Die bes­te al­ler mög­li­chen Wel­ten

Pforz­heim: Leo­nard Bern­steins „Can­di­de“

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Ein Mach­werk. Ein ge­nia­les. Mehr als ein hal­bes Dut­zend Mit­ar­bei­ter war an der Ent­ste­hungs- und Auf­füh­rungs­ge­schich­te von Leo­nard Bern­steins wech­sel­wei­se als Ope­ret­te, Oper und Mu­si­cal be­zeich­ne­tem „Can­di­de“zu­gan­ge, des­sen Auf­füh­rungs­ma­te­ri­al Bi­b­lio­the­ken füllt. Erst En­de der 1980er Jah­re kris­tal­li­sier­te sich an der Scot­tish Ope­ra in ei­ner von Jus­tin Brown, dem Karls­ru­her Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor, di­ri­gier­ten Auf­füh­rung ei­ne prak­ti­ka­ble Form her­aus. Auf die­se stützt sich jetzt auch das Thea­ter Pforz­heim, das sich nach Weills „Street Sce­ne“und Bern­steins „West Si­de Sto­ry“neu­er­lich dem sich zwi­schen eu­ro­päi­scher Ope­ret­te und ame­ri­ka­nisch rea­lis­ti­scher Broad­way Ope­ra son­die­ren­den Mu­sik­thea­ter der Neu­en Welt zu­wand­te.

Ganz so un­ge­wöhn­lich wie die Wahl des Stof­fes, Vol­taires phi­lo­so­phi­sche Er­zäh­lung „Can­di­de oder der Op­ti­mis­mus“, für ei­ne Broad­wayauf­füh­rung er­schien, war sie es in den Jah­ren der McCar­thy-Ära und der Su­che nach der bes­ten al­ler mög­li­chen Wel­ten nicht. Lil­li­an Hell­mann, die das The­ma auf­ge­wor­fen hat­te, war in die Fän­ge des Ko­mi­tees für un­ame­ri­ka­ni­sche Um­trie­be ge­ra­ten. Auch ei­ne wei­te­re Au­to­rin, Do­ro­thy Par­ker, wur­de mehr­fach ver­hört. In sei­nem ne­ga­ti­ven Mär­chen mach­te sich Vol­taire zwar über nai­ven Op­ti­mis­mus und Uto­pieg­läu­big­keit lus­tig. Doch die aus der „reins­ten Glück­se­lig­keit“ei­nes Schlos­ses in West­fa­len ver­trie­be­nen, ge­schän­de­ten, ge­stran­de­ten, ge­tö­te­ten und wie­der be­leb­ten Ge­stal­ten, die den sie­ben­jäh­ri­gen Krieg und das Er­be­ben von Lis­s­a­bon, Skla­ve­rei und re­li­giö­sen Fa­na­tis­mus, Krie­ge und mensch­li­che Nie­der­tracht, Sy­phi­lis und Aus­schwei­fun­gen er­dul­den, Kan­ni­ba­lis­mus und sich mit Af­fen paa­ren­de Men­schen er­le­ben, die von der Lan­ge­wei­le ei­nes Le­bens in Lu­xus ge­plagt wer­den und ih­rer Ver­gan­gen­heit Le­be­wohl sa­gen: Sie fin­den sich schließ­lich auf ei­nem klei­nen Bau­ern­hof wie­der: „Das Le­ben ist we­der gut noch schlecht. Das Le­ben ist Le­ben, und al­les, was wir wis­sen“. Al­so pflan­zen Cu­n­e­gon­de und Can­di­de ein Bäum­chen.

