ges. „Gut, dass Sie das an­spre­chen. Der Kauf zu­min­dest ei­nes Klein­wa­gens al­le drei bis vier Jah­re ist ob­li­ga­to­risch und In­halt Ih­res Ar­beits­ver­tra­ges, se­hen Sie hier.“„Aber ... wie soll ich den be­zah­len.“„Ei­ne wei­te­re So­zi­al­leis­tung von uns“, strahl­te der Per­so­nal­di­rek­tor, „den Kre­dit stel­len wir über un­se­re Haus­bank, zum nicht ein­mal hal­ben markt­üb­li­chen Zins­satz.“„Oh ...“, nick­te ich nach­denk­lich. „Wenn Sie sich zu je­der­zeit ab­ruf­ba­ren zu­sätz­li­chen Über­stun­den ver­pflich­ten.“Er deu­te­te auf ei­ne der Ver­trags­pas­sa­gen. „Die ich be­zahlt be­kom­me?“, at­me­te ich auf. Lä­chelnd schüt­tel­te der Per­so­nal­di­rek­tor den Kopf. „Als pau­scha­le Ab­gel­tung für die Zin­sen.“

Dann kam ich den Per­so­nal­di­rek­tor doch noch zu­vor. Ich un­ter­schrieb den Ver­trag, be­vor er ihn zu­rück­zie­hen konn­te.

„Deut­sche Ar­beit­ge­ber wie­der so­zia­ler“, hieß es neu­lich in den Me­di­en. Wie wahr.

Ha­rald Rom­ei­kat

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