Tan­zen, bis der Sohn kommt

von Si­byl­le Kra­nich

Pforzheimer Kurier - - FAMILIE UND GESELLSCHAFT -

Die­sem Land fehlt et­was. Ganz drin­gend so­gar. Deutsch­land braucht mehr Dis­cos. Nicht für jun­ge Men­schen. Nein. Die Re­pu­blik braucht Tanz­flä­chen (neu­deutsch: Floors) für El­tern. Ge­schütz­te, ab­ge­dun­kel­te und mit lau­ter Mu­sik be­schall­te Räu­me, zu de­nen aus­schließ­lich sol­che Men­schen Zu­tritt ha­ben, die min­des­tens 15 Jah­re Er­zie­hungs­ar­beit vor­wei­sen kön­nen, für die sie zu­vor aber kei­ne spe­zi­el­le Aus­bil­dung er­hal­ten ha­ben. „Adults on­ly“– müss­te der Warn­hin­weis auf den Ein­las­s­tü­ren lau­ten und – nur zur Ver­deut­li­chung – der eng­li­sche Be­griff „Adult“hat mit dem will­kür­lich vom Ge­setz­ge­ber fest­ge­leg­ten Al­ter der Voll­jäh­rig­keit rein gar nichts zu tun.

Es ist schon wirk­lich er­staun­lich: Man kann die ei­ge­nen Kin­der zu noch so viel To­le­ranz ge­gen­über An­ders­ar­tig­keit er­zie­hen, und doch steht in ir­gend­ei­nem ge­hei­men ge­ne­ti­schen Ma­ni­fest ge­schrie­ben, dass Müt­ter und Vä­ter, die zum Takt der Mu­sik auch nur ei­nen ein­zel­nen Fuß­zeh lüp­fen, von ih­ren Nach­kom­men spon­tan mit ei­nem Blick be­dacht wer­den, der so kalt ist, dass er die glo­ba­le Kli­ma­er­wär­mung auf ei­nen Schlag stop­pen könn­te.

„Ähh, Ma­ma ... was machst Du da“, frag­te jüngst der Herr Sohn, als er die Kü­che be­trat, in der gera­de – wohl­ge­merkt auch sei­ne – Spei­se von ei­ner gut ge­laun­ten und zum Takt der Mu­sik sich ge­schmei­dig be­we­gen­den Kö­chin zu­be­rei­tet wur­de. Ein Blick – ein Kil­ler­satz: „Hör so­fort auf. Das ist voll pein­lich!“Die auf­kei­men­de Em­pö­rung müt­ter­li­cher­seits such­te der jun­ge Mann mit der harm­lo­sen und pseu­do-in­for­ma­ti­ven Nach­fra­ge „Was gibt’s denn?“zu ent­schär­fen.

Was es gibt? Man könn­te dem jun­gen Mann ent­ge­gen, dass noch ei­ni­ges gibt. Dass er sich als hüft­stei­fer „di­gi­tal na­ti­ve“ei­ne Schei­be ab­schnei­den könn­te vom Rhyth­mus­ge­fühl und der Ele­ganz, mit der sei­ne Mut­ter übers Kü­chen­par­kett fegt. An­de­rer­seits – was soll’s? So ist es nun mal und man kann sich mit dem hüb­schen Ge­dan­ken trös­ten, dass ei­nes Ta­ges selbst der Sohn von Sha­ki­ra mal vor Scham über den Hüft­schwung sei­ner Mut­ter im Bo­den ver­sin­ken will. Ach und ei­nes bleibt El­tern na­tür­lich un­be­nom­men: Das Ta­schen­geld des Soh­ne­manns zur Stra­fe an der Bar der nächs­ten Er­wach­se­nen-Dis­co zu ver­ju­beln. Wenn es sie denn bald gibt.

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