Die gro­tes­ke Jagd um den Erd­ball nimmt in Mag­da­le­na Fuchs­ber­gers Ins­ze­nie­rung ih­ren An­fang in ei­nem Schloss, wo die Kin­der des Ba­rons, Cu­n­e­gon­de und Ma­xi­mi­li­an, mit Can­di­de in der Ob­hut ih­res Er­zie­hers auf­wach­sen. Can­di­de ver­liebt sich in Cu­n­e­gon­de, wor­auf er aus dem Pa­ra­dies ver­trie­ben wird. Den Gar­ten­saal des Ro­ko­ko­schlos­ses mit der ku­lis­sen­haft an­ge­bun­de­nen Park­an­la­ge macht Dirk Stef­fen Göp­fert als Thea­ter deut­lich, in dem die schwe­ren Samt­vor­hän­ge, die Spie­gel, Bü­cher­wän­de und das Ka­min­sims neue Funk­tio­nen über­neh­men und sich die Wand­pa­nee­le lö­sen bis end­lich im Ve­ne­dig-Bild die Büh­ne nur noch Büh­ne ist. Thea­tra­li­scher Fu­ror, der von Kath­rin He­ge­düschs his­to­risch fan­tas­ti­schen Ko­s­tü­men un­ter­stützt wird. In den sich teils über­stür­zen­den, teils gro­tesk ver­zerr­ten Ge­sche­hen be­hält Fuchs­ber­ger

Bril­lan­te Mu­sik in be­geis­tern­der Ins­ze­nie­rung

die Über­sicht, lässt die Sa­ti­re nie zur Far­ce, den Spott nie zum Kla­mauk wer­den, wahrt ei­ne ro­ko­ko­sanf­te Iro­nie, die den gal­li­gen Witz und Hu­mor des glän­zen­den Tex­tes zur Gel­tung bringt.

Vir­tu­os ver­wan­delt sich Bern­steins Mu­sik von Sze­ne zu Sze­ne, wirft sich so­zu­sa­gen im­mer ein neu­es Ko­s­tüm über und lässt sich vom rhyth­mi­schen Wir­bel der bril­lan­ten Ou­ver­tü­re bis zur emo­tio­na­len Wucht des Schluss­chors in kei­ne Schub­la­de ste­cken. Da ist al­les drin. Der ät­zen­de Spott, mit dem Leh­rer Pang­loss Can­di­de über­schüt­tet, wird so wie­ne­risch ope­ret­ten­leicht wie das Sah­ne­häub­chen auf ei­ner Tor­te ser­viert. Cu­n­e­gon­de, die ei­ne Mas­sen­ver­ge­wal­ti­gung hin­ter sich hat, singt ih­re Ju­we­le­na­rie „Glit­ter And Be Gay“als Re­mi­nis­zenz an fran­zö­si­sche Opé­ra Ly­ri­que des 19. Jahr­hun­derts, was der da­bei am Kron­leuch­ter jon­glie­ren­den Eli­san­dra Me­lián aus­ge­zeich­net ge­lingt. Can­di­des Me­dia­tio­nen, die Jo­han­nes Strauß mit keu­scher In­ten­si­tät und kind­li­cher Auf­rich­tig­keit singt, be­sit­zen die Sanft­mut ei­ner Haydn-Arie. Spä­tes­tens mit „Can­di­de“hat Mi­no Ma­ra­ni sein Ge­sel­len­stück ge­lie­fert. Mit der Ba­di­schen Phil­har­mo­nie reizt er al­le Spiel­ar­ten von Wa­gner bis Zwölf­ton­mu­sik ele­gant und ka­ba­rett­reif aus, wie im Tan­go der Al­ten La­dy, de­ren bi­zar­re At­ti­tü­de An­na Aga­thons mit ei­ner cha­rak­ter­voll zer­furch­ten

ROKOKOHAFTE IRO­NIE be­herrscht das Trei­ben der Ins­ze­nie­rung von Mag­da­le­na Fuchs­ber­ger. Die Fi­gu­ren, hier Jo­han­nes Strauß (Can­di­de) und Chris Mur­ray (Vol­taire), be­we­gen sich im reiz­voll ein­ge­rich­te­ten Gar­ten­saal ei­nes Ro­ko­ko­schlos­ses. Fo­to: Hay­mann

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.