Bei 80 Pro­zent Ge­fäl­le ist 100 Pro­zent Mut ge­for­dert

Das Ski­ge­biet Hoch­zei­ger im Pitz­tal

Pforzheimer Kurier - - REISE -

Ist er‘s oder ist er‘s nicht? Das blon­de Kraft­pa­ket mit dem per­fek­ten Ski­sch­wung flitzt so welt­meis­ter­lich durchs mör­de­risch stei­le Ka­no­nen­rohr, dass der leid­lich pas­sa­ble Bret­tel­fan für ei­nen Mo­ment an ei­ne gött­li­che (Ski-) Er­schei­nung denkt.

Ganz aus­ge­schlos­sen wä­re es ja nicht, hier am Hoch­zei­ger im ös­ter­rei­chi­schen Pitz­tal. Im­mer­hin lebt der Wun­der­kna­be, der als zwei­fa­cher Olym­pia­sie­ger und mehr­ma­li­ger Welt­meis­ter im Ge­schichts­buch des Ski­sports steht, nur ein paar Ki­lo­me­ter Luft­li­nie von der tief­schwar­zen Ab­fahrts­pis­te ent­fernt, die man­chem An­fän­ger das Herz in die Ho­se rut­schen lässt. Und wel­ches Ass kann schon der Ver­su­chung wi­der­ste­hen, auf der ei­ge­nen Pis­te zu car­ven? Wo­mög­lich hat Ben­ni Raich, der ins­ge­samt 36 Welt­cup­sie­ge für den ös­ter­rei­chi­schen Ski­ver­band er­rang, aber auch an­de­res zu tun, als sich in hals­bre­che­ri­scher Ma­nier ins Ka­no­nen­rohr zu stür­zen. Der 38-Jäh­ri­ge und sei­ne Frau Mar­lies Schild, eben­falls ein Ass auf den kur­vi­gen Lat­ten, ha­ben näm­lich ei­nen klei­nen Sohn. Da ist wohl eher Win­del­wech­seln statt Kur­ven­flit­zen an­ge­sagt.

Die Grund­la­gen für das Kön­nen des ös­ter­rei­chi­schen Aus­nah­me­sport­lers wur­den je­den­falls hier ge­legt, im Pitz­tal, das sich von Imst im Inn­tal über gut 40 Ki­lo­me­ter bis hin­auf nach Mit­tel­berg er­streckt. Und auch spä­ter hielt der aus Arzl stam­men­de Spit­zen­ath­let der Hei­mat die Treue: Im Herbst zog es ihn zum Sla­lom­trai­ning auf den Pitz­ta­ler Glet­scher, wo die Chan­cen groß sind, auf Hir­scher, Schif­frin & Co zu tref­fen. Im Win­ter saus­te der Ge­samt­welt­cup­ge­win­ner des Jah­res 2006 über stei­len aber brei­ten Hän­ge am Hoch­zei­ger, wo seit 50 Jah­ren Ski ge­fah­ren wird. Die Pitz­ta­ler wis­sen, was sie ih­rem be­rühm­ten Sohn ver­dan­ken, ha­ben ihm gar ei­ne Aus­stel­lung im Zei­ger­re­stau­rant auf 2 000 Me­tern ge­wid­met – mit et­li­chen Tro­phä­en des er­folg­reichs­ten Ski-Paa­res der Welt. Doch auch Pri­va­tes ver­rät die Schau – bei­spiels­wei­se dass Mar­lies Top­fen­knö­del liebt, wäh­rend sich ihr Herz­bu­be für Buch­teln be­geis­tert. Und dass die lei­den­schaft­li­che Kö­chin in der ak­ti­ven Ath­le­ten-Zeit we­gen des enor­men Ka­lo­ri­en­be­darfs Por­tio­nen für fünf, statt für zwei Per­so­nen ko­chen durf­te. Und wahr­schein­lich auch ver­putzt hat.

Jahr­zehn­te­lang wur­de das Pitz­tal links lie­gen ge­las­sen, wäh­rend im be­nach­bar­ten Ötz­tal be­reits der Bär stepp­te. Gan­ze 450 Me­ter maß der „Son­neck­lift“, ein Tel­ler­lift, den die Fa­mi­lie Re­in­stad­ler 1960 er­öff­ne­te; ei­nen Schil­ling kos­te­te Fuß­fau­le die Fahrt. Rich­tig auf­wärts­ging es aber erst 1966 mit der Grün­dung der Pitz­ta­ler Er­schlie­ßungs­ge­sell­schaft und dem Bau ei­nes Ein-Ses­sel­lif­tes. Der ist na­tür­lich eben­so ver­schwun­den wie all die an­de­ren his­to­ri­schen Re­lik­te: Die 40 Pis­ten­ki­lo­me­ter auf den weit­läu­fi­gen Hän­gen ober­halb von Jer­zens wer­den heu­te durch kom­for­ta­ble Gon­deln und Ses­sel­lif­te er­schlos­sen. Nur beim Schlepp­lift auf den 2225 Me­ter ho­hen Zoll­berg ist noch Stand­fes­tig­keit ge­for­dert, und die et­was be­tag­te­re Rot­moos-Bahn soll eben­falls er­setzt wer­den.

So klein das Pitz­ta­ler Ski­ge­biet auch ist: Selbst sport­li­che Fah­rer fin­den Ge­fal­len an dem Re­vier, das schon mehr­fach we­gen sei­ner Fa­mi­li­en­freund­lich­keit punk­te­te. Die hand­voll schwar­zer Pis­ten – dar­un­ter be­sag­te Ben­ni RaichAb­fahrt – ha­ben es in sich. Mit bis zu 80 Pro­zent Ge­fäl­le ist bei der zwei Ki­lo­me­ter lan­gen Zir­ben­fall-Ab­fahrt so­gar 100 Pro­zent Mut ge­for­dert. Im­mer­hin gibt es ei­ne ro­te Um­fah­rung, die dank atem­be­rau­ben­der Bli­cke ins Inn­tal auch Steil­heits­fa­na­ti­ker be­geis­tern dürf­te. Und weil das Kind im Man­ne ge­le­gent­lich nach an­de­ren Un­ter­neh­die

mun­gen ver­langt, dür­fen die Her­ren der Schöp­fung – aber auch ih­re bes­se­ren Hälf­ten – an drei Aben­den in der Wo­che di­rekt ne­ben dem Pis­ten­bul­lyFah­rer Platz neh­men und live da­bei sein, wenn die Pis­ten für den nächs­ten Tag prä­pa­riert wer­den. Sechs mar­tia­li­sche Main­zel­männ­chen, je­des zwölf Ton­nen schwer und 500 PS stark, schwär­men Nacht für Nacht aus, da­mit bis zu 6000 Ski­fah­rer am nächs­ten Mor­gen ech­te Traum­pis­ten vor­fin­den. Für Pis­ten­chef Christian Kir­cheb­ner sind die nächt­li­chen Ein­sät­ze All­tag. Aber manch­mal er­lebt auch er sein blau­es Wun­der: wenn Ver­lieb­te die Pis­ten­bul­ly-Fahrt für ei­nen Hei­rats­an­trag nut­zen. „Aber im Prin­zip zeigt das ja nur, wie schön wir es hier ha­ben“, sagt er, be­vor er wie­der durch­star­tet.

Ros­wi­tha Bru­der-Pa­se­wald

WO CRACKS TRAI­NIE­REN: Die Ben­ni-Raich-Ab­fahrt ist ei­ne von et­li­chen schwar­zen Pis­ten im Ski­ge­biet Hoch­zei­ger im Pitz­tal. Fotos: wit

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